Kauf eines Lastenrads, Teil 3 Der radelnde Holländer

Lastenräder dienten ursprünglich dem Transport von Gütern. Heute fahren unsere holländischen Nachbarn ihre Kinder damit spazieren. Das funktioniert erstaunlich gut - trotz mancher hemdsärmeligen Lösung.

Von

Jörg Maltzan

Den zweiten Teil von "Kauf eines Lastenrads" finden Sie hier.

"Sie interessieren sich für ein Bakfiets? Dann können Sie nicht so ahnungslos sein", schmeichelt mir René Rechschwardt, Verkäufer durch und durch. Zuvor hatte ich dem Inhaber des auf Lastenräder spezialisierten Fahrradladens Ahoi Velo Cargobikes in Hamburg gebeichtet, dass ich zwar ein Schleppfahrzeug für meine Familie suche, aber weder Tausende von Euro noch profundes Wissen zu dieser Radgattung mitbringe.

"Die wirklich Ahnungslosen", lästert Reckschwardt, "kaufen sich ein Lastenrad aus China und stehen dann zwei Monate später in meiner Werkstatt, weil die erste Reparatur fällig ist." Das Bakfiets aus Holland hingegen ist quasi unkaputtbar. Mit einem Preis von 1.600 Euro aufwärts für die Langversion gehört es zu den eher günstigen Varianten auf dem Markt.

Dass ich ausgerechnet das Bakfiets als einspuriges Cargobike ins Auge gefasst habe, liegt ausschließlich an seiner Dominanz im Hamburger Straßenbild. Die Macht der Masse, sie wirkt auch bei mir.

Das Bakfiets ist fast so lang wie ein Smart

Ganz schön sperrig das Teil, 2,45 Meter misst es in der Länge. Vor dem Aufsteigen bin ich sichtlich nervös. René versucht, mir die Angst zu nehmen. "Das Bakfiets fährt sich fast wie ein normales Hollandrad und deutlich einfacher als ein Trike."

Dieser lange Lulatsch soll sich leichter bewegen lassen als ein stabiles Dreirad? Das glaub ich nicht. Auf den ersten Metern mit dem Hightech-Trike von Butchers & Bicycles fühlte ich mich schon wie ein Großstadtcowboy beim Bullenreiten - wacklig und tendenziell abwurfgefährdet. René argumentiert mit seiner Erfahrung: Nach einer Probefahrt würden sich 80 Prozent seiner Kunden für ein einspuriges Lastenrad wie das Bakfiets entscheiden.

Ein E-Motor kann auch noch später nachgerüstet werden

Damit ich mein knapp zehn Monate altes Kind sicher in seiner Babyschale transportieren kann, dübelt mir ein Fahrradmechaniker von Ahoi Velo Cargobikes noch eine Halterung für die Babyschale in die Holzkiste. Im Vergleich zur Isofix-Vorrichtung im Butchers & Bicycles sieht die holländische Lösung wenig vertrauenserweckend aus. Doch die Vorrichtung erweist sich als simpel und gut.

Schlafwagen: Baby Henry kommt im Bakfiets zur Ruhe
Jörg Maltzan

Schlafwagen: Baby Henry kommt im Bakfiets zur Ruhe

Ich steige auf und bin überrascht. Das Bakfiets fährt sich wirklich fast wie ein Hollandrad. Auch die Sitzposition ist vergleichbar: aufrecht und gemütlich. Zwar benötige ich ein paar Meter, um Vertrauen zu fassen. Obwohl ich nun eine lange Bank vor mir herschiebe, lässt sich das Bakfiets spielend leicht lenken. Das Gewicht von gut 42 Kilo spüre ich in der Ebene kaum, geht es leicht bergauf, schmerzt es schnell in den Oberschenkeln. Da helfen selbst die sieben Gänge der Shimano-Schaltung nicht wirklich.

Im Süden von Deutschland oder in der Holsteinischen Schweiz empfiehlt sich deswegen dringend der Zukauf eines E-Antriebs. "Der kann jederzeit nachgerüstet werden", versichert Reckschwardt. Der Aufpreis für Hilfe aus der Batterie plus griffiger Scheibenbremsen vorn beträgt 1339 Euro. Bis zu einer Geschwindigkeit von 25 km/h unterstützt der 24V-Akku dann den Fahrer während der Radtour.

Das Bakfiets rollt komfortabler als ein Dreirad

Allerdings sieht das Nachrüst-Kit aus wie eine Verlegenheitslösung und fällt bei Designfreaks durch. Der Motor findet zwar fast unsichtbar im Vorderrad Platz, doch die Batterie wird unschön auf den Gepäckträger geschnallt. Für mich ist das in etwa so, als habe man in einer Neubauwohnung vergessen, die Kabel unter Putz zu legen. Aus optischen, aber auch aus Kostengründen würde ich erst einmal auf den Akku verzichten. Trotzdem beruhigt es zu wissen, dass man seine Entscheidung beim Bakfiets jederzeit korrigieren könnte.

Nach einem verlängerten Wochenende mit einem ein- und zweispurigen Lastenrad steht für mich fest: Ich werde mir ein Lastenrad auf zwei Rädern kaufen. Es fährt sich nicht nur sportlicher, sondern bringt den großen Vorteil mit, dass es schmaler ist als ein Trike. Gerade in der Stadt können ein paar Zentimeter mehr darüber entscheiden, ob die Lücke zwischen zwei Hindernissen noch durchfahren oder diese umständlich umfahren wird. Außerdem rollt das Bakfiets deutlich komfortabler ab als ein Dreirad mit mehr Bodenkontakt - da sind sich mein Mann und ich sogar einig.

Ob es tatsächlich das Bakfiets wird oder ein anderes einspuriges Lastenrad, gilt es noch zu diskutieren. Denn mein Mann hat bereits ein ganz spezielles Cargobike im Blick: das Bullitt - quasi der Sportwagen unter den Lastenrädern. Noch wehre ich mich tapfer, aber vielleicht stimmt mich eine Probefahrt um. Eine Übersicht, was der Markt derzeit an Lastenräder bietet, zeigen wir im letzten Teil von "Kauf eines Lastenrads".

Den ersten Teil von "Kauf eines Lastenrads" finden Sie hier.

Den zweiten Teil von "Kauf eines Lastenrads" finden Sie hier.

Im letzten Teil von "Kauf eines Lastenrads" geben wir Ihnen eine kleine Marktübersicht der aktuellen Lastenräder.


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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
erst nachdenken 07.12.2015
1.
42 Kilo Eigengewicht? Was verbauen die dann da - massives Blei? Selbst vollgefederte Mountainbikes für harteb Geländeeinsatz gibt es unter 10 kg, da sollte ein ordentlich konstruiertes City-Lastenrad kaum über 25 kg kommen dürfen.
matthias089 07.12.2015
2. Akku
Der Akku lässt sich auch versteckt unter der Sitzbank im Kasten montieren. Dadurch sieht man keinen Unterschied zwischen dem normalen und dem elektrischen Bike.
morgan1982 07.12.2015
3.
An Nr.2: das Bakfiets hat einen Stahlrahmen. Dazu kommt die Holzkiste. Das ist schon ein *bisschen* schwerer. Ich kann hier jetzt nur über das Bakfiets mit drei Rädern berichten (das wir besitzen): die Kiste hat eine Zuladung von 160kg, auf den Gepäckträger kann man noch mal 80kg schnallen. Hat das vollgefederte Mountainbike in ultra-leicht eine ebensolche Zuladung?
7eggert 07.12.2015
4.
Nicht nur die anderen Kinder. Die Fahrt im Auto ist auf Schulwegen die Todesursache Nummer 1 (2004: 42 Tote), wesentlich gefährlicher als Fahrrad (5 Tote) oder - praktisch ungefährlich - Bus und Bahn (0 Tote).
erst nachdenken 07.12.2015
5.
@4: Das MTB kann den Fahrer+Rucksack aufnehmen und hält dann Schlägen stand, die in der City nicht ansatzweise auftreten. Da sollte ein doppeltes Gewicht für Ihre Zuladung mehr als ausreichend sein. 40kg Leergewicht sind inakzeptabel.
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