Bentley Flying Spur: Massagebank mit 625 PS

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Autogramm Bentley Flying Spur: Erste oder zweite Reihe? Fotos
Bentley

Massagekissen, ein W-12-Motor mit 625 PS, zartes Leder, Edelhölzer: Der rundum renovierte Bentley Flying Spur ist weniger Auto als rollende Luxus-Lounge - ausgeklügeltes Entertainmentsystem inklusive. In zwei Punkten aber ist die britische Wuchtbrumme wirklich von gestern.

Der erste Eindruck: Vorne links oder hinten rechts? Selten ist die Platzwahl bei einem Auto so schwer gefallen, wie beim Bentley Flying Spur. Für den Thron hinterm Lenkrad spricht der 625 PS starke Zwölfzylindermotor. Und für die Chaiselongue im Fond sprechen die Beinfreiheit wie in einem Ballsaal und das Infotainment-Paket - wer so ein Auto hat, braucht eigentlich kein Wohnzimmer mehr.

Das sagt der Hersteller: Projektleiter Ken Scott braucht nicht viele Worte, er hält den Flying Spur für die beste Limousine der Welt. Diese Kombination aus Kraft, Komfort, Leistung und Luxus gebe es so nur bei Bentley, prahlt der Ingenieur. Zahlreiche Kunden sehen das ähnlich, seit der Premiere des Modells im Jahr 2005 wurden mehr als 20.000 Exemplare verkauft. Zuletzt ging jedes zweite davon nach China.

Um den Verkaufserfolg fortzusetzen, wurde der Flying Spur komplett neu eingekleidet, was man an den weiter auseinander gerückten Scheinwerfern im Bratpfannen-Format, den Sicken in den Flanken sowie dem im Windkanal geglätteten Heck erkennt. Außerdem wurde das Wort Continental aus dem Namen gestrichen, die Limousine soll dadurch eigenständiger wirken.

Entwicklungschef Rolf Frech bezeichnet den Wagen beharrlich als ein nagelneues Auto. Für den Innenraum, wo 600 Bauteile ausgetauscht wurden und kaum mehr als die Sonnenblenden und die Türgriffe vom bisherigen Modell übernommen wurden, mag das gelten. Der Rest jedoch wurde einem gründlichen Facelift unterzogen - mehr nicht.

Gern spricht Bentley von Leichtbau, im Fall des Flying Spur klingt das jedoch übertrieben. Zwar wurde das Auto um 50 Kilo leichter, weil die Motorhaube nun aus Alu und der Heckdeckel aus Kunststoff sind. Doch 2,5 Tonnen Leergewicht bringt das Trumm immer noch auf die Waage. Frech sagt, aus der aktuellen Plattform sei nicht mehr rauszuholen, zumal die Kunden auf opulente Ausstattung bestünden.

Das ist uns aufgefallen: Mühelos bringt der Bentley Würde und Wucht unter einen Hut. Während 800 Nm Drehmoment bei anderen Autos die Reifen rauchen und die ESP-Leuchte flackern lassen, stürmt der Flying Spur derart gediegen davon, dass der Puls des Fahrers nicht einen Schlag zulegt. Selbst beim Sprint von 0 auf 100 in 4,9 Sekunden, der in manch anderem Auto höchste Konzentration erfordert, gelingt im Bentley ganz entspannt. Selbst die 322 km/h Höchstgeschwindigkeit treiben einem in diesem Wagen keinen Schweiß auf die Stirn. Solange die Straße breit und frei ist, scheint fast alles möglich. Immerhin ist der neue Flying Spur die stärkste und schnellste Limousine der Bentley-Geschichte.

Der Reiz des Rasens ist allerdings vorbei, sobald die Kurvenradien enger und die Straßen ruppiger werden. Denn bei aller Vehemenz, die der W12 an den Tag legt, kann der Flying Spur sein immenses Gewicht nicht verhehlen. Trotz Luftfederung gerät der Wagen bei Lastwechseln ins Wanken und lässt sich in Kurven von Fahrbahn-Querfugen aus der Ruhe bringen.

Im Vergleich zum Vorgängermodell wurde das neue Auto um 40 Prozent leiser; der Unterboden ist speziell versiegelt, die Verglasung extra dick, die Reifen besonders auf Laufruhe getrimmt und zwei 18 Liter große Schalldämpfer ersticken jedes Auspuffgeräusch. Auf der Rückbank hört man selbst bei Autobahn-Richtgeschwindigkeit noch das Ticken der Armbanduhr. Und wenn man durch den Feierabendverkehr in Richtung Landsitz rollt, ist das Schmatzen der Massagekissen das lauteste Geräusch in dieser Luxus-Lounge.

Das muss man wissen: Der ab Juni lieferbare Flying Spur kostet 191.590 Euro und ist damit zumindest neben dem Flaggschiff Mulsanne für knapp 300.000 Euro fast ein Schnäppchen - aber immer noch zwischen 30.000 und 50.000 Euro teurer als die Luxuslimousinen von BMW, Audi A8 oder Mercedes S-Klasse.

Die Auswahl an Extras ist schier uferlos: Zur Wahl stehen mehr als 100 Lacktöne, 17 Ledervarianten und sieben Holzfurniere; dazu diverse Multimedia- und Komfort-Pakete. Nur in einem Punkt ist die Auswahl arg limitiert: bei den Assistenzsystemen.

Während es selbst für den Kleinwagen VW Up eine automatische Notfallbremse gibt, hat der Bentley Flying Spur nicht mehr als einen Abstandsregler und Einparkpiepser zu bieten. Das wurmt Entwicklungschef Frech, weil im Konzernregal ja eigentlich alles bereit liegt, doch dies erst bei der nächsten, wirklich neuen Generation eingesetzt werden kann.

Im Hauptmarkt China dürfte das den Absatz trotzdem nicht schmälern. Dort, so heißt es, vertrauten die im Schnitt nicht einmal 40 Jahre alten Bentley-Kunden nur auf ein Assistenzsystem. "Und das trägt einen schwarzen Anzug und nennt sich Chauffeur", sagt Frech.

Der Fokus auf China ist es auch, der vorerst weitere Motorvarianten verhindert. Solange sechs von zehn Flying Spur ins Reich der Mitte gehen, sind weder ein Achtzylindermotor noch ein Diesel- oder gar Hybridantrieb nötig. Falls sich das einmal ändert, könnte Bentley kurzfristig reagieren.

Das werden wir nicht vergessen: Den Spaß mit der einzigartigen Fernbedienung, die Bentley für das Infotainment-System im Fond entwickelt hat. Das Ding sieht aus wie ein Smartphone, surrt elektrisch aus dem Mitteltunnel, arbeitet drahtlos, wird über einen Touchscreen gesteuert und kann demnächst sogar als App auf zahlreiche Mobiltelefone geladen werden.

Schön, dass man damit die Bildauswahl auf den iPad-großen Monitoren in den Kopfstützen treffen, die Klimaanlage regeln, die Jalousien bewegen, die Sitze einstellen, das Navigationssystem programmieren oder den Bordcomputer auslesen kann. Schöner noch, wenn man damit auch gleich in James-Bond-Manier das ganze Auto steuern könnte. Dann müsste man sich nicht mehr zwischen vorne links und hinten rechts entscheiden.

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insgesamt 111 Beiträge
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1.
h.hass 18.05.2013
Solche Kisten sind doch motorisierte Dinosaurier, die überhaupt nicht mehr in unsere heutige Zeit passen. Mag sein, dass man früher Eindruck schinden konnte, wenn man im Rolls oder Bentley vorfuhr, heute wirkt es doch eher peinlich, wenn man in so einem spritfressenden Panzer durch die Gegend schaukelt. Auch die protzigen fetten Ami-Kisten wirkten früher cool und mondän, heute kommen sie lächerlich und anachronistisch rüber. Auf jeden Fall ist es viel cooler und interessanter, wenn sich Autohersteller intelligente automobile Lösungen für den Verkehr der Zukunft einfallen lassen, statt weiter überdimensionierte Gurken zu bauen, die auf Konzepten von vorvorgestern berhen.
2. Tellerrand, Heck
emantsol 18.05.2013
Zitat von h.hassMag sein, dass man früher Eindruck schinden konnte, ...
Es soll Leute geben, die sich ein solches Fahrzeug kaufen, um das Fahr-Erlebnis zu geniessen und nicht, um Eindruck zu schinden - bei wem auch immer. Ich finde, das Heck ist nicht wirklich gelungen, aber das könnte ich verschmerzen, würde es ja während der Fahrt nicht sehen - wenn ich genug Geld hätte, um mir die Kiste zu kaufen.
3. Von vorvorgestern
LorenzSTR 18.05.2013
Bravo, Rückschritt auf vier Rädern. Und mit so etwas gurkt die prestige- und statusbewusste Kundschaft dann durch die asiatischen Metropolen, wie die Pressefotos andeuten. Immer weiter, all die "High Potentials" und Winner, die Käufer solcher Kisten, wissen ja: Wenn im Geschäftsbericht irgendwas von "Verantwortung" und "Nachhaltigkeit" steht oder man gar ein bisschen in Öko investiert, dann ist die Welt in Ordnung.
4.
billhall 18.05.2013
Zitat von h.hassSolche Kisten sind doch motorisierte Dinosaurier, die überhaupt nicht mehr in unsere heutige Zeit passen. ... weiter überdimensionierte Gurken zu bauen, die auf Konzepten von vorvorgestern berhen.
Zum Glück hat SPON die Vebrauchswerte nicht angegeben, sonst lägen Sie als Öko-Spiesser und kommunistisch geprägter Neidhammel wohl mit einem Herzinfakrt auf der Intensivstation...
5. Uaah
derbochumerjunge 18.05.2013
Zitat von h.hassSolche Kisten sind doch motorisierte Dinosaurier, die überhaupt nicht mehr in unsere heutige Zeit passen. Mag sein, dass man früher Eindruck schinden konnte, wenn man im Rolls oder Bentley vorfuhr, heute wirkt es doch eher peinlich, wenn man in so einem spritfressenden Panzer durch die Gegend schaukelt. Auch die protzigen fetten Ami-Kisten wirkten früher cool und mondän, heute kommen sie lächerlich und anachronistisch rüber. Auf jeden Fall ist es viel cooler und interessanter, wenn sich Autohersteller intelligente automobile Lösungen für den Verkehr der Zukunft einfallen lassen, statt weiter überdimensionierte Gurken zu bauen, die auf Konzepten von vorvorgestern berhen.
Uaah, gleich im ersten Beitrag dieses Geplärre?
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Fahrzeugschein
Hersteller: Bentley
Typ: Flying Spur
Karosserie: Limousine
Motor: W12-Biturbo-Benziner
Getriebe: Achtgang-Automatik
Antrieb: Allrad
Hubraum: 5.998 ccm
Leistung: 625 PS (460 kW)
Drehmoment: 800 Nm
Von 0 auf 100: 4,6 s
Höchstgeschw.: 322 km/h
Verbrauch (ECE): 14,7 Liter
CO2-Ausstoß: 343 g/km
Kofferraum: 442 Liter
Gewicht: 2.475 kg
Maße: 5295 / 2208 / 1488
Preis: 191.590 EUR


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