Tödlicher Rad-Crash in Berlin So können Dooring-Unfälle verhindert werden

In Berlin ist ein Radfahrer tödlich verunglückt - er fuhr ungebremst gegen eine plötzlich geöffnete Autotür. Wie kann man sich gegen solch schwere Unfälle schützen? Und was müssen Autofahrer beachten?


Die Details zu dem tödlichen Unfall in Berlin

Der 55-jährige Radfahrer prallte am Dienstag gegen 23 Uhr im Stadtteil Neukölln gegen eine abrupt geöffnete Autotür. Nach dem Unfall starb er am Mittwochmittag in einem Krankenhaus, teilte die Polizei mit.

Nach bisherigen Erkenntnissen soll ein 51-Jähriger die Fahrertür seines geparkten Sportwagens unvermittelt geöffnet haben, sodass der Radfahrer nicht mehr rechtzeitig bremsen konnte. Das Fahrzeug parkte laut Polizei im absoluten Halteverbot und stand teilweise auf einem sogenannten Schutzstreifen für Radfahrer, auf dem das Unfallopfer unterwegs gewesen sei.

Bei dem Unglück handelt es sich um einen sogenannten Dooring-Crash - so werden Unfälle genannt, bei denen Radfahrer in sich öffnende Autotüren (englisch "doors") fahren.


Wie lassen sich Dooring-Unfälle verhindern?

Radfahrer sollten einen Sicherheitsabstand von mindestens einem Meter zur parkenden Fahrzeugreihe halten, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV).

Gefordert sind aber vor allem die Autofahrer: Sie sollten laut Brockmann vor dem Aussteigen nicht nur in den Außenspiegel, sondern auch über die linke Schulter nach hinten schauen. Durch einen einfachen Trick könne man sich das angewöhnen - nämlich indem man die Fahrertür grundsätzlich mit der rechten Hand öffnet. "Durch das Drehen des Oberkörpers wandert der Blick quasi automatisch seitlich nach hinten - also auf die Fahrbahn", sagt Brockmann.

Die UDV hat kürzlich eine Auswertung ihrer Unfalldatenbank vorgelegt. Demnach passieren Dooring-Unfälle vergleichsweise selten, sind aber häufig sehr schwer. Wie beim jüngsten Fall in Berlin zögen sich die Radfahrer meist Kopfverletzungen zu.

Laut einer Berechnung der UDV müsste ein Radler, der mit 20 km/h unterwegs ist, mindestens elf Meter vorher bemerken, dass die Tür aufgeht, um noch zum Stillstand bremsen zu können. Ausweichmanöver seien wegen überholender Autos oft gar nicht möglich.

Um Dooring-Unfälle zu verhindern, fordert Brockmann auch eine Art automatisches Stopp-System für Autotüren, die das Öffnen kurz vor und während des Vorbeifahrens eines Radfahrers verhindern. Erhältlich sei eine solche technische Lösung noch nicht, laut Brockmann aber machbar. "Nach unseren Berechnungen würden die Türen nur sehr kurz blockiert werden."


Wie können Radfahrer sich besser schützen?

Irren ist menschlich. Leider muss man diese Regel als Radfahrer besonders beherzigen - weil Fahrfehler oder Nachlässigkeiten von Autofahrern für Radler besonders böse enden können. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) hat sieben Regeln für Radfahrer aufgestellt. Wer sie befolge, steigere seine Sicherheit im Straßenverkehr.

  • Mit allen Sinnen unterwegs sein - kurz: vor allem Augen und Ohren auf! Musik aus dem Kopfhörer lenkt ab, auch wenn die Unterhaltungsgeräte per se im Straßenverkehr nicht verboten sind. Zudem rät die Verkehrsreferentin Stefanie Miczka vom ADFC in Hamburg dazu, dass Radfahrer nicht auf ihr Recht pochen sollten. Im Zweifel lieber Anhalten statt zu riskieren, dass es zu einem Unfall kommt.
  • Selbstbewusst, aber trotzdem defensiv fahren: Wer mit dem Rad unterwegs ist, muss manchmal auch ein Hupkonzert aushalten können. Miczka rät Radfahrern in engen Straßen dazu, weit in der Straßenmitte zu fahren. So werde Autos das Überholen unmöglich gemacht - zur eigenen Sicherheit, denn der Abstand zu parkenden Autos sollte im Schnitt mindestens einen Meter betragen. Autofahrer wiederum sollten zwischen sich und dem zu überholenden Fahrrad 1,50 Meter freihalten.
  • Generell sollten Radfahrer auf der Fahrbahn geradeaus fahren und nicht in Lücken einscheren - also zum Beispiel auf Parklücken oder Busspuren ausweichen. Wer ein Handzeichen gibt, sollte dann auch zügig seinen eingeschlagenen Weg fortsetzen. Zögerliches Radfahren sorge für Missverständnisse und erhöhe die Unfallgefahr.
  • Blickkontakt zu anderen Verkehrsteilnehmern suchen: Wer als Radfahrer den Blickkontakt zum Autofahrer sucht, merke, ob er gesehen wird.
  • Abstand halten und sich Sicherheitszonen schaffen: Abstand sollten Fahrradfahrer nicht nur zu parkenden Autos halten, sondern auch immer zum Bordstein. Denn wer weit rechts Richtung Kante unterwegs ist, habe keine Pufferzone mehr, falls er knapp überholt wird. Der ADFC empfiehlt etwa 50 bis 100 Zentimeter Abstand.
  • Abbiegende Autos und Lkws erfordern erhöhte Aufmerksamkeit: Stichwort toter Winkel - es gibt Bereiche für Auto-, Bus- und Lkw-Fahrer, die trotz Spiegel- und Kamerasystemen nicht einsehbar sind. Diese Zonen sind für Radfahrer besonders gefährlich. Deshalb sollten sich Radfahrer immer im Sichtbereich der anderen Verkehrsteilnehmer bewegen - also vor den Fahrzeugen aufstellen oder weit rechts dahinter. Ist dies nicht möglich, sollten sie einkalkulieren, dass der Abbiegende sie nicht sehen kann und entsprechend defensiv fahren.
  • Nicht als Geisterfahrer unterwegs sein: Das gelte nicht nur für die Straße, sondern auch für Radwege. Wer einen Radweg in falscher Richtung befahre, gefährde sich und andere Radfahrer.
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Unfallvermeidung: Sicherheitstipps für Radfahrer

Die jüngste Statistik zu Fahrradunfällen

Im Jahr 2015 verunglückten laut Statistischem Bundesamt 78.176 Fahrradfahrer. Für rund 383 von ihnen endete der Unfall tödlich - in etwa 62 Prozent dieser Fälle hatten die Radfahrer den Unfall verursacht.


Wie sicher ist Radfahren speziell in Berlin?

Der ADFC sieht ein "massives Sicherheitsproblem" für Radfahrer in der Hauptstadt, so Landessprecher Nikolas Linck. Im vergangenen Jahr verunglückten 17 Radfahrer in Berlin tödlich, dieses Jahr waren es bisher zwei. Mit einer Karte der Unfallorte will der ADFC der Toten gedenken und Politik und Autofahrer ermahnen, für eine bessere Infrastruktur und mehr Rücksichtnahme zu sorgen.

Getötete Fahrradfahrer in Berlin 2017

Quelle: adfc Berlin

Nach Angaben von Linck werden in Berlin im Innenstadtbereich mittlerweile mehr Wege mit dem Rad als mit dem Auto zurückgelegt. Doch es gebe zu wenige oder schlechte Wege. Mittlerweile hat die Berliner Regierungskoalition auf die Situation für Radfahrer reagiert, als erstes Bundesland will Berlin noch in diesem Jahr ein Radgesetz verabschieden. Dieses hat zum Ziel, die Radinfrastruktur zu verbessern.

mhu/cst



insgesamt 335 Beiträge
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Seite 1
bembel71 15.06.2017
1. Radfahrer gehören in die MITTE der Fahrbahn!
Fast alle schweren Unfälle von Radfahrern könnten vermieden werden, wenn die Damen und Herren Radfahrer sich endlich angewöhnen würden, in der MITTE der Fahrbahn zu fahren, statt eng am rechten Rand. Das ist rechtlich nicht nur erlaubt, sondern sogar gefordert: 1.5 Meter ist der MINDEST-Abstand zwischen dem rechten Rand des Rads und dem linken Rand der parkenden Autos - damit ist man praktisch schon in der Mitte der Spur. Wenn man in der Mitte der Spur fährt, müssen überholende Autofahrer die Spur wechseln, und man hat rechts und links ausreichend Sicherheitsabstand. Wenn man am rechten Rand fährt, überholen Autos extrem eng, und man ist durch aufgehende Autotüren gefährdet.
pric 15.06.2017
2.
Da kann man sich doch nur an den Kopf fassen: "Um Dooring-Unfälle zu verhindern, fordert Brockmann auch eine Art automatisches Stopp-System für Autotüren, die das Öffnen kurz vor und während des Vorbeifahrens eines Radfahrers verhindern. Erhältlich sei eine solche technische Lösung noch nicht, laut Brockmann aber machbar. 'Nach unseren Berechnungen würden die Türen nur sehr kurz blockiert werden.'" Ein TECHNISCHES Hilfsmittel. Du liebe Güte.
buenaventura2012 15.06.2017
3. Oder aber...
... nur noch fahrzeuge mit flügeltüren zulassen...
echobravo 15.06.2017
4. Radfahren
Also immer auf der Straße fahren. Ich bin heute morgen das erste mal seit langem wieder auf den (freiwilligen) Radwegen gefahren. NIE WIEDER! So viel Ignoranz und Beinaheunfälle (auch mit anderen Geisterradfahrern, gehört auch zur Wahrheit) muss ich nicht jeden Tag fahren. Und einen Meter Abstand zu parkenden Autos? Dann fahre ich schon 50cm im Busch teilweise.
antje_nett 15.06.2017
5. Der Schulterblick
Schön wäre es wenn zusätzlich über die Schulter geblickt würde. Bei vielen Verkehrsteilnehmern ist dies aus gesundheitlichen, oft altersbedingten Einschränkungen nicht möglich. Mein persönliches (Rad)Fahrverhalten würde ich mittlerweile als sehr defensiv bezeichnen. Ansonsten läge ich zweimal die Woche auf einer Motorhaube. Solange jeder Greis mit nicht kalkulierbarem Medikamentencoctail am Straßenverkehr teilnehmen darf wird sich die Verkehrssituation noch verschlimmern.
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