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Biokraftstoffe aus Abfällen: Europas Müll könnte zwölf Prozent des Spritbedarfs decken

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Biosprit-Raffinerie: Aus Abfällen wird Kraftstoff Zur Großansicht
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Biosprit-Raffinerie: Aus Abfällen wird Kraftstoff

Auftanken mit Frittenfett ist offenbar eine ernsthafte Alternative zum umstrittenen Biosprit aus Rohstoffen. Laut einer Studie steckt in der Kraftstoffgewinnung aus Abfällen ein gewaltiges ökonomisches Potential. Trotzdem plant die EU eine Abkehr.

Manche Kostbarkeiten werden unterschätzt. Altes Frittenfett zum Beispiel. Nachdem darin knusprige Pommes gebraten worden sind, steht dem schmierigen Stoff noch eine zweite Karriere bevor - als wertvoller Rohstoff für die Herstellung von Biosprit. Das gleiche gilt für Gartenlaub, Speisereste, Sägemehl, abgemähtes Gras oder vollgekritzeltes Papier.

In dem ganzen Müll steckt laut einer Studie ein gigantisches Potential: Würden sämtliche verfügbaren Abfälle und Reste in der EU zu Kraftstoffen weiterverarbeitet, ließe sich zwölf Prozent des gesamten Spritbedarfs in Europa decken - und damit im Vergleich zu fossilen Brennstoffen der Ausstoß von Treibhausgasen um mindestens 60 Prozent reduzieren. Derzeit ist der Anteil von aus Abfällen generiertem Sprit allerdings noch verschwindend gering.

Die Studie, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, wurde von einem Konsortium aus Umweltorganisationen und Unternehmen erstellt und unterstützt, darunter WWF, Transport and Environment ,European Climate Foundation, Petrotec und British Airways.

Die Macher der Untersuchung haben nach eigener Darstellung die gesamte Wertschöpfungskette des Biokraftstoffs berücksichtigt, also von der Energiegewinnung über die Speicherung und den Transport bis zum Energieverbrauch (Well-to-Wheel). Gleichzeitig wurde bei der Berechnung des Potentials auf verschiedene ökologische Aspekte Rücksicht genommen.

So wird die verfügbare Menge an Abfällen und Resten in der EU auf rund 900 Millionen Tonnen pro Jahr geschätzt - davon ließen sich jedoch höchstens 225 Millionen Tonnen als Rohstoff für Biosprit verwenden. Denn ein Großteil der vorhandenen Masse spielt eine wichtige Rolle für das natürliche Gleichgewicht oder eignet sich besser für eine andere Art des Recyclings.

Bloß kein Desaster wie bei E10

Die konservative Rechenweise ist angebracht, sonst droht das gleiche Schicksal wie beim Biokraftstoff E10, der aus Pflanzen gewonnen wird: Zum einen werden hier beim Anbau oftmals Wälder gerodet, zum anderen steht die Verwendung als Rohstoff in Konkurrenz zur Nutzung als Lebensmittel. Die schlechte Umweltbilanz und die "Teller statt Tank"-Diskussion hatten für das Image von Biokraftstoffen verheerende Auswirkungen.

Letztendlich soll die Betonung der strengen Kriterien dazu dienen, die Botschaft der Studie zu unterstreichen. Und die lautet: Im Biokraftstoff aus Müll steckt die Zukunft - nicht nur aus ökologischer, sondern auch aus ökonomischer Perspektive. Denn würde die Biokraftstoff-Industrie zur Ausschöpfung des vollen Potentials ausgebaut werden, prognostiziert die Studie bis 2030 mehr als 300.000 neue Jobs in Raffinerien und in der Landwirtschaft sowie Erträge von 15 Milliarden Euro im Agrarsektor der EU.

Um diese Ziele zu erreichen, muss allerdings noch kräftig investiert werden. Aber genau hier liegt der Knackpunkt: Denn die EU-Kommission ist offenbar nicht gewillt, Anreize für die Produktion von alternativen Kraftstoffen zu schaffen. Bester Beweis dafür ist eine Absichtserklärung aus Brüssel, die widersprüchlicher nicht sein könnte.

Wichtigster Förderanreiz soll abgeschafft werden

Bisher fördert die EU die Herstellung von Biosprit durch die sogenannte Kraftstoffqualitätsrichtlinie: Demnach müssen Anbieter von Kraftstoffen die Klimabilanz ihrer Produkte bis 2020 um mindestens sechs Prozent verbessern. Erreichen können sie diese Vorgabe einerseits durch eine Optimierung der eigenen Produktionsabläufe, also zum Beispiel durch geringeren Stromverbrauch oder weniger Emissionen bei der Produktion. Wesentlich einfacher aber können sie das Ziel erreichen, indem sie ihrem Kraftstoff Biosprit beimischen.

Dieses Förderinstrument wird von den Machern der Studie ausdrücklich gelobt - umso schlimmer finden sie es, dass es laut eines Vorschlags der EU-Kommission gestrichen werden soll.

Im entsprechenden Text schreibt die Kommission, es sei "nicht angebracht, nach 2020 weiter Ziele hinsichtlich erneuerbarer Energien oder der Treibhausgas-Intensität von Kraftstoffen zu setzen". Und das, obwohl es ein paar Zeilen weiter unten heißt, die Entwicklung von Biokraftstoffen aus Abfällen solle vorangetrieben werden.

Laut Angaben eines Brancheninsiders ist ein außereuropäisches Land die treibende Macht hinter der Aufhebung der Kraftstoffqualitätsrichtlinie: "Mit Hilfe von Großbritannien übt Kanada viel Einfluss auf die Kommission aus", sagte er SPIEGEL ONLINE. Kanadas Interessen erklärt er so: "Dort gibt es gigantische Reserven an Teersand, aus dem Öl gewonnen wird. Die Herstellung ist jedoch extrem energieaufwendig und verträgt sich nicht mit den ökologischen Vorgaben der EU." Weil aber Unternehmen aus Großbritannien in die Förderung von Teersand investieren, führe der Inselstaat eine Gruppe von Gegnern der Kraftstoffqualitätsrichtlinie an.

Mit der Studie soll die Richtlinie verteidigt werden. Dabei spielen nicht nur ökologische Erwägungen eine Rolle. Denn auch die Unterstützer der Umweltorganisationen - die beteiligten Unternehmen betreiben entweder selbst Raffinerien oder investieren in die Produktion - haben ein großes wirtschaftliches Interesse daran, die Förderung von Biokraftstoffen aus Abfällen aufrecht zu erhalten oder sogar auszubauen.

"Vorschlag der EU-Kommission abwarten"

Die Bundesregierung betont unterdessen, wie sehr ihr die Förderung von Biokraftstoffen am Herzen liegt - und verweist auf ein Gesetz, wonach der Gesamtenergiegehalt aller Kraftstoffe zu mindestens 6,25 Prozent aus alternativen Quellen bestehen muss. Kraftstoffe aus Abfällen dürfen dabei wegen ihrer vorbildlichen Treibhausbilanz doppelt auf die Quote angerechnet werden. Im Klartext: Ein Liter Biodiesel aus Speisefett zählt soviel wie zwei Liter aus Rapsöl.

Sollte die EU jedoch die Kraftstoffqualitätsrichtlinie abschaffen, steht auch in Deutschland die Förderung in Frage: Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erklärte das zuständige Bundesumweltministerium vage, man wolle einen Vorschlag der EU-Kommission abwarten und wird "sich dann eine Meinung bilden".

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1. Es muss ein Umdenken stattfinden...
rambazambah 27.02.2014
Bisweilen frage ich mich ernsthaft, in was für einer Welt wir leben. Da werden Alternativen - echte Alternativen - geboten, die die Umwelt schonen, Arbeitsplätze schaffen und den stetig wachsenden Müllberg schrumpfen lassen und was ist? ... Man muss abwarten! Sehr geehrte Agrar-, Umwelt-, Verkehrs- und sonstige Ministerlein, deren Zuständigkeitsbereich hier tangiert wird: Habt ihr denn den Schuss nicht gehört? - Die Zeit zum Nachdenken, Abwarten und Rumeiern ist vorbei, jetzt muss gehandelt werden! Diese Alternative ist Gold wert - und würde auch mal der Umwelt eine dringend notwendige Verschnaufpause bieten!
2. Gute Idee!
strixaluco 27.02.2014
Endlich mal bessere Ideen als bodenzerstörende Mais-Monokulturen! Es gibt eine Menge Abfall, den man so verwerten könnte. Und, wenn es kein Sprit sein soll: In Biogasanlagen lässt sich alles Mögliche vergären, auch Dinge, die nicht essbar sind, und vor allem auch ein Riesendurcheinander, das nicht aus einer Monokultur stammen muss. - Wenn man das Gas reinigt, taugt es gegebenenfalls sogar auch aals "Sprit".
3. Schade
zahorsky77 27.02.2014
Das die Lobbies mittlerweile die Welt kaputtregieren, und schade das immer Wulf und Schuhmacher auf der Titelseite sind und nie für unser fortbestehen relevante Themen...
4.
4magda 27.02.2014
Zitat von sysopPetrotecAuftanken mit Frittenfett ist offenbar eine ernsthafte Alternative zum umstrittenen Biosprit aus Rohstoffen. Laut einer Studie steckt in der Kraftstoffgewinnung aus Abfällen ein gewaltiges ökonomisches Potential. Trotzdem plant die EU eine Abkehr. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/biokraftstoffe-aus-abfaellen-studie-hebt-potential-hervor-a-955649.html
..gibt es denn in diesem EU-Moloch keine "Müll-Lobby"? Oder ist die "Mais-Lobby" nur stärker und zahlt mehr?
5. Biodiesel ist Unsinn
Promethium 27.02.2014
Biodiesel ist nicht mal Bio sondern ein Chemieprodukt nämlich das Methylester eines Pflanzenöls. Der Fachbegriff lautet z.B. RME und meint Rapsöl-methylester. Bei der Umwandlung des Pflanzenöls in sein Methylester geht aber reichlich Energie verloren. Und zwar völlig unnötig, denn mit ein paar technischen Tricks kann man das Pflanzenöl auch direkt als Treibstoff verwenden. Letzteres wird aber offensichtlich nicht gewollt! Und das hat einen finanziellen Grund! Denn auf gebrauchtes Frittenfett (Rapsöl) kann man nur schlecht Mineralölssteuer erheben aber auf Rapsöl-Methylester schon. Es kommt natürlich hinzu das Rapsöl-Methylester weniger Mineralöl ersetzen kann als gebrauchtes Frittenfett! Das heisst den Mineralölkonzernen entgeht weniger Gewinn.
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