Billigautos: Die Krux mit den Kleinen

Von und Jürgen Pander

Mercedes, BMW und Co. feiern auf Automessen ihre Luxusschlitten und PS-Protze. Dabei stehen alle Hersteller in Wahrheit vor einer ganz anderen Herausforderung: Wie baut man ein modernes Auto, das sich jeder leisten kann?

Kleinwagen: Billig allein funktioniert nicht Fotos

Billigauto, Microcar, Megacity-Vehicle - die Autoindustrie hat das Minimalmobil wiederentdeckt. Sie vollzieht damit einen längst fälligen Kurswechsel, schließlich platzen die Innenstädte aus allen Nähten, und der Platz auf der Straße ist ebenso rar wie der zum Parken. Doch es gibt noch einen weiteren Grund: Kleine und einfach ausgestattete Autos könnten zumindest teilweise auffangen, was durch die allgemein zurückgehende Nachfrage verlorengeht - und zusätzlich Millionen potentieller Kunden auf bislang vernachlässigten Märkten anlocken. Wichtigste Voraussetzung dafür: Das Fahrzeug müsste extrem billig sein.

Genau das ist das zentrale Problem. Denn moderne Autos sind inzwischen mit Hightech vollgestopft, ganz gleich, wo sie auf dieser Welt herumfahren. Die Maßstäbe haben sich auch in den Märkten verschoben, die aus westlicher Sicht etwas überheblich als Schwellenmärkte bezeichnet werden. Es hat also wenig Sinn, eine schlichte Blechkiste auf die Räder zu stellen, deren einzige prägende Eigenschaft ein Niedrigstpreis ist.

Prägnantes Beispiel dafür ist der Tata Nano. Als der Autozwerg aus Indien erstmals vorgestellt wurde, hieß es, der Wagen solle für umgerechnet 1500 Euro verkauft werden. Die ersten Modelle, die 2009 auf den Markt kamen, kosteten dann schon knapp 2000 Euro, weil die Rohstoffpreise in der Zwischenzeit gestiegen waren. Dennoch war der Tata Nano weiterhin der billigste Neuwagen der Welt.

Allein der erhoffte Erfolg blieb aus, die Absatzzahlen blieben deutlich hinter den hochgesteckten Erwartungen zurück. 2010 brachte der Konzern lediglich 60.000 Stück unters Volk. Und das, obwohl die eigens für den Nano gebaute Fabrik für 250.000 Autos ausgelegt ist - und obwohl man bei Tata schon während der Vorstellung des spektakulären Vehikels vor knapp zwei Jahren davon gesprochen hatte, dass ab 2011 jeden Monat 20.000 Nano verkauft werden sollen.

"Die Formel 'billig = erfolgreich' gilt nicht"

"Der Tata Nano ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Formel 'billig = erfolgreich' nicht gilt", sagt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. "Abgesehen von den technischen Problemen erfüllt der Kleinwagen einfach zu wenige der Grundanforderungen, die auch in Indien an ein Auto gestellt werden." Das meistverkaufte Auto auf dem Subkontinent ist übrigens das Modell Maruti Suzuki Alto, ein Kleinwagen mit Dreizylindermotor zum Preis von umgerechnet etwa 3600 Euro.

Nur 2500 Euro solle ein neues Pkw-Modell kosten, das die Renault-Nissan-Allianz entwickeln wolle, meldete am Mittwoch die französische Wirtschaftszeitung "La Tribune". Der Renault-Manager Gérard Detourbet wird ab dem 1. Januar 2012 das Team aus französischen und japanischen Ingenieuren leiten, die einen solchen Kleinwagen auf die Räder stellen. Konzipiert werden solle das Auto vor allem für Schwellenländer, doch sei ein späterer Vertrieb in Europa nicht ausgeschlossen, meldete das Blatt.

Ein brauchbarer Neuwagen für 2500 Euro ist Phantasterei

Während Automobilexperten angesichts des kolportierten Zielpreises noch den Kopf schüttelten, kam aus Paris auch schon das Dementi. Von einem Verkaufspreis von 2500 Euro könne keine Rede sein, korrigierte Renault.

Branchenkenner wundert das nicht. "Selbst ein VW Käfer auf dem Stand von 1950, der im hintersten Pakistan gebaut würde, ließe sich heute nicht mehr für 2500 Euro anbieten, wenn dabei auch noch ein Gewinn übrigbleiben soll", sagt Helmut Surges, einer der Geschäftsführer der Unternehmensberatung Management Engineers in Düsseldorf, die sich auf die Automobilbranche spezialisiert hat. Schon allein wenn man die Rohstoffe Stahl, Glas, Kupfer, Gummi und Lack für einen Kleinstwagen in der Gewichtsklasse von rund 800 Kilogramm zusammentrage, müsse man einen erklecklichen vierstelligen Betrag hinblättern, erklärt der Experte. Wenn man seriös kalkuliere und ein Auto einigermaßen zeitgemäß ausstatte, sei ein Preis von rund 4000 Euro schon ein äußerst anspruchsvolles Ziel.

Renault mit breiter Billigauto-Strategie

Das Beispiel Tata Nano zeigt, dass auch die Kunden in den sogenannten Emerging Markets, wenn sie denn ein Auto kaufen, durchaus auf Details wie eine ordentliche Beleuchtung, eine wenigstens rudimentäre Heizung samt Gebläse und generell auf ein Mindestmaß an Komfort und gutes Design Wert legen. Der Nano wartet dagegen mit einem Kofferraum auf, der viel zu wenig Gepäck fasst und darüber hinaus kaum variabel ist. Außerdem reagiert das Auto mit seiner wenig verwindungssteifen Karosserie und dem schwachbrüstigen Fahrwerk empfindlich auf hohe Zuladung. Im Land der Lademeister passt er damit nicht ins Beuteschema der Auto-Enthusiasten.

Und wie wäre es mit der Reaktivierung eines in Europa längst abgelegten Modells - im Fall von Renault etwa dem Twingo der Generation eins? Immerhin ließen sich damit Entwicklungskosten senken und längst ausrangierte Werkzeuge noch einmal kostengünstig reaktivieren. Beispiele für solches Recycling gibt es genug - etwa den VW-Bus vom Typ T2, der noch in Brasilien von den alten Bändern läuft, oder der einst als Fiat 124 gebaute Lada Nova, dessen Produktion zum Jahresende eingestellt wird.

Das Recyceln alter Automodelle verspricht kaum Erfolg

Doch die Beispiele zeigen auch, wie schwierig es ist, ein Auto der Vorgängergeneration aus dem Nirvana holen. Denn die Anforderungen an Schadstoffausstoß, Crashverhalten und Ressourcenverbrauch haben sich extrem geändert. "Den Erfordernissen eines modernen Automobilbaus kann man damit nicht gerecht werden", sagt auch Bratzel. Einen Preis in der Nähe von 4000 Euro hält der Automobilexperte für ein absolutes Minimum, aber für durchaus realisierbar, "wenn man auf die heute üblichen Komfortextras verzichtet".

Renault jedenfalls scheint dazu entschlossen zu sein. Denn neben der Elektromobilität räumen die Franzosen dem Billigsegment die größten Chancen für die Zukunft ein. Neben dem jetzt angekündigten hauseigenen Einfachauto soll auch die rumänische Tochtermarke Dacia bis zum Jahr 2017 ihre Modelpalette komplett renovieren. Frisch angeboten werden soll dann auch ein neuer Kleinwagen von Dacia zum Preis von rund 6500 Euro. Das billigste Modell der Marke hierzulande ist bislang der Sandero - für 6990 Euro.

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insgesamt 58 Beiträge
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1. Frage ?
Jonny_C 25.11.2011
Mal einen Sandero, oder Duster in der billigsten Variante gefahren ? Das kommt zumindest auf deutschen Strassen einem Albtraum gleich ! Dazu möchte ich sagen, ich bin großer Renault-Fan, habe vom R4 bis zum Espace Phase IV alles von Renault gefahren. Aber die Dacia machen einfach keinen Sinn (in Deutschland). Der Duster einigermaßen ausgestattet kostet auch schon über 20.000,- € und hat dann immer noch ein großes Manko - er bremst einfach schlecht ! SpOn hatte hier Design-Studien eines neuen R4 gezeigt, das Modell dieses R4 Rallye, das würde ich sofort kaufen. Frontantrieb, Einzelradaufhängung, 4 Sitzplätze, große Heckklappe, 680 L Laderaum umgeklappt, bei 3,0 l Verbrauch. (Mein alter R4 schluckte noch 5,1 L) Mit 45 bis max 60 PS, das wäre es, Kosten max. 10.000,- €. Aber eben "nicht nur billig" wie die Dacia. Nicht der aktuellen Technik 10 Jahre hinterher.
2. Wo selbst ein Kleinwagen
gsm900 25.11.2011
Zitat von sysopMercedes, BMW und Co. feiern auf Automessen ihre Luxusschlitten und PS-Protze. Dabei stehen alle Hersteller in Wahrheit vor einer ganz anderen Herausforderung: Wie baut man ein modernes Auto, dass sich jeder leisten kann? http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,799675,00.html
leicht 15-20.00 Teuronen kostet (je nach Ausstattung) nicht einfache zu lösen, wer will schon den mangelden Komfort und die (Un)sicherheit eines alten Käfers (Lloyd, Gogo, BMW 700)?
3. Warum nicht?!
sui77 25.11.2011
Also mein Bedarf nach Komfort, Sicherheit und Hightech hält sich für ein paar Kilometer in der Stadt durchaus in Grenzen. Als Zweitwagen neben dem Familien-Van könnte ich mir das durchaus eher vorstellen als einen 10 Jahre alten, gebrauchten Smart. Warum gibt's den Nano hier in Deutschland eigentlich nicht zu kaufen?
4. Kleine Autos sind nicht zwangsläufig schlechter.
ZiehblankButzemann 25.11.2011
Das Bobbie-Car ist das beste Beispiel für ein Auto, das sich seit Jahrzehnten bewährt hat, immer noch nahezu unverändert ist, und sich weiterhin extrem großer Beliebtheit erfreut. Mit sämtlichen Witterungsverhältnissen kommt dieses All-Terrain-Vehicle bestens zurecht. Auch die Parkplatzsuche ist nicht wirklich ein Problem, einfach in den Keller stellen, auf´m Spielplatz lassen oder als Fußbank benutzen. Sex auf der Rückbank ist etwas kompliziert aber mit ein bischen Übung lässt sich auch das Kamasutra durchdeklinieren. Jedenfalls egal ob man groß oder klein ist, alt oder jung ist, Hauptsache man ist jung und klein dann wird das Bobbie-Car noch viele Jahrzehnte, falls man Wachstumshemmer nimmt, ein treuer Gefährte auf allen Fahrten sein. Ein hoch auf das kleinste aller Autos(außer man passt in ein Matchbox-Auto heinein)
5. Deutsche Hersteller
A-Schindler 25.11.2011
Deutsche Hersteller können keine Kleinstwagen mehr Herstellen. Ich fahre seit Jahren ein Daihatsu Copen. Ich würde aber auch ein Nissan Figaro gerne kaufen, Gebraucht unter 10.000Euro in Deutschland zu haben. Der Suzuki Twin kostete in Japan ab Werk zwischen 2003 und 2005 ab 3.500 Euro. Die grauen Mäuse der Deutschen Hersteller kaufe ich nicht mehr.
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