Chaos durch neuen Abgastest Autohersteller stoppen Produktion - diese  Modelle sind vorerst nicht mehr lieferbar

Wer einen Porsche kaufen will, kann keinen neuen konfigurieren. Auf einen 7er-BMW warten Kunden mindestens ein Jahr. Grund dafür ist ein neuer Abgastest - den die Hersteller lange versucht haben zu blockieren.

BMW 7er: Für ein Jahr nicht als Benziner lieferbar
BMW

BMW 7er: Für ein Jahr nicht als Benziner lieferbar

Von den manager-magazin.de-Redakteuren und


Autofahrer, die mit einem kleinen Coupé oder SUV von Mercedes liebäugeln, sollten sich beeilen: Ab Sommer nimmt der Stuttgarter Autohersteller einige besonders günstige Varianten der Modelle CLA und GLA aus dem Programm. Es lohne nicht, diese Autos für den neuen Abgastest WLTP fit zu machen, sagte ein Daimler-Sprecher manager-magazin.de. Die Nachfolgemodelle seien erst in etwa einem Jahr verfügbar.

Derartige Einschnitte in der Produktpalette verzeichnen derzeit praktisch alle namhaften Autohersteller. Manche tun sich noch schwerer als Mercedes, ihre Flotte nach WLTP (Worldwide Harmonized Light Vehicles Test Procedure) zu zertifizieren. Dieser Test ist ab September für alle neuen Autos vorgeschrieben und soll zu realistischeren Verbrauchswerten auf dem Prüfstand führen. Zuletzt fiel der tatsächliche Verbrauch laut Umweltschützern im Schnitt mehr als 40 Prozent höher aus als die Angaben der Hersteller. Jede einzelne Motorvariante muss in einem langwierigen Verfahren abgenommen werden. Es fehlt zudem an Prüfständen.

Zusätzlich zum neuen Abgastest gilt ab September auch eine schärfere Abgasnorm. Euro 6d-temp sieht nicht nur die Messung im WLTP vor, sondern eine weitere auf der Straße (RDE-Zyklus) unter realen Bedingungen. Viele der Fahrzeuge werden die vorgegebenen Werte für den Feinstaubausstoß nicht ohne Ottopartikelfilter erfüllen. So wird der BMW 7er in Europa ein Jahr lang als Benziner nicht lieferbar sein, ebenso wie auch andere BMW-Modelle.

Sportikone BMW M3 vorübergehend nicht im Programm

Die Münchener nehmen auch die Sportikone M3 vorübergehend aus dem Programm. Es sei zu aufwändig, den Motor eigens für den nun benötigten Partikelfilter umzubauen. Erst nachdem der neue 3er ab dem vierten Quartal 2018 auf den Markt kommt, rechnen Branchenkenner mit einem abgasarmen M3.

"Unsere Prüfstände sind ausgelastet und arbeiten im Dreischichtbetrieb", erklärt ein BMW-Sprecher. Es sei zudem "komplex", Partikelfilter "in dem gesamten Portfolio unterzubringen".

Ende Mai stoppt BMW in Europa zudem die Produktion der Benzinvarianten des X5 und X6 und des 6er-Benziners mit Ausnahme der GT-Version. Die SUVs werden erst 2019 wieder mit Benzinmotor lieferbar sein. Auch die Benziner-Allradversion 225 iX Active Tourer fliegt vorübergehend aus dem Programm - ebenso wie die Allradversionen des X1 und X2 mit Ottomotor.

VW rechnet mit weiteren Lieferengpässen

Volkswagen erwartet Produktionsengpässe ab August. "Mit Hochdruck" werde daran gearbeitet, die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten, betonte Personalleiter Martin Rosik. Dennoch seien Lieferschwierigkeiten bei bestimmten Modellen möglich.

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Neuer Abgastest: Die Schlupflöcher des WLTP

Einige Varianten, die bis dahin noch kein WLTP-Zertifikat hätten, müssten vorläufig aus dem Programm genommen werden. Dazu zählen beispielsweise Einstiegsmodelle von Golf GTI und Up. VW nutzt die Umstellung, um wenig nachgefragte Varianten wegfallen zu lassen.

Von den Engpässen stark betroffen ist Audi. "Auch wir spüren die Auswirkungen von WLTP, da kommt es aktuell zu Übergangsfristen", sagte eine Firmensprecherin. Sie bezeichnete allerdings Zahlen der Marketingplattform Carwow, die Händlerfahrzeuge vermittelt, als "nicht nachvollziehbar", nach denen derzeit nur fünf von 46 Modellen der VW-Tochter voll bestellbar seien. Der Hersteller bestätigt dagegen, dass derzeit keines der zuletzt stark beworbenen Erdgasmodelle (G-Tron) erhältlich ist.

Porsche-Kunden haben es besonders schwer. Wegen der Umstellung sind zurzeit gar keine Modelle frei konfigurierbar. Wer einen neuen Porsche haben will, bekommt aktuell nur einen, der fertig bei einem Händler steht. Erst ab September gibt es wieder konfigurierbare Neuwagen - allerdings erst einmal für die am stärksten nachgefragten Modelle. Porsche startet mit "ausgewählten Modellen" des 911er und 718er mit Ottopartikelfilter.

Probleme gibt es auch bei Hyundai und Skoda

Probleme gibt es auch bei Hyundai und Skoda. Von keinen Einschränkungen berichten dagegen Händler bei Opel und Volvo. Die Carwow-Umfrage umfasst nicht alle Marken, da das Unternehmen nicht mit Händlern aller Fabrikate zusammenarbeitet.

Daimler sieht sich hingegen weitgehend im Plan. "Wir arbeiten aktuell mit Hochdruck an den letzten Vorgängen zur Umstellung des Portfolios auf WLTP und gehen derzeit davon aus, dass das gesamte Portfolio zum 01.09.2018 unseren Kunden zur Verfügung stehen wird", so ein Firmensprecher. Die dann nicht mehr erhältlichen Varianten von Mercedes CLA und GLA wären ohnehin etwas später weggefallen.

Lange hatte die Fahrzeugbranche darauf gesetzt, dass die Politik ihr bei der WLTP-Umstellung mehr Zeit einräumen würde. Auf einen Aufschub von drei Jahren spekulierte die Industrie. Doch Brüssel blieb bei seinem Fahrplan, sodass nun WTLP- und RDE-Umstellung zusammenfallen.

Das bringt die Branche nach eigenen Angaben an ihre Grenzen. Der Einbau eines Partikelfilters sei bei direkt einspritzenden Benzinern kompliziert, sagt der BMW-Sprecher. Zunächst müssten Techniker sicherstellen, dass genügend Bauraum zur Verfügung stehe. Die Motorsteuerung sei neu zu kalibrieren. Am Auspuff verursache ein derartiges zusätzliches Bauteil Schwingungen, die es abzudämpfen gelte.

Weil die EU-Vorgaben ab September 2018 auch für bestehende Baureihen gelten, seien nun die Entwicklungskapazitäten im Unternehmen knapp, sagt der BMW-Sprecher. Zugleich verweist er auf einen Lieferengpass bei Feinstaubfiltern.

Wenig Verständnis für das Wehklagen bringt der umweltorientierte Verkehrsclub Deutschland (VCD) auf. "Die Hersteller hatten vier Jahre Zeit, sich auf den Einbau von Partikelfiltern vorzubereiten", sagte VCD-Experte Michael Müller-Görnert gegenüber manager-magazin.de. Der für die Abgasreinigung nach RDE-Bedingungen nötige Vorgang sei auch weniger schwierig, als von Autobauern beschrieben.

Um den Schaden zu begrenzen, bringen die Hersteller zunächst Fahrzeuge auf den neuesten Stand, die sie in großen Stückzahlen verkaufen. Unterm Strich werde BMW nicht nennenswert weniger Autos verkaufen, hofft der Hersteller, da Kunden auf alternative Fahrzeuge des Herstellers umsteigen würden.

Doch beispielsweise beim 7er ist das temporäre Aus für Benziner nicht trivial. Zwar wurden laut BMW im vergangenen Jahr europaweit nur etwa 2000 der betroffenen Fahrzeuge verkauft. Doch ist gerade diese Antriebsart derzeit zunehmend gefragt, weil Autofahrer Fahrverbote für Dieselwagen fürchten. In Deutschland ließen die Behörden zuletzt sogar mehr Benzin-7er zu als Selbstzünder.

insgesamt 64 Beiträge
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C.Rainers 30.05.2018
1. Jahrelang zu Unrecht
Spitzengewinne gemacht und jetzt rumweinen.Wir haben Euro 4 Mercedes und VW und müssen für den Mist der Hersteller mehr Geld in Werkstätten lassen, wie die Autos wert sind. Mitleid mit diesen Betrügern? Nein!
smartphone 30.05.2018
2. Logisch nachvollziehbar
wenn gewisse HR Abteilungen , Geschäftsleitungen bei kleinster Kritik oder gar echtem Können , den Leuten absagen ( Guten Leuten muss man absagen - sagte mal BOSCH ) oder gleich auf SPAM setzen - wen wundert dieses TotalundKollateralversagen .....Niemanden der halbwegs Ahnung von MINT hat . Es ist doch auffällig dass in meinem Bekanntenkreis seit zig Jahren keiner einen Diesel , geschweige denn ein dt Auto fährt. Gewisse Punkte muss man aussprechen können inkl auch dem Versagen der Politik Dank hochfragwürdiger "Verbände" ---Im Grunde gehört das weitgehend ausgemistet und stillgelegt.
Politikverdrossener24 30.05.2018
3. Ultrafeine Partikel
Mich würde es nicht wundern, wenn eines Tages die ultrafeinen Partikel der Benziner als Ursache für steigende Krebsraten dingfest gemacht werden, denn diese sind so klein, dass sie direkt ins But gehen. Das ist sicherlich schlimmer als die Stickoxide. Nur kann sich die deutsche Umwelthilfe da leider nicht profilieren, da diese Emmissionen ohne Schummeln möglich sind. Keine Entschuldigung für die Diesel-Schummler, aber man sollte die Kirche im Dorf lassen. Und den Klimaschutz in Punkto Verbrauch nicht ganz aus den Augen verlieren.
Leser1000 30.05.2018
4. Gestrüpp
Offenbar verheddern sich die Hersteller inzwischen in ihrer eigenen Schönfarberei und finden den Weg nicht mehr aus ihrem eigenen potemkinschen Dorf. Nur hilft eitle Schadenfreude beim gebeutelten Dieselfahrers wenig. Denn im Zweifel zahlt die Zeche die Belegschaft und nicht die Herren und Damen mit dem goldenen Fallschirmen.Wie war das doch? Bekommen die Herrschaften ihre Millionen nicht für besondere Verantwortung? Da war doch was oder, oder waren das nur fake news?
tatsache2011 30.05.2018
5. nachträglich mildern ?
Kann das KBA nicht die Vorschrift nachträglich mildern? Bisher hat die Methode wie z.B. beim Thermofenster doch gut geklappt. Aber das geht nicht mehr, weil dadurch die Grenzwerte in den Innenstädten zu Fahrverboten führten.
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