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14. Februar 2013, 14:29 Uhr

Autogramm Bentley Continental GT Speed Cabrio

Faustschlag mit dem Samthandschuh

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Mit 325 km/h ist der neue Bentley Continental GT Speed das schnellste viersitzige Cabrio der Welt. Und eine sinnliche Offenbarung: Der 625-PS-starke Zwölfzylindermotor schiebt wie eine Mondrakete - vor die keine Raumkapsel geschnallt wurde, sondern ein englischer Salon.

Der erste Eindruck: Der Innenraum beeindruckt mit handvernähtem Leder, gebürstetem Aluminium, poliertem Wurzelholz sowie einer komplexen Dienerschaft vom Gurtbringer bis zum Nackenföhn. Die Karosserie hingegen übertreibt die Zurückhaltung geradezu. Ein Auto, das in 4,4 Sekunden von 0 auf 100 beschleunigt und bis zu 325 km/h schnell wird, stellt man sich optisch irgendwie auffälliger - und vor allem schnittiger vor.

Das sagt der Hersteller: Es sei genau dieser Widerspruch, der einen Bentley ausmache, heißt es bei den Bentley-Machern. "Dieses Auto hat zwei Persönlichkeiten", sagt zum Beispiel Ken Scott, der die Entwicklung der Continental-Baureihe leitet. Einerseits ist es ein Luxusliner für die Sonnenstunden des Millionärslebens; andererseits ein Supersportwagen.

Käufer erwerben für die stolze Summe von 227.290 Euro (das sind etwa zehn Prozent mehr als das normale Zwölfzylinder-Cabrio ohne den Namenszusatz "Speed" kostet) einen Rekordhalter. Mit 325 km/h Höchstgeschwindigkeit ist der GT Speed das aktuell schnellste viersitzige Cabrio der Welt.

Das ist uns aufgefallen: Wie kultiviert der Bentley den Kraftakt zelebriert. Es ist fast beängstigend, wenn der Trumm in 4,4 Sekunden auf Tempo 100 schnellt oder sich der zweieinhalb Tonnen schwere Allradler in eine Haarnadelkurve wirft. Doch während andere Autos dieser Leistungsklasse dabei üblicherweise mit brachialer Gewalt zu Werke gehen, wahrt der Continental GT stets die Contenance. Selbst wenn der Tacho 200 und mehr anzeigt, fühlt es sich nicht wie Rasen an, sondern wie sehr schnelles Reisen - Vollgas auf Wolke sieben, sozusagen.

Dazu trägt vor allem das Ambiente bei. Statt in einem Schalensitz zu kauern, thront man in diesem Auto ungewöhnlich hoch auf einem butterweichen Ledersitz. Solange die Seitenscheiben hochgefahren sind, das Windschott über der üppigen Rückbank aufgespannt ist und die Nackenheizung eine laue Brise ins Genick fächelt, spürt man im offenen Auto den Fahrtwind kaum. Und selbst die Klangkulisse hat so gar nichts von jener vorlauten Art, mit der sich ähnlich schnelle Sportwagen, etwa der Lamborghini Aventador, sonst Gehör verschaffen.

Wenn man mit dezentem Gaseinsatz und nicht einmal 1500 Touren dahingleitet, hört man aus den Tiefen des Bugs lediglich ein leises Brummen. Und während andere Sportwagen bei Vollgas laut aufbrüllen oder heiser kreischen, klingt der Bentley dann eher so, als würde von fern ein Donner heranrollen. Aber auch dieser Sound verfehlt seine Wirkung nicht. Je länger man unterwegs ist, desto größer wird die Verlockung, ein bisschen mit dem Gasfuß zu komponieren.

Das muss man wissen: Technisch ist es vom normalen Cabrio zum Speed-Modell nur ein kleiner Schritt. Für das sechs Liter große Triebwerk in der eigenwilligen W-Konfiguration brauchte es kaum mehr als einen neuen Steuerchip, um die Leistung von 575 auf 625 PS zu heben. Und weil die stärkere Motorvariante von vornherein eingeplant war, mussten weder Karosserie noch Verdeck nachträglich versteift oder verstärkt werden.

Obwohl das Stoffdach so groß wie ein Familienzelt ist, bleibt es unter der geschlossenen Hülle auch bis weit über 200 km/h angenehm leise; und auch bei Vollgas behält die Haube ihre Form. Außerdem lässt sie sich bei Stadtgeschwindigkeit auch während der Fahrt öffnen oder schließen. Das ist auch nötig, denn das Einfalten dauert, und bis sich die riesige Plane endlich unter den Heckdeckel gefaltet hat, ist auch die längste Rotphase vorbei.

Die Luftfederung wurde spürbar strammer abgestimmt und so eingestellt, dass der Wagen dem Asphalt um einen Zentimeter näher kommt. Auch Bremsen und Lenkung wirken nochmals präsenter. Und wenn man den massiven Schaltknauf in die Position "S" drückt, erlebt man nicht nur extrem schnelle Gangwechsel, sondern hört auch ein fast schon furchterregendes Grollen, wenn sich die Schallklappen im Auspuff öffnen.

Das werden wir nicht vergessen: Den Ruck, der beim Kickdown durch den Wagen geht. Da kann das Leder noch so zart und die Sitzpolsterung noch so weich sein - wenn einem 800 Nm ins Kreuz fahren, fühlt es sich einfach gewaltig an. Und es ist im Prinzip egal, ob einem dieser Schlag von einem Box- oder einem Samthandschuh verabreicht wird.

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