Benzingespräch mit Walter Röhrl: "Für mich ist Tempo nicht entscheidend"

Der zweimalige Rallye-Weltmeister ist Perfektionist. Das spiegelte sich in seinem Fahrstil wider, der als außergewöhnlich kontrolliert und beherrscht gilt. In der neuen Reihe Benzingespräch von SPIEGEL ONLINE äußert er sich über Tempolimits und seinen Punkt in Flensburg.

Walter Röhrl: "Geschwindigkeit ist keine Faszination"
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Walter Röhrl: "Geschwindigkeit ist keine Faszination"

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Allgemein gilt, dass die Welt sich beschleunigt und heute alles sehr viel schneller geht als früher. Empfinden Sie das auch so?

Röhrl: Nein, beim Autofahren ist das Gegenteil der Fall. Früher herrschte weniger Verkehr und es gab weniger Tempolimits, da ging es einfach zügiger voran. Heute gibt es immer mehr Begrenzungen, die den Verkehrsfluss reglementieren.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Autos werden immer schneller...

Röhrl: ...das ist richtig, die Autos erreichen höhere Geschwindigkeiten als früher, die Technik ist ausgereifter. So gesehen gibt es theoretisch schon eine Beschleunigung.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet Geschwindigkeit für Sie? Ist das eine besondere Faszination?

Röhrl: Geschwindigkeit ist für mich keine Faszination. Die Leute denken das oft. Aber für mich ist nicht das Tempo entscheidend, mit dem ich etwas tue, sondern die Perfektion, mit der ich etwas tue. Wenn ich was mache, dann möchte ich es perfekt machen. Das gilt zum Beispiel fürs Skifahren, und das gilt auch fürs Autofahren.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet perfektes Autofahren?

Röhrl: Wenn ich im Auto sitze, dann muss das Auto ein Teil von mir werden, es muss ein Körperteil von mir sein, bei dem allein ich bestimme, was es macht. Das ist es, was mich fasziniert. Und wenn ich dann auf den Tachometer schaue, bin ich eher schockiert von der Geschwindigkeit. In einem Rennauto gibt es ja keinen Tacho, da fährst du einfach dahin. Und nach dem Training sagst du dem Ingenieur, mit welcher Drehzahl du durch die Senke gefahren bist, und der sagt dann, 'das waren 294 km/h'. Und dann denk' ich, 'um Gottes Willen ist das schnell'.

SPIEGEL ONLINE: Und da kommt nie so etwas wie Euphorie auf - sozusagen ein Geschwindigkeitsrausch?

Röhrl: Ja, ok, als wir bei der Abstimmung des Porsche Carrera GT auch Konkurrenzprodukte gefahren sind, da war ich auch in einem Ferrari Enzo unterwegs, und der ist laut Tacho knapp 380 gegangen. In Realität waren das vielleicht 350, aber das ist dann schon etwas Besonderes. Wenn der Zeiger Richtung 400 dreht, ist das einfach beeindruckend.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eigentlich Bereiche, von denen Sie sagen, 'da bin ich eher ein langsamer Mensch'?

Röhrl: Mmmh. Nein, eigentlich nicht. Bei allem, was ich mache, ist die Uhr dabei und spielt die Zeit eine Rolle. Wenn ich zum Beispiel Rad fahre, dann schaue ich immer auf die Uhr. Ich nehme mir zwar manchmal vor, entspannt zu fahren, aber dann stelle ich fest, dass ich doch wieder auf die Uhr geschaut habe und schneller gefahren bin als geplant.

SPIEGEL ONLINE: Perfektion und Schnelligkeit sind für Sie also Zwillinge.

Röhrl: Selbstverständlich, das eine hat mit dem anderen zu tun. Wenn ich etwas perfekt mache, dann mache ich es beinahe zwangsläufig auch sehr schnell.

SPIEGEL ONLINE: Tempolimits müssen für Sie ein Graus sein.

Röhrl: Ja und nein. Ich hätte zum Beispiel kein Problem, wenn auf der Autobahn ein generelles Tempolimit von 160 gelten würde. Das ist so meine Geschwindigkeit, denn so komme ich schnell vorwärts, und der Verbrauch hält sich noch in Grenzen. Ich hätte kein Problem, ein Tempolimit von 160 nachts auf einer völlig freien Autobahn zu respektieren. Ganz anders sieht es aus, wenn die Autobahn trocken und leer ist, aber eine Höchstgeschwindigkeit von 120 gilt. Und dann gibt es natürlich auch Situationen, in denen die erlaubte Geschwindigkeit schon zu hoch ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie auf deutschen Autobahnen gerast?

Röhrl: Natürlich kommt das vor. Ich werde zum Beispiel sehr häufig von Autofahrern überholt, bei denen habe ich das Gefühl, die kennen nur eine Gaspedalstellung, nämlich voll durchgetreten. Es ist manchmal unvorstellbar, mit welchem Vertrauen Autofahrer Tempo 200 fahren. Andererseits kenne ich auch das Gefühl, 250 km/h als normale Reisegeschwindigkeit zu empfinden. Es hängt eben sehr davon ab, in welchem Auto man gerade unterwegs ist.

SPIEGEL ONLINE: Für Porsche-Fahrer sieht die Welt also doch ein wenig anders aus?

Röhrl: Wenn ich nach Österreich fahre, dann tue ich das gerne in meinem VW-Bus. Wenn ich da mit 100, 120 auf der Landstraße dahinfahre, dann ist das eine zügige Geschwindigkeit. Das Auto ist schwer, ich muss weich und sauber lenken und habe das Gefühl, dass ich etwas von meinem Können einsetzen kann. Wenn ich das Gleiche in einem Porsche tue, wirkt es jämmerlich. Das wäre dann bewusstes Langsamfahren.

SPIEGEL ONLINE: Welche Tempolimits sind eigentlich sinnvoll?

Röhrl: Da gibt es genug. Aber es gibt eben auch häufig Situationen, in denen die Beschränkung fragwürdig ist. Autobahnbaustellen sind zum Beispiel so ein Fall: Tagsüber, wenn es recht voll ist, können die erlaubten 80 schon der Horror sein. In der Nacht aber sind 80 eine Frechheit. Nun ist man geneigt zu sagen, der Gesetzgeber soll das gefälligst mir überlassen, aber das geht natürlich nicht, wenn manche das nötige Verantwortungsgefühl nicht aufbringen. Also muss der Gesetzgeber die Schwächsten schützen, und insofern gehen die Limits in Ordnung.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Probleme mit Geschwindigkeitsübertretungen?

Röhrl: Ja, einmal gab es ein Problem. Etwa zehn Kilometer von meinem Wohnort entfernt wurde eine Ortstafel neu aufgestellt und damit gilt Tempo 50. Seit das so ist, finden dort häufig Radarkontrollen statt. Ich kenne die Strecke sehr gut und habe jedes Mal geschaut, ob die Polizei kontrolliert oder nicht. Eines Nachts aber standen die Polizisten an einer anderen Stelle als üblich und haben mich mit der Radarpistole geblitzt. Mit 73. Und siehe da: Das waren 20 km/h zu schnell, und es gibt einen Punkt in Flensburg.

SPIEGEL ONLINE: Das geht ja noch.

Röhrl: Von wegen. Seit diesem Vorfall habe ich schon drei Kilometer vor diesem Ortsschild erhöhten Puls. Sie müssen sich vorstellen: Ich habe in meinem Leben schon zirka achteinhalb Millionen Kilometer im Auto zurückgelegt, und dies war der bislang einzige Fall, in dem ich einen Punkt kassiert habe. Mein erster Punkt! Das hat mich belastet, zum Teil hatte ich schlaflose Nächte deswegen. Zum Glück wurde der Punkt inzwischen gelöscht.

SPIEGEL ONLINE: Und an dieser Stelle fahren Sie immer noch besonders vorsichtig.

Röhrl: Ganz klar. Wenn die Polizei dort steht, freue ich mich, dass sie mich nicht blitzen können. Und wenn sie nicht dort stehen, ärgere ich mich, dass ich nutzlos Energie vernichtet habe und im vierten Gang schon wieder leicht aufs Gas drücken muss, um überhaupt die erlaubten 50 zu halten.

Das Interview führte Jürgen Pander

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