Autotest-Metropole Arjeplog Blitz-Flitzer im Eisparadies

Geheime Prototypen an der Tanke, lauernde Fotografen, die einzige Autotesterzeitung der Welt - Arjeplog ist dank eines vereisten Sees die Wintermetropole der Fahrzeugindustrie. Besuch in einem nordschwedischen Städtchen, das vom PS-Zirkus lebt.

Aus Arjeplog berichtet


Illona Fjellström musste sich erst einmal richtig warm anziehen. Geboren ist sie in Johannesburg. Wegen ihres Mannes Johan zog die Südafrikanerin hierher an den Polarkreis - sie war eine der ersten Fremden in Arjeplog.

Inzwischen ist das anders. Arjeplog wird im Winter zum Zentrum der Autotester aus der halben Welt, und dass sie sich im hohen Norden fast wie zu Hause fühlen, ist auch ein Verdienst von Illona und Johan. Das mittlerweile ergraute Hippie-Paar hat nämlich die wohl einzige Zeitung für Autotester gegründet: Die "Arjeplog Times".

"Wir waren erschrocken, wie wenig die Automenschen über uns und die Gegend wussten", sagt Illona. "Die lebten in ihrer eigenen Welt." Um das zu ändern, planten sie und ihr Mann vor 19 Jahren zunächst einen Newsletter. Dank einer Finanzspritze der Gemeinde wurde daraus eine kleine Zeitung, die von Dezember bis März jede Woche in einer Auflage von 2000 Exemplaren erscheint und kostenlos in Hotels, Geschäften und den Testzentren der Autofirmen ausliegt. "Es geht uns nicht um die Industrie, sondern um die Menschen", sagt die Chefredakteurin, Verlegerin und Druckerin in Personalunion.

Auf den blasslila DIN-A4-Seiten werden keine Prototypen abgebildet oder Wirtschaftsnachrichten vermeldet; stattdessen gibt es Ausgehtipps und Klatsch und Tratsch aus der Gemeinde – natürlich auf Englisch. "Die Einheimischen waren deswegen anfangs eingeschnappt, weil sie die Texte nicht verstanden haben", sagt Illona. Doch schon im zweiten Winter gab es neben der "Arjeplog Times" auch eine Lokalzeitung auf Schwedisch; die erscheint zwar nur einmal im Monat, dafür aber das ganze Jahr über.

Vom Polizisten zum Fahrinstruktor

Die "Arjeplog Times" ist ideal für Menschen wie Klaus Heimerl, die immer nur kurz an den Polarkreis kommen. Er ist Instruktor beim BMW-Fahrertraining und gibt jedes Wochenende den Fahrlehrer für jeweils 20 Mitteleuropäer, die im BMW M3 oder M-Coupé auf dem tiefgefrorenen See nahe des Ortes Autofahren auf Eis üben. "In kurzer Zeit lernen die Gäste unter diesen Bedingungen extrem viel über Fahrsicherheit- und Fahrdynamik", sagt er.

Sein Job ist mehr als nur frostige Animation. Bei den Einstellungsrunden, berichtet Heimerl, kommen von 120 Bewerbern lediglich fünf durch. "Nur schnell zu fahren reicht nicht. Das ist kein Beruf für Selbstdarsteller", sagt Heimerl, der vor mehr als 30 Jahren als Polizist anfing, den BMW-Vorstand begleitete und nun seit 15 Jahren Autofahrer aufs Glatteis führt. "Ich bin kein Schreibtischtyp, sondern muss einfach draußen sein, will Luft und Licht genießen."

Prügelei zwischen den Zapfsäulen

Davon bekommt Per-Erik Granberg während seines Arbeitstages nicht sonderlich viel ab. Granberg steht hinter dem Tresen der Shell-Tankstelle in der Ortsmitte, die er im Scherz als "meistfotografierte Tankstelle der Welt" bezeichnet. Zu seinen Stammkunden zählen im Winter vor allem Testfahrer der Pkw-Hersteller, die hier morgens und abends im Minutentakt anrollen, um ihre Prototypen aufzutanken. Im Sommer verkauft Granberg pro Tag rund 5000 Liter Sprit, im Winter meist doppelt so viel.

Zweites ökonomisches Standbein sind Kaffee und Hotdogs: "Da greifen die Tester zu", berichtet Granberg in gebrochenem Englisch. Die Grüße "Guten Tag" und "Auf Wiedersehen" beherrscht er in einem halben Dutzend Sprachen, doch zu größeren Plaudereien kommt es selten - denn rund um die Zapfsäulen lauern fast ständig Fotografen, die Jagd auf Bilder von Prototypen machen.

"Die gefährden mein Geschäft. Solange sie auf der Lauer liegen, fahren viele Entwickler einfach vorbei", sagt Granberg.

Hin und wieder kommt es sogar zu Handgreiflichkeiten. Etwa als einmal ein Videoteam allzu aufdringlich um eine schwarz beplankte Limousine herumschlichen. "Ein Wort gab das andere, und plötzlich haben Fahrer und Filmer mit den Händen diskutiert." Gleichzeitig wurde der Prototyp blickdicht abgedeckt. Dann kam ein anderes Auto mit Anhänger, um den Erlkönig gut verhüllt aus dem Schussfeld zu schaffen.

Der Chef verlegte seinen Wohnort in den Norden

Das Katz-und-Maus-Spiel kennt auch Wilhelm Cordes zur Genüge. Unter den Gästen gibt es in Arjeplog wahrscheinlich keinen, der in jeder Saison so lange hier ist wie der BMW-Manager. Seit 1992 kommt er jeden Winter - zuerst als Entwickler für Bremssysteme. Dann übertrug ihm das Unternehmen vor fünf Jahren die Planungen für das firmeneigene Testgelände, das er seither leitet. Mitunter sind dort 200 Prototypen stationiert.

"Ich komme schon im Oktober, mehr als einen Monat vor den ersten Testfahrern, und schaue nach dem Rechten", sagt Cordes. "Und im Mai bin ich der Letzte, der das Licht ausmacht und das große Tor zusperrt."

Während die anderen dann nach Hause fliegen, kann Cordes nach Hause laufen. Denn er hat seinen Lebensmittelpunkt nach Nordschweden verlegt. Nach München kommt er nur noch selten - nämlich immer dann, wenn sein Kollege auf dem Testgelände im Vorort Aschheim Urlaub macht.

Dann übernimmt Cordes dort die Vertretung.



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