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Biosprit-Beimischung: Gabriel steuert in die Massenkarambolage

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Umweltminister Sigmar Gabriel möchte Benzin ab kommendem Jahr mit Ethanol verschneiden - obwohl viele ältere Pkw den Biosprit nicht vertragen. Nach erbittertem Protest der Autoclubs will die Union das Vorhaben jetzt stoppen. Es ist bereits Gabriels dritter Autopatzer.

Mit Autos hatte Sigmar Gabriel (SPD) noch nie Glück. Als er Ministerpräsident von Niedersachsen war, rauschte sein auf hohes Tempo beschleunigter Audi A8 einst des Nachts fast in einen ausscherenden Fiat, der nachfolgende Begleitmercedes kam ins Schlingern und erlitt Totalschaden. Wie durch ein Wunder passierte dem SPD-Politiker damals nichts.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) mit Dienstwagen: Bei Autothemen meist neben der Spur.
DPA

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) mit Dienstwagen: Bei Autothemen meist neben der Spur.

Inzwischen ist Gabriel Bundesumweltminister und jedes Mal, wenn er sich um ein Autothema kümmert, scheint er einen politischen Totalschaden zu produzieren: Mal fiel es seinem Ministerium über Monate nicht auf, dass die in Zehntausenden Pkw eingebauten Dieselrußfilter der Industrie alles mögliche filterten - nur keinen Ruß. Mal brachte Gabriel das Land gegen sich auf, indem er für Tempo 130 auf den Autobahnen plädierte - nachdem er eben diese Forderung kurz zuvor noch strikt abgelehnt hatte.

Auch Gabriels neustes Autoprojekt droht mit einer Massenkarambolage zu enden. Sämtlicher in Deutschland verkaufte Normal- und Supersprit, so hatten der Minister, die Mineralölverbände und der Verband der Automobilindustrie (VDA) beschlossen, soll ab 2009 mit zehn Prozent Ethanol verschnitten werden (E10). Autos, die den Biosprit nicht vertragen, müssten dann das deutlich teurere Super Plus tanken, das ethanolfrei bleibt.

Weit auseinanderliegende Schätzungen

Der Koalitionspartner der SPD will Gabriel nun ausbremsen: CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer sagte der "Financial Times Deutschland", gemeinsam mit Fraktionschef Volker Kauder (CDU) habe er deutlich gemacht, "dass wir die Erhöhung des Beimischungszwangs wie derzeit geplant nicht hinnehmen werden".

Kern des Streits ist die Frage, wie viele Autos E10-untauglich sind. Der VDA hatte 375.000 Pkw errechnet - etwa ein Prozent des Fahrzeugbestands. Die Zahl ist äußerst umstritten: Dem ADAC zufolge können ab Januar 2009 bis zu 1,5 Millionen Autos keinen Standardsprit mehr tanken. Der deutsche Ford-Chef Bernhard Mattes erklärte unlängst, er schätze, dass knapp 200.000 seiner Fahrzeuge kein E10 verdauen könnten, darunter etwa alle Varianten des Scorpio. Wenn schon Ford auf eine so hohe Zahl kommt, erscheint die VDA-Rechnung unglaubwürdig.

Gabriel hatte die VDA-Zahl bis Ende Januar für plausibel gehalten - obwohl etwa der ADAC schon Monate zuvor Zweifel angemeldet hatte. Der Minister sei mit seinen Plänen "vorgeprescht, ohne zu wissen, was er damit anrichtet", ätzte Ramsauer. Mitte Februar hat Gabriel die Autolobbyisten verdonnert, nochmals nachzurechnen. Bis das passiert sei, liege die Biospritverordnung auf Eis, sagte der Minister heute im Bundestag.

Das wird das Problem jedoch kaum lösen. Wenn der VDA in einigen Wochen das Ergebnis seiner aktualisierten Berechnungen bekannt gibt, wird das verunsicherte Autofahrer kaum beruhigen: Wer sich einmal um ein paar hunderttausend Autos verrechnet, dem glaubt man nicht.

Übersicht: Welche Autos vertragen E10?

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