Zwischen Kratzer und Katastrophe: Bagatellschaden oder doch nicht?

Von Heiko Haupt

Ein kleiner Kratzer im Lack, eine kleine Delle im Blech - viele Menschen melden einen Bagatellschaden nicht bei Polizei oder Versicherung. Dabei können auch bei vermeintlich kleinen Schäden große Kosten entstehen.

Ein Fahrrad kippt gegen eine Autotür. Jemand rollt im Schritttempo gegen den Stoßfänger des Vordermannes. Was harmlos erscheint, muss nicht immer harmlos sein: In der Welt moderner Autos kann der Laie kaum noch erkennen, ob es sich bei dem Schaden tatsächlich nur um eine Kleinigkeit handelt.

Bei einem Bagatellschaden muss die Polizei nicht eingeschaltet werden. Eine verlockende Möglichkeit, die viele Menschen ergreifen, sei es aus Zeitnot oder anderen Gründen. Dabei birgt dieses Vorgehen Tücken, denn nicht wenige vermeintliche Bagatellschäden entpuppen sich im Nachhinein als kapitale Baustellen am Auto.

Schon auf die Frage, wo denn die Grenze zwischen Bagatelle und echtem Unfallschaden liegt, werden die meisten Menschen nur mit einem Schulterzucken antworten. "Es hat sich eingebürgert, dass bis zu einem Schaden in Höhe von 750 Euro von einem Bagatellschaden gesprochen wird", erklärt Daniela Mielchen, Fachanwältin für Verkehrsrecht in Hamburg.

Selbst dieser Anhaltspunkt hilft jedoch nur weiter, wenn zumindest ein gesundes Halbwissen über Reparaturpreise vorliegt. Beispiel kaputter Stoßfänger: Dabei kann es sich um eine Bagatelle oder auch um eine ziemlich kostspielige Angelegenheit handeln. Ist das beschädigte Fahrzeug ein betagter Kleinwagen, dann schlägt der Kauf eines Neuteiles vermutlich gerade einmal mit etwa 80 Euro zu Buche, kommt noch eine Lackierung hinzu, ist alles mit insgesamt 300 bis 400 Euro erledigt.

Unsichtbare Schäden

Ganz anders sieht es aus, wenn der Stoßfänger an einem aktuellen Auto der oberen Mittelklasse hängt. "Selbst wenn der Stoßfänger nur instand gesetzt und dann lackiert werden muss, kann das zwischen 1400 und 1600 Euro kosten", so Roberto Galifi, Vorstandsmitglied im Verband der unabhängigen Kfz-Sachverständigen (VKS). Wird ein Austausch fällig, dann übersteigt der vermeintlich kleine Schaden schnell die Schwelle von 2000 Euro.

Abgesehen davon ist laut Galifi nicht jeder Schaden überhaupt auf Anhieb zu erkennen - vom Laien und auch vom Profi nicht. Er nennt als Beispiel einen Wagen, der geparkt auf dem Seitenstreifen steht: Aus einem Grundstück fährt jemand rückwärts heraus, stößt mit dem Heck gegen das Vorderrad des stehenden Autos. Eine intensive Sichtprüfung der Schadensstelle bringt nichts zutage, es finden sich keinerlei Spuren eines Aufpralls. Roberto Galifi kennt solche Fälle: "Selbst die Werkstatt wird nach einer ersten Kontrolle vermutlich sagen, dass da nichts ist." Erst eine Vermessung wird möglicherweise ergeben, dass das Fahrwerk beziehungsweise die Spurstangen Schaden genommen haben.

Auch die Folgen eines Heckaufpralls können zunächst den Eindruck vermitteln, als wäre bis auf ein paar Kratzer alles in Ordnung. Denn moderne Stoßfänger sind laut Galifi reversibel ausgelegt. Sie absorbieren die Energie des Aufpralls, indem sie nachgeben, bewegen sich dann aber zurück in die ursprüngliche Form. Der Autofahrer selbst wird kaum einschätzen können, ob der Stoß so stark war, dass es an der Metallstruktur des Fahrzeugs zu Beschädigungen gekommen sein kann.

Kurzgutachten als Alternative

Bleibt also die Frage: Was tun? Vor allem auch in Hinblick auf das Wissen, dass die Versicherung ein umfassendes Sachverständigen-Gutachten nicht zahlt, wenn es tatsächlich nur um einen Bagatellschaden und keine unsichtbar verborgene Katastrophe geht. Anwältin Mielchen rät zur Fahrt in die Werkstatt für eine Überprüfung der Schadenshöhe - oder doch zum Besuch beim Sachverständigen. "Der kann auch ein Kurzgutachten erstellen, das die Qualität eines Kostenvoranschlages hat." So etwas kostet demnach 50 bis 100 Euro und wird dann doch von der Versicherung übernommen.

Wovon Daniela Mielchen vehement abrät, ist das, wozu jede Versicherung rät: Nämlich dem Anruf beim Zentralruf der Versicherer. Der ist unter anderem dazu da, den Kontakt zur Versicherung des Unfallgegners zu vermitteln. Daneben allerdings lauern hier einige Fallstricke. Etwa, so die Anwältin, wenn die Mitarbeiter des Zentralrufs den Anruf weiterleiten an entsprechend geschulte Mitarbeiter der Versicherungen, die dann die Fahrt zu einer bestimmten Werkstatt empfehlen. Dem Anrufer kommt es dann laut Mielchen häufig so vor, als würde er immer noch mit dem Zentralruf sprechen.

Zusätzlich weist Daniela Mielchen darauf hin, dass bei einem unverschuldeten Unfall das Einschalten eines Anwaltes nichts kostet - den muss dann nämlich die gegnerische Versicherung bezahlen. Ohne Unterstützung eines Rechtsbeistandes bekommt ein Geschädigter von den Versicherungen laut Mielchen durchschnittlich nur 80 Prozent der eigentlich berechtigten Ansprüche überwiesen. Natürlich ist so ein Hinweis aus dem Munde einer Anwältin nicht vollkommen uneigennützig, kann aber im Falle eines Falles doch hilfreich sein.

Wie die Regulierung am Ende abläuft, darüber entscheiden nicht zuletzt die Minuten nach dem Geschehen. Denn auch wenn der Schaden nicht so groß erscheint, dass die Polizei eingeschaltet werden muss, sollte einiges berücksichtigt werden. So ist es natürlich schön, wenn der Unfallgegner seine Schuld unumwunden zugibt. Nur sollte das auch festgehalten werden, bevor der es sich eventuell anders überlegt.

Ideal ist es, wenn beide Parteien ein Protokoll des Unfallhergangs anfertigen und es unterschrieben. Natürlich sind daneben die persönlichen Daten wie Name und Anschrift sowie Fahrzeugkennzeichen auszutauschen - im Idealfall auch die Versicherungsnummern. Sinnvoll sind Fotos, die den Unfallort, die Position der Fahrzeuge und auch die beschädigten Teile festhalten. Damit die Bagatelle eine Bagatelle bleibt und nicht in einer nervenaufreibenden Regulierungs-Katastrophe mündet.

Ein letzter Tipp: Mit dem Europäischen Unfallbericht erleichtert sich die Aufnahme der wichtigen Daten und Fakten nach einem Unfall. Das entsprechende Formular lässt sich kostenlos herunterladen oder ausdrucken und sollte im Auto deponiert werden.

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insgesamt 114 Beiträge
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1. Da gibts was im App Store
gosub72 25.11.2012
Diese Information und noch mehr zum Thema gibts als App für Smartphones. Sehr zu empfehlen als Gedächtnisstütze oder zur Suche nach einem Gutachter : http://itunes.apple.com/de/app/kfz-gutachter/id446751234?mt=8 https://market.android.com/details?id=goldstall.android.kfz Hat mir mal sehr geholfen !
2. Stoßfänger?
charietto 25.11.2012
"Ganz anders sieht es aus, wenn der Stoßfänger an einem aktuellen Auto der oberen Mittelklasse hängt. "Selbst wenn der Stoßfänger nur instand gesetzt und dann lackiert werden muss, kann das zwischen 1400 und 1600 Euro kosten" Wenn die Dinger nicht lackiert wären, sondern wie früher aus Material, das wirklich (kleinere) "Stöße fängt", wären viele der teuren Reparaturen wohl überflüssig.
3. Freund und Helfer
catcargerry 25.11.2012
Bei Unfallaufnahme durch die Polizei sollte man sich nicht auf deren Unparteilichkeit und Sachkenntnis verlassen. Das Protokoll und vor allem die evtl. von Polizisten angefertigte Skizzen sind unbedingt abzufragen und zu kontrollieren. Und bei noch so wilden Fotoorgien durch die Polizei sollte man wichtige Bilder selbst machen. Schräglagen bei der Sachverhaltsaufnahme kriegt man später nur schwer aus der Welt.
4.
Sleeper_in_Metropolis 25.11.2012
Wenn der Deutsche mal, wie in fast allen Nachbarländern üblich dazu übergehen würde, kleinere Dellen und Schrammen einfach zu ignorieren und das Auto als einen Gebrauchsgegenstand zu sehen, würden wir alle entspannter leben können, und die Versicherungsprämien würden wohl auch fallen. Aber vermutlich wird auch weiterhin bei jedem Fliegenschiss der halbe Wagen neu lackiert...
5. Stoßfänger? Lächerlich!
schnitti23 25.11.2012
Das sind keine Stoßfänger, weil sie keinen noch so kleinen Stoß auffangen können. Das sind schlichtweg Plastikstangen, die allein kosmetischen Wert haben. Überlackiert, was an sich schon grober Unsinn ist, weil dadurch mehr Schaden entstehen kann als notwendig. Meiner Meinung nach sollten solche Schäden generell aus der Versicherung gestrichen werden. Nötig wären echte Stoßfänger, die auch mal einen kleinen Rempler vertragen, ohne daß man ihnen den hinterher ansieht.
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