Behindertenfahrzeuge Das Geschäft mit der Mobilität

Der Ex-Formel-1-Pilot Alessandro Zanardi gewinnt nach seinem schweren Unfall, der die Amputation beider Beine zur Folge hatte, wieder Autorennen. Ein Extrembeispiel, gewiss, doch auch Nicht-Rennfahrer mit Körperbehinderungen haben die Chance, per Auto mobil zu sein.

Von Sabine Neumann


Immer mehr Fahrzeughersteller bieten ab Werk oder in Kooperation mit Umrüstern ein passend ausgestattetes Fahrzeug an. Bis vor kurzem hatten allein Fiat, Audi und VW Autos mit behindertengerechten Ausrüstungen ab Werk im Programm. Doch das "Autonomy"-Angebot von Fiat wurde inzwischen eingestellt, weil die Pauschalpakete zu wenig auf die spezifischen Bedürfnisse der Kunden abgestimmt werden konnten. Audi hingegen konzentriert sich auf ausgewählte Technikhilfen für Selbstfahrer und verbaut diese in den Modellen A3, A4 und A6. VW wiederum liefert nahezu alles - von der einfachen Lenkhilfe bis zum Freizeitmobil mit Rollstuhl-Rampe. Die Wolfsburger bedienen sich dabei namhafter Zulieferer, die auch mit eigenen Nachrüstangeboten am Markt sind.

Behindertengerechte Autos: Die Firma "Handicap Mobil" aus Mainz gewann im vergangenen Jahr den Gründerpreis
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Behindertengerechte Autos: Die Firma "Handicap Mobil" aus Mainz gewann im vergangenen Jahr den Gründerpreis

Viele Kunden jedoch bevorzugen das Komplettangebot ab Werk inklusive TÜV- und Zulassungsservice vom Vertragshändler. Auch die Garantie bleibt dann im vollen Umfang erhalten. "Die Nachfrage nach solchen Autos ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen", sagt VW-Sprecher Jens Bobsien. Pro Jahr werden rund 1500 Fahrzeuge mit Umbauten ausgeliefert. Insgesamt gingen aber mehr als 15.000 Wagen jährlich - hauptsächlich Polo, Golf, Golf Plus und Touran - an Kunden mit Querschnittslähmung, einseitiger Beinamputation oder Muskelerkrankung. Die Zahl sei nur eine grobe Schätzung, da "Kunden beim Fahrzeugwechsel häufig Systeme aus den Vorgängermodellen übernehmen".Dennoch zeigt die Ziffer, dass der Markt für behindertengerecht ausgestattete Fahrzeuge recht groß ist. Exakte Daten sind jedoch kaum zu bekommen, denn bei den Zulassungsstellen werden Autos mit Einbauten wie "Beifahrersitz dreh- und schwenkbar", "Handbediengerät für Fahrpedal und Bremse" oder "Linear-Hublift im Heck" nicht gesondert erfasst - obwohl stets eine Abnahme durch den TÜV erfolgen muss. Bekannt ist aber dies: In Deutschland leben etwa zehn Millionen Menschen mit einer körperlichen Mobilitätseinschränkung. Sieben Millionen von ihnen sind schwerbehindert. Der Bund der behinderten Autobesitzer (BbAb) schätzt, dass unter ihnen wiederum 600.000 Führerscheinbesitzer sind. Zumal es in vielen Fällen erst durch ein eigenes Auto möglich wird, wirklich am sozialen Leben teilzunehmen. Behinderte erhalten oft Zuschüsse und Rabatte Die Rentenversicherer unterstützten einen Autokauf mit einem Zuschuss von bis zu 9500 Euro - vorausgesetzt, der Körperbehinderte ist berufstätig. 15 Prozent Nachlass auf die Fahrzeuge (nicht auf die Einbauten) gewähren Audi, Opel, Mitsubishi, Seat und VW. Allerdings nur dann, wenn ein Behinderungsgrad von mindestens 50 Prozent vorliegt und entsprechende Merkzeichen im Behindertenausweis eingetragen sind. Auch für Skoda gehört dieser Rabatt zur Konzernpolitik und muss nicht wie bei manch anderen Herstellern (beispielsweise Land Rover, Nissan, Peugeot) ausgehandelt werden. Bisher ließ die tschechische VW-Tochter die Umrüstung in ihren Autohäusern nachträglich vornehmen. Nun plant der Importeur, einen eigenen Einbauservice einzurichten.Ein Service, den neuerdings auch BMW anbietet. Seit September ist das Programm "Fahrhilfen von BMW" auf dem deutschen Markt erhältlich. Dazu sind die Münchner eine Kooperation mit dem Hildener Umrüstspezialisten "Die Reha Gruppe" eingegangen, der zum Beispiel auch mit Toyota zusammenarbeitet. Teilnehmende BMW-Händler treten als Vermittler zwischen dem Kunden und dem Umrüster auf. "Die Anforderungen behinderter Kunden an ihr Automobil sind sehr individuell und erfordern eine entsprechende Anpassung des Fahrzeugs. Deshalb haben wir uns entschieden, dies von einem kompetenten Partner ausführen zu lassen", beschreibt BMW-Sprecher Frank Wienstroth das Konzept. Auf der Düsseldorfer Fachmesse Reha Care fand jüngst ein umgerüsteter 3er Touring große Beachtung.Auch Mitsubishi arbeitet im Rahmen des Programms "Grenzenlos-individuell" mit den Hildener Spezialisten zusammen. Bei Opel wiederum ist man noch nicht so weit. Der Bereich "Sonderfahrzeuge" wird derzeit neu strukturiert. Zuletzt hatte das Tochterunternehmen Opel Special Vehicles (OSV) werkseitige Lösungen angeboten. Die Rüsselsheimer wollten Mobilitätslösungen für Menschen mit Behinderung so optimal wie möglich an ihre Modelle Corsa, Astra, Vectra und Co. anpassen. Doch angesichts der strengen Anforderungen, die ein Erstausrüster für die Freigabe von Einbauteilen erfüllen muss, hat sich die GM-Tochter nun dafür entschieden, auf die Erfahrung von Spezialfirmen zu bauen. Die neue Strategie: Die Händler halten die Informationen bereit, umgebaut aber werden die Autos bei den entsprechenden Partnern und nicht, wie ursprünglich geplant, im Opel-Werk. Umrüster bieten individuelle Mobilitätslösungen Umrüstfirmen wie Behindertenfahrzeuge Helmut Jelschen, Mobitec, AMF Bruns oder Reha Automobile Heinz Eikenberg begrüßen solche Konzepte natürlich. Doch es geht nicht nur ums Geschäft. Denn immer wieder kommt es vor, dass Kunden, die allein auf eine Werkslösung gebaut haben, kurze Zeit später für persönliche Anpassungen doch noch einmal einen Spezialisten aufsuchen. "In der Serienfertigung eines Automobilherstellers kommen Umbauten letztendlich zu selten vor, um wirkliche Erfahrung auf diesem Gebiet zu sammeln", beschreibt Andreas Zawatzky, Geschäftsführer des Mobilcenters Zawatsky, die Situation. Bei Mercedes-Benz dagegen vertraut man lieber auf die eigene Kompetenz. Vor vier Jahren hat das Unternehmen damit begonnen, bei bis heute insgesamt acht Niederlassungen "Mobility Center" einzurichten. Berater wie Manfred Ludwig, selbst Rollstuhlfahrer, demonstrieren dort an umgerüsteten Fahrzeugen, was sich alles verändern lässt. Zudem erhalten die Kunden hier Beratung über die gesetzlichen und sozialen Rahmenbedingungen oder Hinweise auf Förderungsmöglichkeiten. Je nach spezifischer Anforderung suchen die Fachleute in den Mobility Centern dann die geeigneten Partner für den Umbau aus. Denn ab Werk bietet Mercedes derzeit einizig das Modell Sprinter 311 CDI "Mobility" an. Zur Serienausstattung des Fahrzeuges gehören unter anderem ein flexibles Bodensystem mit acht Befestigungsschienen für die Bestuhlung, Haltegriffe am Einstieg, fünf Einzelfahrsitze mit Dreipunktgurten und Schnellwechselfüßen sowie zwei Klappsitze im Heck. Auf dem Fahrerplatz aber muss nach wie vor jemand Platz nehmen, der ohne weitere Hilfsmittel ein Auto bewegen kann.



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