Von Andrea Reidl
So viel Geduld hatte Finger nicht. Als er am nächsten Tag die Stangen auf das Tretlager und die Metallmuffen steckte, waren sie in der Mitte noch grün. Trotzdem tränkte er die Hanffasern in Epoxidharz, umwickelte damit die Verbindungsstücke, ließ alles ein paar Tage trocknen und baute das Rad zusammen. Seitdem fährt er damit durch Berlin.
Kurze Zeit später startete er den ersten Workshop "Berlin Bamboo Bike", ein Projekt der "Grünen Uni" an der TU Berlin, das er initiiert hat. "Bambusräder zum Selberbauen für Jedermann". Die Studenten bringen ein altes Rad mit oder suchen sich eines aus dem Fundus an Fundrädern, dass ein Bezirksamt den Bambusbauern überlassen hat. Sie kopieren die Form und verwenden Felgen, Tretlager, Sattelstütze oder Vorderradgabel für die Bambusräder. 20 Stück haben sie so gebaut.
Die Bambus-Bike-Bauer stehen noch ganz am Anfang ihrer Entwicklungsarbeit. Dabei stoßen sie auf typische Probleme: Mal reißt der Bambus, mal sind die bis zu 60 Millimeter starken Rohre oder die Hanfwickel an den Verbindungsstücken zu dick.
"Bei dem Rennrad, das ich baue, verjüngten sich die Kettenstreben des alten Rades so stark, dass der Zahnkranz an das Bambusrohr stieß", erklärt ein Teilnehmer. Ein neues Tretlager mit einem größeren Winkel war die Lösung. Noch hilft nur die Feile, wenn die Reifen an den Rohren reiben. Später schafft vielleicht ein eigener Rahmenentwurf von Berlin-Bamboo-Bike Abhilfe.
Bis zur Vermarktung müssen Design und Materialmix stimmen
Nach vier Tagen in der Werkstatt sind die Räder fahrbereit. Die Teilnehmer schieben ihre selbstgebauten Kunstwerke auf die Straße und fahren los - auf eigene Verantwortung. "Ob die Räder stabil sind?" Johannes Fischer, Workshopleiter und Mitinitiator grinst, stellt sich auf die Pedale und springt mit seinem Bambusrad über die Straße. Einmal, zweimal, dreimal, immer 30 Zentimeter hoch, einundzwanzigmal, zweiundzwanzigmal. "Der hört so bald nicht mehr auf", sagt Finger trocken. Das Rad hält das aus - seit Monaten.
Wenn die Bambusräder serienreif sind, wollen Finger und Fischer sie mit Neuteilen ausstatten. Dann soll ein Institut ihre Belastbarkeit testen. "Langfristig wollen wir die Räder hier in der Region verkaufen", sagt Finger. Dann muss das Design stimmen und vor allem der Materialmix.
"Die Reifen und Zahnriemen könnten aus Kautschuk bestehen und die Laufräder und Speichen aus Holz", erklärt Finger. Holz wurde bereits um 1895 in englischen Bambusfahrrädern verbaut. Einen ersten Erfolg kann der Luft- und Raumfahrtstudent bereits vorweisen: Mit Fischer hat er konventionelles Epoxidharz durch 55-prozentiges Bio-Epoxidharz auf Leinölbasis ersetzt. Doch welche abbaubaren Materialien und nachwachsende Rohstoffe sich schlussendlich am Besten eignen, sollen nach Fingers Vorstellung Kommilitonen der TU Berlin in gemeinsamen Projekten herausfinden.
Zurzeit gewinnen die Berlin-Bamboo-Bikes mit Sicherheit keinen Designwettbewerb, dafür wurde das Projekt aber von der Bundesregierung im Frühjahr mit einem Innovationspreis ausgezeichnet. Das motiviert Finger und Fischer. Sie realisieren ihre Ideen und Projekte zügig, aber entspannt. Schließlich war selbst Bambusbike-Guru Craig Calfee erst mit seinem 100. Bambusrahmen einigermaßen zufrieden.
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