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24. Februar 2013, 07:50 Uhr

Energiewende für Elektroautos

Tauschen statt Tanken

Aus Amsterdam berichtet Benjamin Dürr

Das Unternehmen Better Place will die Probleme von Elektroautos lösen. Statt den Akku stundenlang aufzuladen, wird er an Wechselstationen in wenigen Minuten vollautomatisch ausgetauscht - der Fahrer muss dafür nicht einmal aussteigen. Taugt das Verfahren wirklich? Der Test.

Mit einem Ruck wird das Auto weitergeschoben. Es wackelt leicht, vibriert und ruckelt ein bisschen. Wie in einer Waschanlage. Dass unter dem Fahrzeug Hightech-Roboter erst die Bodenplatte abgenommen und dann die Hunderte Kilo schwere Batterie des Elektroautos ausgetauscht haben, davon merken die Insassen kaum etwas. Nach knapp fünf Minuten öffnet sich das Tor zum Ausfahren.

Manche sagen, so sehe die Zukunft des Tankens aus. Am Flughafen in Amsterdam steht die neuste Wechselstation, wo Elektroautos vollautomatisch einen neuen Akku bekommen. Better Place, ein Unternehmen aus den USA, will damit die heutigen Tankstellen überflüssig machen und der Elektromobilität zum Durchbruch verhelfen.

"Bisher kämpften Fahrer von Elektroautos gegen drei Probleme", erklärt Paul Harm, Chef von Better Place in den Niederlanden: "Ladezeit, Reichweite und ein fehlendes Netz an Ladestationen. Wir glauben, dass wir für alle drei Probleme eine Lösung haben", sagt Harms.

Wie beim Spielzeugauto - nur in Groß

Die Idee ist simpel: Statt wie bisher den Akku stundenlang aufzuladen, wird die leere Batterie einfach durch eine volle ausgetauscht. Wie bei einem Spielzeugauto. Normalerweise dauert ein Ladevorgang sechs bis acht Stunden, das Auto hängt dann eine Nacht an der Steckdose. Der Akku-Tausch dagegen dauert nur wenige Minuten.

Das zweite Problem, die meist geringe Reichweite, will Better Place mit Hunderten Wechselstationen lösen. Wie bei herkömmlichen Tankstellen soll es in Zukunft ein flächendeckendes Netz aus Tauschstationen geben, wo Autofahrer in fünf Minuten einen geladenen Akku bekommen. In Dänemark, dem ersten Markt von Better Place in Europa, gibt es bereits 17 Wechselstationen.

In Amsterdam wird das System mit derzeit zehn Taxis erprobt. Vor vier Jahren begann das Unternehmen in Israel, dort stehen inzwischen 38 Stationen. Das dritte Problem, die Verfügbarkeit von Ladestationen, scheint damit in beiden Ländern schon gelöst: Der Fahrer kann bei jeder beliebigen Wechselstation den Akku austauschen lassen.

Alles funktioniert dabei vollautomatisch: Das Auto wird an der Einfahrt erkannt. Man fährt auf eine Spur wie in einer Waschanlage, dann wird, wenn es nötig ist, der Unterboden gesäubert, danach öffnet sich eine Luke unter dem Fahrzeug. Ein Roboter entfernt die Bodenplatte und zieht den Akku heraus, der etwa auf Höhe der Hinterachse, zwischen Rückbank und Kofferraum, eingebaut ist.

Gott, gib uns einen Standard

Dann holt der Roboter eine aufgeladene Batterie und setzt sie ein. Der ganze Austausch dauert weniger als fünf Minuten, der Fahrer braucht nicht einmal auszusteigen. Acht Batterien lagern in jeder Wechselstation, mindestens eine davon ist mit einer speziellen Technik immer zu 100 Prozent geladen.

Ob Better Place der Elektromobilität zum Durchbruch verhelfen kann, ist schwer zu sagen, meint Christian Buric vom ADAC. "Aber die Methode ist sehr innovativ." Besonders in Städten oder für Taxis sieht er Einsatzmöglichkeiten. Ein Nachteil allerdings: "Sowohl Batterien als auch Unterböden müssen gewissen Standards entsprechen, damit ein reibungsloser Austausch möglich ist", erklärt Buric. Standards durchzusetzen sei aber ein schwieriger Prozess. "Das sieht man derzeit auch bei den Steckern für E-Autos."

Joe Paluska, Pressesprecher des US-Unternehmens mit Sitz im Silicon Valley, sagt, die Roboter könnten mit mehreren Akku-Typen umgehen. Bisher baut in Europa nur Renault Elektroautos mit austauschbaren Akkus. Der Autobauer kooperiert mit Better Place und bietet das Modell Fluence Z.E. mit Wechselbatterie an. Autofahrer zahlen allerdings nur das Fahrzeug, der Akku dazu wird von Better Place bereitgestellt. "Man hat also keinen persönlichen Akku, weil ja sowieso immer wieder getauscht wird", erklärt Paluska.

Ähnlich wie beim Handy wird ein Vertrag geschlossen: Es gibt Tarife mit wöchentlichen Kosten oder jährlichen Zahlungen. In Dänemark beispielsweise kostet, abhängig vom Automodell, der günstigste Tarif mit 10.000 Kilometern inklusive umgerechnet rund 200 Euro im Monat. Für die Besuche der Tauschstationen fallen keine extra Kosten an.

Etwa 750 Autos mit Wechselbatterien sind nach Angaben von Better Place zurzeit in Dänemark und Israel unterwegs. In ein paar Jahren sollen es mehrere tausend sein.

Pläne gibt es genug: Neue Kooperationen mit Autoherstellern sollen angestoßen werden, weitere Wechselstationen entstehen. Es gibt Partnerschaften und Projekte in China, Frankreich und Japan. "Kritiker sagen, das Konzept funktioniere nur in kleinen Ländern", sagt Joe Paluska. "Dieses Argument wollen wir widerlegen." Der nächste Markt von Better Place ist deshalb Australien.

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