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Benzingespräch mit dem Polizeichef des Nürburgrings: "Der Ring ist eine Spielwiese"

Die Nordschleife ist das Paradies der PS-Fraktion. Doch auch dort gelten Regeln. Und für die Hin- und Rückfahrt erst recht. Das wird von vielen Vollgas-Touristen gerne vergessen, klagt Eugen Linden, der Polizeichef des Nürburgrings, im Benzingespräch mit SPIEGEL ONLINE.

SPIEGEL ONLINE: Herr Linden, Sie sind seit kurzem Leiter der Polizeiinspektion Adenau und damit auch 'Polizeichef des Nürburgrings'. Wie unterscheidet sich dieses Revier von anderen Dienststellen?

Eugen Linden: Polizeichef in Adenau in der Eifel
Tom Grünweg

Eugen Linden: Polizeichef in Adenau in der Eifel

Linden: Einige der unfallträchtigsten Streckenabschnitte liegen in unserem Dienstbezirk. Unsere Unfallstatistik weist – trotz eines rückläufigen Trends – für die ersten neun Monate des Jahres 780 Unfälle aus, davon 147 mit Personenschaden, aus. Dabei wurden 200 Personen verletzt und fünf Verkehrsteilnehmer getötet.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das? Ist die Verkehrsdichte so üppig?

Linden: Wir leben hier in einer landschaftlich und touristisch reizvollen Region. Insbesondere in den Sommermonaten herrscht hier Hochbetrieb auf den Straßen. Ein Grund dafür ist die Erlebnisregion Nürburgring. Sie ist das Zentrum der Motorsportfreunde und zieht jede Woche Tausende von Besuchern an. Zu Großveranstaltungen kommen an einem Wochenende mehr als 100.000 Gäste, aber die sind nicht das Problem. Uns machen die Raser zu schaffen, die nicht zwischen Rennstrecke und öffentlicher Straße unterscheiden. Viele sind derart im Rennfieber, die haben nur noch Vollgas im Kopf. Tempolimits kennt dann keiner mehr.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man solchen Leuten mit auf den Weg geben? Reichen Schilder und Radarkontrollen?

Linden: Nein, mit Schildern allein ist es nicht getan. Wir appellieren immer wieder an die Fahrer und mahnen zur Besonnenheit. Vor allem wenn sie selbst über die Nordschleife gefahren sind, sollten sie dieses Erlebnis erst einmal sacken lassen. Unser Tipp: Setzt euch ein paar Minuten hin, trinkt in aller Ruhe einen Kaffee und bremst auch im Kopf, bevor ihr auf die Straße geht.

SPIEGEL ONLINE: Aber auf dem Ring können sie sich austoben?

Linden: Bei einem Rennen schon. Aber vielen ist nicht bewusst, dass die Nordschleife zwar eine große Spielwiese ist, auf der aber dennoch Regeln gelten. Es handelt sich um öffentlichen Verkehrsraum. Während der Touristenfahrten muss man sich an die Straßenverkehrsordnung halten. Es darf nicht rechts überholt werden, Sicherheitsabstände sind einzuhalten, es gibt Halteverbote und sogar Geschwindigkeitsbegrenzungen. Nur die Höchstgeschwindigkeit ist aufgehoben, weil die Strecke als 'Kraftfahrstraße' beschildert ist.

SPIEGEL ONLINE: Also muss man auch auf der Nordschleife mit Polizeikontrollen rechnen?

Linden: Im Prinzip ja. Früher habe wir dort tatsächlich manchmal per Hubschrauber den Verkehr überwacht. Denn die Nordschleife ist ein gefährliches Pflaster. Dort fahren Profis und blutige Anfänger, Motorräder, Autos und zwischendurch sogar Busse. Da muss man schon sehr konzentriert sein, damit nichts passiert. Es gibt zwar keine regelmäßigen Polizeikontrollen, aber wir achten gemeinsam mit der Nürburgring GmbH darauf, dass die 'Hausordnung' eingehalten wird.

SPIEGEL ONLINE: Die Polizei als Hausmeister?

Linden: Nein, natürlich nicht. Aber auf der Nordschleife sind Autos mit Überführungs, Händler- oder Kurzzeitkennzeichen nicht erlaubt, auch keine Zweiräder mit Versicherungs-kennzeichen. Das gibt uns die Gewähr, dass nur ordentlich zugelassene und versicherte Fahrzeuge auf die Strecke gehen. Immer wieder prüfen wir – demnächst zusammen mit KFZ-Sachverständigen –, ob die Autos wirklich so zugelassen sind, wie sie aussehen. Das ist auch Aufklärungsarbeit, denn viele Fahrer wissen gar nicht, dass sie mit breiten Rennreifen, modifizierter Auspuffanlage, Fahrwerksveränderungen, Spoilern oder Schwellern unter Umständen die Zulassung und zugleich den Versicherungsschutz verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Das dürfte Ihnen ja nicht schwer fallen, denn mit Auto-"Basteleien" kennen Sie sich aus – oder wie war das mit dem TV-Auftritt im Montageanzug?

Linden (lacht): Ja, ein bisschen kann ich schon mit dem Schraubenschlüssel umgehen. Das haben wir mit dem Jeep-Club meines Heimatortes Gevenich in der Guinness-Show bewiesen. Dort haben wir aus 134 Einzelteilen in 76 Sekunden einen Willys Jeep fahrbereit zusammengebaut und damit einen neuen Weltrekord aufgestellt.

SPIEGEL ONLINE: Der Spaß am Fahren ist Ihnen also nicht fremd?

Linden: Ich komme aus der Eifel, bin leidenschaftlicher Geländewagenfahrer und weiß auch um die Faszination des Nürburgrings. Wir müssen versuchen, es allen Seiten recht zu machen. Zu allererst müssen natürlich die Verkehrsregeln eingehalten werden. Und dann suchen wir die richtige Balance zwischen den Ansprüchen der Anwohner und den Wünschen der PS-Touristen, die ja auch Gäste sind und Geld in die Region bringen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Tempo-30-Zonen oder noch mehr Überwachung eine Lösung?

Linden: Wo die Strecken gefährlich sind, gelten zu Recht Geschwindigkeitsbeschränkungen. Dass die eingehalten werden, dafür sorgen wir sehr konsequent. Wir picken uns gezielt die Raser heraus, die mit 150 km/h und mehr durch Tempo-80-Zonen jagen. Klassische Radaranlagen werden nur noch selten eingesetzt. Viel häufiger stehen wir mit der Laserpistole am Straßenrand.

SPIEGEL ONLINE: Zeigen solche Aktionen denn Wirkung?

Linden: Davon bin ich überzeugt. Nehmen Sie zum Beispiel einen Montag im September. Nachdem es am Wochenende auf der B 258 wegen extrem überhöhter Geschwindigkeit zu einem schweren Motorradunfall kam, den der Fahrer nur mit viel Glück überlebte, haben wir am Tag darauf im Bereich "Hohe Acht" Geschwindigkeitskontrollen durchgeführt. In der einen Fahrtrichtung war dabei jeder vierte Verkehrsteilnehmer zu schnell. Es wurden 26 Verwarnungen ausgesprochen, dazu werden 43 Fahrzeugführer demnächst eine schriftliche Anhörung erhalten. Sie waren so schnell, dass sie ein Bußgeld sowie eine Eintragung ins Punkteregister erwartet. Und für mindestens einen wird es ein Fahrverbot geben.

SPIEGEL ONLINE: Noch eine persönliche Frage – als Polizist sollten Sie nicht nur die Verkehrsregeln einhalten, sondern auch die Standorte Ihrer Radar- oder Laser-Kollegen kennen. Wie sieht es auf Ihrem Punktekonto aus?

Linden: In Flensburg habe ich eine weiße Weste. Aber ein Verwarnungsgeld wegen einer Geschwindigkeitsübertretung habe ich auch schon bezahlt – wir Polizisten sind ja auch nur Menschen.

Das Gespräch führte Tom Grünweg

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