Autoshow Peking 2012: Da hat es Boom gemacht

Aus Peking berichtet Jürgen Pander

Autoshow Peking: Die Neuheiten der Messe Fotos
Jürgen Pander

Längst ist China das gelobte Land der Autoindustrie, mit im Schnitt zweistelligen Wachstumsraten das Eldorado der Branche. Entsprechend groß ist der Auftrieb auf der diesjährigen Peking Autoshow. Vor allem die deutschen Hersteller profitieren vom Boom. Ein Messerundgang.

In Deutschland werden heute kaum noch Neuwagen verkauft, ohne dass nicht ein satter Rabatt verhandelt wird. In China ist das umgekehrt: Hier sind Neuwagenkäufer bereit, zwischen fünf und zehn Prozent auf den Listenpreis draufzulegen, nur um an ein begehrtes Modell zu kommen. Verrückte Autowelt? China halt.

Seit drei Jahren ist das Land der größte Pkw-Markt der Welt, 12,7 Millionen Fahrzeuge wurden im vergangenen Jahr verkauft. Und das war beinahe schon enttäuschend, das Wachstum nämlich lag nur noch bei 8,7 Prozent, war also nicht mehr zweistellig wie in den Jahren davor.

In diesem Jahr könnte es jedoch wieder klappen: Es ist das Jahr des Drachen, und für die Chinesen ist das kein Hokuspokus, sondern etwas Besonderes. "Der Drache, das ist der König, der Eroberer", sagte eine junge Frau auf der Messe geradezu ehrfürchtig. Dem Drachenmotiv begegnet man auch auf der Autoshow immer wieder: als Stickerei auf den Ledersitzen, als Airbrush-Bild auf der Karosserie oder gleich als komplettes Auto wie beim Smart-Sondermodell Dragon.

Eldorado für deutsche Hersteller

Für dieses Drachenjahr sind in China 81 neue Pkw-Modelle angekündigt, und viele davon stehen auf der Autoshow in Peking, zu der rund eine Million Besucher erwartet werden. Fast alle werden sie sich auch auf den Messeständen der deutschen Automarken drängen, denn die sind beliebt. Für Audi ist China inzwischen der größte Einzelmarkt, für Mercedes der zweitgrößte, für BMW der drittgrößte. Porsche verkauft nirgends so viele Luxusautos vom Typ Panamera oder Cayenne wie in China.

Der VW-Konzern macht überhaupt einen Großteil seines Umsatzes in China: von den 8,2 Millionen Autoverkäufen im vergangenen Jahr fanden 2,3 Millionen dort statt. Damit dieser Trend anhält, kündigten die Wolfsburger im Rahmen des Messe an, bis 2016 insgesamt 14 Milliarden Euro im Reich der Mitte zu investieren. Sieben Fabriken gibt es bereits, vier weitere sind in der Planung oder im Bau.

Die eine Kennzahl jedoch, die alle Hersteller geradezu elektrisiert, ist die folgende: In China besitzen unter 1000 Einwohnern erst 58 ein Auto. Die Vergleichziffer für Deutschland liegt bei 553, die für die USA bei 800. Sollten sich die Autodichte in China ähnlich entwickeln, stünden den Herstellern noch etliche fette Jahre bevor - für die meisten Menschen aber wäre es wohl ein Alptraum.

Ein guter Tipp: aussteigen

Schon heute sieht es in Peking an einem lauen Frühlingstag aus wie hierzulande im November. Der Smog verschleiert alles, sogar die Sonne. Blauen Himmel, so sagen Menschen, die es wissen müssen, kriegt man hier nur sehr selten zu sehen. Und der Spritpreis, derzeit ungefähr bei umgerechnet 1,20 Euro je Liter, kletterte bereits seit 2010 um 30 Prozent.

Wie das erst werden soll, wenn sich die Zahl der jedes Jahr neu hinzukommenden Autos bis 2017 verdoppelt, lässt sich kaum abschätzen. Aber vielleicht kann man dann gar nicht mehr mit dem Auto fahren - zumindest nicht in Peking. Schon jetzt gelangt man vor lauter Stau kaum zum Messegelände am Stadtrand. Unser Busfahrer jedenfalls empfahl nach zwei Stunden Stop-and-Go, auszusteigen und die letzten zweieinhalb Kilometer zur Messe zu laufen. Ein guter Rat.

Was am aktuellen Angebot der Autoshow auffällt ist dreierlei: Erstens, dass Luxusautos in der Volksrepublik China durchaus begehrt sind. Bentley etwa verkündete am Rande der Vorstellung des Modells Continental GT mit 507 PS starkem V8-Biturbo, dass China im ersten Quartal 2012 erstmals der größte Markt für die Marke geworden sei. Rolls-Royce zeigt das Modell Ghost als Spezialvariante "Sechs Sinne" und Bugatti vermeldet, man biete das "teuerste Auto Chinas" an. Die Extremsportwagen kosten hier umgerechnet rund fünf Millionen Euro.

Zweite Beobachtung: Die Kleinwagen, von denen man vermutet hätte, dass es nur so wimmeln müsse von ihnen auf einer Messe wie der Peking Autoshow, findet man kaum. Es gibt schon kleinere Typen, doch wer sich ein Auto leisten kann, will wenigstens eine kompakte Limousine fahren - und keine bucklige Mobilitätshilfe. VW bedient diese Vorliebe mit Typen wie Lavida, Magotan oder Passat. Fiat unternimmt den Neustart in China ebenfalls mit einer kompakten Limousine und Nissan Sylphy, Hyundai Elantra oder der Viertürer C60 F des Daimler- und Hyundai-Partners BAIC gehören auch in diese Klasse.

SUVs überall

Und schließlich Trend Nummer drei: Auch in China wollen die Menschen den SUV. "Was diese Vorliebe betrifft, nähern sich die chinesischen Kunden denen in den USA an", wird Zeng Zhiling, der Direktor des Automobil-Prognose-Instituts LMC, in der "China Daily" zitiert. Ob BMW X3, Ford Kuga, VW Tiguan, Audi Q3, Honda CR-V oder Jeep Grand Cherokee: Was vier Räder hat und nach Offroad-Abenteuer aussieht, ist begehrt. Lokale Hersteller wie Geely, Changan oder Chery folgen dem Trend und zeigen auf der Messe erstmals eigene SUV-Modelle, Peugeot schließt sich mit der Studie Urban Crossover an.

Das Jahr des Drachen wird allen, die in China Geld mit Autos verdienen, wohl noch lange in guter Erinnerung bleiben. Und wer weiß, ob die kühnen Vorhersagen wirklich alle so eintreffen werden. 2013 ist schließlich das Jahr der Schlange. Chinesen verbinden damit einerseits Geiz und Zurückhaltung, andererseits aber auch Weisheit. Die wäre am allerwichtigsten, gerade auch in der Autobranche. Denn einfach so weiter machen wie bislang wird nicht mehr lange funktionieren. Auch der Rückweg von der Messe ins Hotel war zäh und zermürbend.

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insgesamt 14 Beiträge
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    Seite 1    
1. Die spinnen…
hgm1 23.04.2012
Zitat von sysopJürgen PanderLängst ist China das gelobte Land der Autoindustrie, mit im Schnitt zweistelligen Wachstumsraten das Eldorado der Branche. Entsprechend groß ist der Auftrieb auf der diesjährigen Peking Autoshow. Vor allem die deutschen Hersteller profitieren vom Boom. Ein Messerundgang. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,829187,00.html
2. Schade eigentlich...
sappelkopp 23.04.2012
Zitat von sysopJürgen PanderLängst ist China das gelobte Land der Autoindustrie, mit im Schnitt zweistelligen Wachstumsraten das Eldorado der Branche. Entsprechend groß ist der Auftrieb auf der diesjährigen Peking Autoshow. Vor allem die deutschen Hersteller profitieren vom Boom. Ein Messerundgang. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,829187,00.html
...dass unsere Autoindustrie nicht wenigstens dort auf neue Technology setzt und wirklich zukunftgerichtet produziert. Stattdessen wird auch dort die Abhängigkeit vom Erdöl postuliert... Die deutschen Hersteller werden sich umsehen, in 20 Jahren sind sie nicht nur ihre Technik los, sie werden auch keine Rolle auf dem Weltmarkt mehr spielen. Die Chinesen werden alles besser und billiger herstellen, weil sie nie selbst entwickelt haben, sondern nur abkupfern.
3.
Skarrin 23.04.2012
Jeder SUFF und jedes Premium-Wägelchen, das den deutschen Hersteller in den "Schwellenländern" solche Rekordumsätze beschert, möchte natürlich auch oft und viel betankt werden und erhöht dadurch bei uns die Spritpreise. Das ist halt das Problem, wenn man den Ast absägt auf dem man sitzt, und dabei an nichts anderes denkt als die Holzpreise.
4. Träumer und Ignoranten
Niamey 24.04.2012
Zitat: Porsche-Chef Matthias Müller betont, wie stolz man sei auf "einen Durchschnittsverbrauch von 10,7 Liter bei einer Leistung von 420 PS" 10,7 Liter sind hier selbst für einen 150 PS Golf geprahlt. Mein Audi braucht hier in der Stadt, wegen des miesen Sprits und dem ewigen Stop and Go weit über 20 Liter auf 100 Km. Und ich habe "nur" 330 PS unter der Haube. Was eine kranke Welt. Neureiche Chinesen, die dem Nachbarn nicht den Dreck unter den Nägeln gönnen, nur die dicksten Autos fahren, die teuersten Uhren, Täschchen und Klamotten zur Schau tragen. Und für was das ganze? Aber die Strafe folgt auf dem Fuße, denn der Smog ist hier übers Jahr so dick wie er in Mexiko City seit 10 Jahren nicht mehr war. Dort ist jeden Tag blauer Himmel.
5. auch
autocrator 24.04.2012
Auch die chinesen werden noch lernen, dass automobiler individualverkehr völliger unsinn ist. Ist halt nur schade um die umwelt, ressourcen, gesundheit und die opfer.
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