BMW 328 Kamm Coupé Das dicke Ende

1940 kam BMW mit fünf Sportwagen zur Mille Miglia - und triumphierte. 70 Jahre später ist ein Nachbau des spektakulärsten Modells aus dem Sieger-Quintett fahrbereit. Nach jahrelanger Puzzlearbeit geht das BMW 328 Kamm Coupé zum Gedächtnisrennen in Brescia an den Start.

Von Jürgen Pander


Wunibald Kamm galt in den dreißiger Jahren als der Aerodynamik-Experte. Kamm stand für seine Forschungen an der Technischen Hochschule in Stuttgart unter anderem ein Windkanal zur Verfügung, in dem die Strömungsverhältnisse an Autos in Originalgröße untersucht werden konnten - damals keineswegs Standard. Ein Resultat waren diverse Versuchswagen, die sich allesamt durch eine sonderbare Heckgestaltung auszeichneten - das so genannte Kamm-Heck. Die Autos sahen stets etwas bucklig aus - ästhetisch eher fragwürdig, aerodynamisch jedoch eine Wucht. Das dicke Ende minimierte nämlich die Luftverwirbelungen und machte den Wagen dadurch schneller.

Auch bei BMW war man auf den Professor aufmerksam geworden und setzte seine Ideen in der Abteilung "Künstlerische Gestaltung" bei einem Rennwagen um: dem BMW 328 Kamm Coupé. Das Auto auf Basis des Sportwagens BMW 328, der seit 1936 auf den Rennstrecken in Europa reüssierte, blieb ein Einzelstück. Besonderheiten waren der nur 30 Kilogramm schwere Gitterrohrrahmen aus Elektron, die im Windkanal optimierte Außenhaut aus Aluminium und ein auf rund 136 PS leistungsgesteigerten Zwei-Liter-Reihensechszylindermotor. Bei Testfahrten auf der Autobahn München-Salzburg erreichte das Kamm-Coupé eine Höchstgeschwindigkeit von 230 km/h. Nie zuvor war ein BMW so schnell gewesen.

Im April 1940 wurde das Kamm-Coupé zusammen mit den BMW 328 Roadstern und einem BMW 328 Coupé des italienischen Karosseriebauers Touring nach Brescia überführt, um dort bei der Mille Miglia zu starten. Die Werksmannschaft aus München war auf den Gesamtsieg aus.

Das Rennen wurde zur Triumphfahrt des weiß-blauen Teams. Es siegten Fritz Huschke von Hanstein und Walter Bäumer im Touring Coupé, auf den Plätzen drei, fünf und sechs kamen die BMW-Roadster ins Ziel. Das Kamm-Coupé mit Graf Giovanni Lurani und Franco Cortese im Cockpit musste jedoch in der siebten von insgesamt neun Runden wegen Problemen mit der Ölzufuhr aufgeben.

Nach einem Unfall wurde das einmalige Auto verschrottet

Die fünf Autos kamen aufgrund des Krieges später nicht mehr zum Einsatz, überstanden jedoch die folgenden fünf Jahre unversehrt. In den Nachkriegswirren verschwanden die Mille-Miglia-Roadster nach Russland, England und Amerika, das Gewinnerauto landete später in den USA. Einzig das Kamm-Coupé blieb in Deutschland und wurde von Ernst Loof, dem ehemaligen BMW-Rennleiter als Privatwagen genutzt. Loof baute inzwischen selbst Rennwagen, doch weil seine Firma Veritas in Geldnot geriet, verkaufte er das Kamm Coupé. Der neue Besitzer ließ es nach einem Unfall Anfang der fünfziger Jahre verschrotten.

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Dass es den Wagen jetzt wieder gibt, ist die Folge eines sich über 15 Jahre hinziehenden Projekts. Mitte der Neunziger begannen bei BMW die Nachforschungen zu dem einzigartigen Auto. Fotos wurden bei einem Privatsammler ausfindig gemacht, Computerexperten erstellten mit Hilfe der alten Bilder in mühsamer Kleinarbeit ein virtuelles, maßstabsgetreues Modell. Hightech-Fräsen formten dann ein Volumenmodell. Dann begann die eigentliche Arbeit: Die Herstellung des Gitterrohrrahmens und der Alukarosserie.

Joschka Fischer auf Rennkurs durch die Toskana

Beteiligt waren die Meisterschule für Karosserie- und Fahrzeugbau Leipzig-Leisnig-Erlbach, der Restaurator René Große und Experten von BMW. Vor wenigen Wochen erst, gerade noch rechtzeitig zum siebzigjährigen Jubiläum des Mille-Miglia-Einsatzes, wurde das neue Kamm-Coupé fertig. Das Auto soll, gemeinsam mit den anderen vier wieder aufgetauchten oder restaurierten BMW-Rennern aus dem Jahr 1940, an der Mille Miglia 2010 teilnehmen.

Karl Baumer, Leiter der Abteilung BMW Classic, wird das sündhaft teure Einzelstück im Lackton "Fischsilber" (weil früher der Farbe tatsächlich gemahlene Fischschuppen beigemengt wurden, um einen schillernden Effekt zu erzielen) beim Gedächtnisrennen quer durch Italien pilotieren.

Als Beifahrer war ursprünglich Ex-Außenminister und Toskana-Kenner Joschka Fischer vorgesehen. Der aber fährt nun in einem anderen BMW aus der Klassikabteilung mit. Das Kamm-Coupé muss sich also auf den tausend Meilen durch Italien seine Star-Rolle mit niemandem teilen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Gegengleich 07.05.2010
1. Historisches Auto !?
Mich würde mal interessieren, warum an einem kompletten Nachbau, also einem Auto von heute, wenn auch nicht auf heutigem technischen Stand, ein H- bzw. Oldtimer-Kennzeichen prangen darf!?
My2Cents 07.05.2010
2. Man müsste nochmal 20 sein...
Es ist so dermaßen schade, dass solche Autos heutzutage nicht mehr gebaut werden. Dieses Design der 30er - 50er wäre ein absoluter Traum vor der eigenen Garage. Ich kann diese hochtechnisierten Cockpits und diese 08/15-Standardkarosserien nicht mehr sehen... Kein Chrom, keine seitlichen Heckflossen, schmale Sichtfenster, nichts extravagantes... nur noch ab und zu mal eine geschmacklose Heckflosse am Kofferraumdeckel eines VW Polo. Ganz zu schweigen von diesen langweiligen, menügeführten, umständlichen LCD-Cockpits ohne Knöpfe und Haptik. Warum legt eigentlich niemand mal eine Kleinauflage mit Replikas auf? Unter der Motorhaube und im Gebälk darf ja gerne modernste Technik herrschen. Aber im Design darf's ruhig extrem "retro" werden.
buutzemann 07.05.2010
3. regressives design
Zitat von sysop1940 kam BMW mit fünf Sportwagen zur Mille Miglia - und triumphierte. 70 Jahre später ist ein Nachbau des spektakulärsten Modells aus dem Sieger-Quintett fahrbereit. Nach jahrelanger Puzzlearbeit geht das BMW 328 Kamm Coupé zum Gedächtnisrennen in Brescia an den Start. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,693417,00.html
je neuer die fahrzeuge, desto hässlicher - quer durch alle marken hindurch. und ein kompletter neuaufbau darf ein h-kennzeichen eigentlich nicht bekommen. bmw-freunden sei übrigens folgender link empfohlen: www.youtube.com/watch?v=Ish1HjsOARY
dale_gribble 07.05.2010
4. .
Zitat von GegengleichMich würde mal interessieren, warum an einem kompletten Nachbau, also einem Auto von heute, wenn auch nicht auf heutigem technischen Stand, ein H- bzw. Oldtimer-Kennzeichen prangen darf!?
Wenn man ein Rahmen/Karosserieteil mit Rahmennummer, den zugehoerigen Brief/Unbedenklichkeitsbescheinigung und einen kulanten Tüv-Sachverstaendigen hat, dann geht das. Kein Problem. Warum auch?
wak-r532 07.05.2010
5. ...Die Werksmannschaft aus München war auf den Gesamtsieg aus...
War die Werksmannschaft wirklich aus München? M.W. war der Automobilbereich von BMW bis 1945 in Eisenach konzentriert-und damit auch die Rennsportabteilung. Was heute gerne mal vergessen wird...
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