Bike-Fanatiker Frank Drescher "In meinem Keller stehen hundert Räder"

Ob Rennrad, historischer Pedersen oder Elektrofahrrad: Frank Drescher liebt alles, was zwei Räder hat. Kaum jemand kennt sich so gut mit Bikes aus wie Deutschlands erster Fahrradsachverständiger. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über Unfälle, Spezialanfertigungen - und diebstahlsichere Bahnhofsräder.

Diamant Werke

SPIEGEL ONLINE: Herr Drescher, in Ihrer Heimatstadt Lübeck sind Sie bekannt für verrückte Räder. Ihre ganze Arbeits- und Freizeit verbringen Sie damit - muss man so sein als Fahrradsachverständiger?

Drescher: Es ist auf jeden Fall hilfreich. Während meiner Arbeit rekonstruiere ich Unfälle oder schätze den Wert von Rädern. Doch manche Fälle sind so kurios, da reicht die Theorie nicht aus, da muss man Detektivarbeit leisten.

SPIEGEL ONLINE: Bitte ein Beispiel!

Drescher: Eine Radfahrerin wollte ihr neues teures Markenrad zurückgeben, weil ihr linkes Hosenbein nach jeder Fahrt schwarz gesprenkelt war. Der Fahrradhändler hatte bereits diverse Teile ausgetauscht - ohne Erfolg. Ich zog mir eine weiße Hose an und machte eine Probefahrt. Aber nichts. Erst als ich auf dem Hof der Frau ihren VW-Bus mit dem Fahrradgepäckträger stehen sah, wurde mir alles klar. Denn ich hatte auch mal einen VW-Bus, ebenfalls mit Gepäckträger. Während der Fahrt schlägt sich Auspuff-Ruß auf dem Fahrrad nieder, und der löst sich dann bei den folgenden Radtouren und setzt sich als Tröpfchen auf der Hose ab.

SPIEGEL ONLINE: Wieso sind Fahrräder Ihre Leidenschaft?

Drescher: Das erste bekam ich als Dreijähriger, weil ich beim traditionellen Sonntagsspaziergang nie laufen wollte. Also erbte ich das alte Rad meiner Schwester. Es war natürlich viel zu groß und ich konnte nur an hohen Bordsteinen auf- und absteigen. Aber seitdem fahre ich alles, was ich kriegen kann. Sobald ich mit Werkzeug umgehen konnte, schraubte ich an Fahrrädern herum. Als Zwölfjähriger baute ich die ersten Räder zusammen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Geburtsstadt Cuxhaven waren Sie "der mit den verrückten Rädern". Wie sahen die aus?

Drescher: Ein schräges Zufallsprodukt war mein Schwungrad. Ich hatte beim Einspeichen eine Felge ruiniert, wollte sie aber nicht wegwerfen. Also baute ich sie in ein altes Damenrad ein. Das hatte ich mit einer langen Gabel aufgemotzt - analog zu "Easy Rider"-Choppern. Das Rad hat Pedale und einen alten Mofa-Sattel. Mit verschiedenen technischen Kniffen schaffte ich es, dass der Sattel beim Fahren bis zu einem halben Meter rauf und runter wippte. Fuhr ich zu schnell, flog ich aus dem Sattel.

SPIEGEL ONLINE: Hört sich eher nach Spaß an - wann haben Sie angefangen, mit Rädern Geld zu verdienen?

Drescher: Abends vor dem Fernseher habe ich als 15-Jähriger Felgen eingespeicht und Räder justiert - für mich war das wie Stricken. Damit habe ich Geld verdient. Aber mittlerweile bin ich Fahrradmechaniker, war technischer Leiter einer Fahrradfabrik und habe ein Fahrradgeschäft in Lübeck.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich die Qualität der Fahrräder in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Drescher: Oh ja. Fahrräder sind viel sicherer geworden. Früher waren die Beleuchtungsanlagen sehr anfällig. Mit den modernen LED-Beleuchtungen sieht man hervorragend und wird auch gut gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum nimmt dann die Zahl der Unfälle mit Fahrrädern trotzdem zu?

Drescher: Das liegt vor allem daran, dass immer mehr Menschen Rad fahren. Deutschland ist ein Fahrradfahrerland. In 80 Prozent aller Haushalte steht eines. Der Trend geht weg vom Zweitwagen, hin zum Rad.

SPIEGEL ONLINE: Wie sicher sind Fahrräder von Kindern und Jugendlichen?

Drescher: Ihr Zustand ist häufig katastrophal. Bei Kinderrädern wird gespart. Dabei ist es besser, ein hochwertiges Kinderrad Second Hand zu kaufen, als ein minderwertigeres neu. Wenn die Lenker brechen, die Bremsen oder das Licht nicht funktionieren, sind die Folgen verheerend.

SPIEGEL ONLINE: Was für ein Rad fahren Sie?

Drescher: Ach, ich bin verwöhnt. In meinem Keller stehen etwa hundert Räder. Ich gönne mir für jeden Trip den richtigen Kick. Zurzeit entdecke ich das Langsamfahren mit meinem Pedersen ...

SPIEGEL ONLINE: ... einem dänischen Fahrradtyp aus dem 19. Jahrhundert ...

Drescher: Genau. Für die Fahrt zu wichtigen Terminen nehme ich das Elektrorad. Leider ist mein Long John durchgerostet, der war perfekt zum Einkaufen. Ich habe verschiedene Mountainbikes, außerdem ein Triathlonrad und ein Rennrad. Mit meiner Frau fahre ich Tandem.

SPIEGEL ONLINE: Wie schützen Sie Ihre Räder vor Diebstahl?

Drescher: Ich hatte mal ein schwarzes Rad, das war sofort weg. Seitdem setze ich auf auffälliges Design. Mein edles Rad von Diamant habe ich in dem gleichen
Retrohellblau lackieren lassen wie meine Ente. Hier in Lübeck weiß jeder, wem das Duo aus Rad und 2CV gehört. Als eine Lübeckerin einen Fremden damit herumradeln sah, benachrichtigte sie sofort die Polizei. Ich hatte das Rad wieder, bevor mir der Diebstahl überhaupt aufgefallen war.

SPIEGEL ONLINE: Sie besitzen auch ein spezielles Bahnhofsrad, wie sieht das aus?

Drescher: Das ist von 1992 - es ist komplett aus Edelstahl, die Lampe ist angeschweißt und wenn ich es abschließe, blockiert das Hinterrad.

SPIEGEL ONLINE: Und das kann keiner wegfahren?

Drescher: Nein. Höchstens wegtragen.

Das Interview führte Andrea Reidl



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
stefanuhle 17.03.2010
1. Bikes
Biker sind in meiner umgangssprachlichen Welt Motorradfahre, und Bikes Motorräder, können wir es bitte dabei belassen? Sonst müssen alle Gasthöfe, Kneipen und Hotels mit "Bikers welcome" irgendwann mit einem Ansturm von Radfahrern rechnen. Ja ich weiss, dass das im Englischen anders ist...
seinedudeheit 17.03.2010
2. Netter Artikel...
... aber kennt jemand einen _guten_ Fahrradladen in HL?
Ingmar E. 17.03.2010
3. Die folgenden Fehler traten bei der Verarbeitung auf:
Liebe SpiegelOnline-Redaktion, welches Verständnis vom Fahrradfahren demonstriert ihr, wenn ihr alle Fahrradthemen im Auto-Bereich veröffentlicht? Ich und sicher viele Alltagsradfahrer in Deutschland, würde es begrüssen, wenn ihr von eurer KFZ-zentrierten Sichtweise des Verkehrs wegkommen könntet. Ich würde mir eine "Verkehr/Reise"-Kategorie mit einer Unterkategorie fürs Fahrrad wünschen. Radverkehr wächst und wird weiterhin stark wachsen, bei vorhersehbar steigenden Energiepreisen, nur deshalb steigen die Unfallzahlen. Wie wärs wenn ihr auf diesen gesellschaftlichen Trend endlich mal reagiert?
Zinks 17.03.2010
4. "Bike"
Spiegel Online ist deutschlandweit eine der nervigsten journalistischen Quellen unnötiger Anglizismen. Warum "Bike"?
Ingmar E. 17.03.2010
5. Die folgenden Fehler traten bei der Verarbeitung auf:
Ich allein hab schon vier Räder: - Rennrad, im Moment nicht-gefahrenes Basso Coral mit RSX-Schaltung, noch alter Stahlrahmen, - ein Reise-Halbrenner, modernes Scott-Speedster S3-RR mit Schutzblechen, Licht und Gepäckträger, - eine Stadtschlampe/Alltagshalbrenner, Winora-80er-Jahre "Tourensportrad", - und ein Reise-/Touren-Liegerad, HP-Velotechnik Speedmaschine), und nen Keller voll von Fahrradleichen vom Schrotthandel. Vorstellbar wäre langfristig noch die Anschaffung eines reinrassigen Renn-Liegerads (Velokraft VK2 z.B.), und eines Velomobils (Milan in der 22kg-Version). Man kann nicht genug Räder haben. Mein erstes Rad hab ich auch im Alter wie der Fahrradsachverständige gebaut, Rennrad mit Besenstiellenker, heute heissen solche Räder Fitnessräder. Hinzu kommt ein Anhänger und mehrere Kisten voll von Teilen, die auch nochmal mehrere Fahrräder ergeben würden. Ich kann nahezu alles am Fahrad schrauben, und dank nem Energietechnik-Grundstudium auch vieles berechnen. Bin also auch ein leidenschaftlicher Radfahrer.
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