Benzingespräch mit Wolfgang Haffner "Sänger haben einen schönen Bleifuß"

Warum fahren Gitarristen große Autos? Wann klingt ein Fiat wie Dizzy Gillespie? Und sollte man im Stau improvisieren? Deuschlands bester Schlagzeuger Wolfgang Haffner räsoniert im Interview mit SPIEGEL ONLINE über die musikalischen Seiten des Autofahrens.


SPIEGEL ONLINE: Herr Haffner, bitte verzeihen Sie die etwas banale Analogie. Aber haben Sie schon einmal unangenehme Erfahrungen mit Schlaglöchern gemacht?

Haffner: Ja, vergangenes Frühjahr, als der Winter bei uns auf dem Land die Straßen aufgerissen hatte. In solch ein kapitales Loch bin ich volle Lotte hineingerauscht. Ich lebe ja im hinteren Frankenland, in der Nähe von Nürnberg, da muss man auf den Seitenstraßen manchmal ganz schön aufpassen.

SPIEGEL ONLINE: Nervt es Sie als Schlagzeuger, wenn der Fahrrhythmus so jäh unterbrochen wird?

Schlagzeuger Wolfgang Haffner: Ab Ende September tourt er mit seiner Band durch Deutschland
Marc Dietenmeier

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Haffner: Vor allem, wenn hinterher die Achse lädiert ist! Es stimmt aber, der Rhythmus des Fahrens hat mich schon immer fasziniert. Als Kind bin ich mit meinen Eltern öfter die Strecke Nürnberg-Berlin gefahren, auf der Transitautobahn. Und die bestand ja nicht aus einem durchgehenden Teerbelag, sondern aus einzelnen Betonplatten. Wenn man konstant mit 100 km/h darüber fuhr, ergab das einen ganz gleichmäßigen Rhythmus, der mich schon als Junge schwer beeindruckt hat.

SPIEGEL ONLINE: Dann wurden Sie dank der DDR-Autobahnmeisterei zum Schlagzeuger?

Haffner: Ich habe zwar schon als Sechsjähriger Unterricht genommen, aber nicht wegen der Autobahn. Wahr ist aber, dass ich auch heute noch beim Autofahren alle möglichen Rhythmen registriere. Nehmen wir zum Beispiel den Blinker. Neulich war ich unterwegs und hörte bei der Fahrt eine alte Aufnahme von Dizzy Gillespie, ich glaube, es war "Groovin' High". Ich musste an einer Ampel abbiegen und habe natürlich geblinkt. Das Geräusch, dieses Klick-Klack, war zunächst komplett konträr zur Musik. Nach einiger Zeit aber sind der Blinker und Dizzy Gillespie plötzlich eins geworden. Ich bin total erschrocken, das war unglaublich. Es hat nur einige Sekunden gedauert. Ein wahnsinniger Moment.

SPIEGEL ONLINE: Was für einen Wagen fahren Sie denn, mit so einem Jazzverständnis?

Haffner: Nur einen kleinen Fiat Punto. So einen guten Groove hätte ich ihm auch nicht zugetraut.

SPIEGEL ONLINE: Ein Schlagzeuger mit Punto? Da passt doch höchstens eine Bongo-Trommel in den Kofferraum.

Haffner: Die Leute wundern sich tatsächlich immer, weil jeder denkt, ich müsste mit einem Riesenkombi vorfahren. Aber ich nehme mein Schlagzeug nie selber mit, das wird in der Regel von der Road Crew im Bus oder im Lkw transportiert.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihr Wagen noch mehr musikalisches Talent?

Haffner: Da müsste ich bei der nächsten Fahrt mal näher hinhören. Die meisten Geräusche nimmt man doch eher unbewusst wahr und hat sie fünf Minuten später schon wieder vergessen. Aber es gibt im Straßenverkehr schon super Sounds. Wenn zum Beispiel ein Bus vorbeirauscht, dann ist das ein geiles Klangerlebnis. Oder ein umfallendes Fahrrad kann auch einen tollen Sound ergeben.

SPIEGEL ONLINE: Autohersteller beschäftigen heute Soundingenieure, die zum Beispiel Blinkergeräusche oder den Sound des Zuschlagens der Autotür designen.

Haffner: Tatsächlich? Das wusste ich nicht. Bei meinem Punto war das sicher nicht der Fall, die Tür hat kein Sounddesigner in der Hand gehabt. Das bringt mich aber auf eine Idee. Man müsste all diese Sounds aufnehmen und am Computer samplen. So ein Türzuschlagen könnte zum Beispiel ein super Basedrum-Ersatz sein. Eine Motorhaube kann auch geil klingen. Ich hatte vor Jahren einen VW Käfer, bei dem hat immer die Haube geklemmt. Wenn man sie schließen wollte, musste man die immer mit richtig viel Schwung zuschmeißen, das hat dann so krrrrrchhhwumm gemacht, ein klasse Sound. Wenn ich so was für die nächste CD verwende, wird sich alle Welt fragen: Was ist das denn?

SPIEGEL ONLINE: Verwenden Sie gerne ungewöhnliche Sounds?

Haffner: Klar! Wenn ich an einer neuen Platte arbeite, trage ich eigentlich immer ein Aufnahmegerät mit mir herum. Neulich bin ich am Sonntag früh um 8 Uhr aufgestanden, weil mich das Vogelgezwitscher geweckt hatte. Da bin ich mit einem 20 Meter langen Mikrofonkabel aus dem Studio heraus unter einen Baum gelaufen und habe eine halbe Stunde lang die Vögel aufgenommen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das schon für eine Platte vorgesehen?

Haffner: Noch nicht, aber ich archiviere solche Sounds, und irgendwann passt's. Das wird dann auch sicher nicht mehr als normale Vogelstimme zu erkennen sein. Wenn man das Gezwitscher aber durch einen Verzerrer schickt und ein bisserl damit herumexperimentiert, bekommt man ganz tolle Soundeffekte.

SPIEGEL ONLINE: Zurück zum Straßenverkehr: Gibt's ein Auto, dass in Ihren Ohren besonders gut klingt?

Haffner: Ehrlich, ich bin wirklich überhaupt kein Autofreak. Ich könnte nicht bei "Wetten, dass ..." auftreten und 20 Autos an ihrem Türschlag erkennen. Den VW Käfer kann ich natürlich vom Motorengeräusch her aus vielen heraushören. Ob ich aber einen Ford Escort vom Golf unterscheiden könnte, wage ich zu bezweifeln.

SPIEGEL ONLINE: Dann nehmen wir mal Ihren Punto. Klingt der eher nach Italo-Pop oder nach Jazz?

Haffner: Italo-Pop sicher nicht, der hat schon etwas Anarchisches. Ein bisschen Jazz ist schon drin in der Kiste. Er hat ja schon ein paar Jahre auf dem Buckel, da bekommt so ein Wagen dann etwas Charmant-Verrostetes. Der Wagen ist im Prinzip noch hundertprozentig analog, da ist nichts Digitales. Ein Auto soll mich von A nach B bringen, ich brauche keinen Bordcomputer, der zu mir spricht.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrem neuen Album "Shapes" verwenden Sie allerdings viele elektronische Helferlein, Akustikmusik ist das nicht gerade.

Haffner: Okay, das stimmt. Natürlich hätte ich das Album auch komplett ohne Elektronik einspielen können, aber das klingt einfach anders. Das ist ein Unterschied zum Auto. Fährt ein Auto vom Fahrgefühl her anders, weil mir der Bordcomputer die verbleibende Spritmenge ausrechnet? Nein.

SPIEGEL ONLINE: Ein Navigationssystem kann schon praktisch sein. Sie haben vermutlich den Straßenatlas in Reichweite?

Haffner: Ich improvisiere sehr gerne, auch beim Autofahren. Ich folge meiner Intuition, da nehme ich keine Karte zur Hilfe. Die Geduld habe ich einfach nicht, außerdem ist das unhandlich, wenn man alleine unterwegs ist. Es kommt natürlich vor, dass ich wild umherirre, das ist dann der absolute Jazz, das geht bis zum Freejazz.

SPIEGEL ONLINE: Als Schlagzeuger sollte man doch seinen Rhythmus nicht verlieren.

Haffner: Das tue ich ja auch nicht, ich fahre im Prinzip sehr gleichmäßig, so wie ich auch Schlagzeug spiele. Aber ab und zu muss man improvisieren. Und sein Ziel erreicht man ja trotzdem. Manchmal muss ich eben mal gucken, wo mich die Straße so hinführt.

SPIEGEL ONLINE: Sind Schlagzeuger denn gute Autofahrer?

Haffner: Wir Schlagzeuger sind sehr ausgeglichene Menschen. Man hält in der Band alles zusammen, ist aber trotzdem im Hintergrund. Von daher halte ich uns auch für gute Autofahrer. Wir haben ja auch an unserem Instrument mit Pedalen zu tun. Als Saxophonist hingegen muss man mit den Füßen gar nichts machen, da muss man nur schön ins Instrument blasen.

Mir ist übrigens aufgefallen, dass Sänger, Gitarristen oder Saxophonisten meist große Autos besitzen und einen schönen Bleifuß haben, das hat wohl was mit Macho-Gehabe zu tun. Die meisten Trommler hingegen fahren eher Kleinwagen, und das sehr besonnen. Schlagzeuger besitzen einfach eine natürliche Feinabstimmung in den Füßen, die einem auch beim Autofahren hilft.

SPIEGEL ONLINE: Sänger fahren demnach besser mit Automatikgetriebe?

Haffner: Genau. Und bloß keine Schlaglöcher, sonst sieht's ganz schlecht aus.

Das Interview führte Philip Wesselhöft

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