BMW-Forschungsprojekt: Entspannung durch Chauffeur Computer

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Moderne Assistenzsysteme halten das Tempo, warnen beim Spurwechsel und überwachen den toten Winkel. Lenken jedoch muss der Fahrer in den meisten Fällen noch selbst. Es sei denn, er sitzt in einem BMW-Forschungsauto mit Autopilot. SPIEGEL ONLINE hat es ausprobiert.

BMW-Forschungsfahrzeug: Hände weg vom Lenkrad! Fotos

Irgendwann auf der A9 zwischen München und Nürnberg ist es plötzlich soweit: Nico Kämpchen nimmt die Hände vom Lenkrad und lässt dem Auto seinen Lauf. Bei Tempo 120! Und weiter vorn kommt eine Kurve. Ich merke, wie sich meine Hände in den Sitz krallen und die Füße ein imaginäres Bremspedal niederpressen. Herr Kämpchen auf dem Fahrersitz tut, als merke er nichts, denkt aber nicht im Traum daran, das Lenkrad zu greifen. Ein Himmelfahrtskommando?

Keineswegs. Kämpchen ist weder lebensmüde, noch sucht er die Grenzerfahrungen einer gefährlichen Mutprobe. Der junge Mann ist Entwickler bei BMW, Fachgebiet autonomes Fahren. Das Auto, ein auf den ersten Blick völlig konventioneller BMW 5er ist Kämpchens jüngster Forschungswagen. Bis unters Dach vollgestopft mit zwei Dutzend Sensoren, Kameras und Computern, kann das Auto nicht nur die Umgebung präzise erkennen und analysieren, sondern es ist auch in der Lage, sich in dieser Umgebung autonom zu bewegen.

Die Kurve ist inzwischen erreicht. Ich schwitze vor Anspannung, Kämpchen aber zuckt nicht mal mit der Wimper. Er lächelt jetzt still, als sich das Lenkrad fast unmerklich dreht und der Wagen die Biege macht.

Andere Prototypen wie diesen BMW gibt es bereits von anderen. Seit die US- Militärorganisation Darpa vor sechs Jahren zum ersten Wettstreit der Roboterautos lud, arbeiten weltweit Autohersteller und Universitäten an Systemen, die im Wagen nach Autopilot-Manier das Kommando übernehmen. Seit der Internetriese Google bei diesem Thema mitmischt, haben die ersten US-Staaten sogar schon die Verkehrsregeln den autonomen Fahrmaschinen angepasst. Ich Europa allerdings gab es bislang nur wenige derartige Tests auf öffentlichen Straßen. Deshalb ist es schon ziemlich einmalig, wenn Kämpchen sozusagen freihändig über die Autobahn rollt und nicht nur Richtungswechsel, sondern auch die Autos ringsum ignoriert.

Man sitzt hinterm Steuer - aber man lenkt nicht

Mir wird noch mulmiger, als wir kurz darauf einen Parkplatz ansteuern und die Seiten wechseln. Kämpchen sitzt nun auf dem Beifahrersitz, ich hinterm Steuer. Im Prinzip allerdings bleibe ich Beifahrer, doch das Wechselspiel zwischen Furcht und Faszination ist vom Fahrersitz noch imposanter. Nervös drücke ich direkt nach der Auffahrt die Freigabe und überlasse dem Autopiloten das Kommando. Dann greife ich doch - mehr zu meiner eigenen Sicherheit als aus Angst vor einem Systemfehler - locker ans Volant, während der Wagen auf 120 beschleunigt und schon wieder völlig selbständig im Autobahntreiben mitmischt.

Als direkt vor dem BMW ein Laster ausschert, möchte ich sofort auf die Bremse treten - doch Chauffeur Computer war schneller, hat das Tempo schon gedrosselt, setzt den Blinker, wechselt auf die äußerste linke Spur und überholt, wieder beschleunigend, den Lkw. Um zwei weitere Lastwagen zu überholen bleibt das Auto links, dann ist es rechts wieder frei, und einmal mehr wechselt der Autopilot den Kurs.

Auch im Roboterauto ist Zeitunglesen verboten

Allmählich lässt die Anspannung nach. Kurz erschrecke ich noch einmal, als die Elektronik dem Vorausfahrenden das Einfädeln erleichtert und auch dafür die Spur wechselt. Doch nach einer Viertelstunde ist es fast schon selbstverständlich, so gefahren zu werden. Jetzt eine SMS schreiben, mal eben zu Hause anrufen oder zumindest ein paar Schlagzeilen lesen - das ist zwar auch in diesem Auto verboten. Aber zumindest wäre es einigermaßen gefahrlos möglich.

Komplett verlassen dürfe man sich auf den Autopiloten noch nicht, sagt Kämpchen. Weil die Elektronik nicht mehr Bremsleistung bietet als die automatische Abstandsregelung, wäre sie in Notsituationen überfordert. Und auch mit Baustellen und plötzlich auftretenden Hindernissen kann sie noch nicht umgehen. Gelegentlich lassen sich die Sensoren derart irritieren, dass der Wagen unvermittelt abbremst, die Spur wechselt oder das System gänzlich abschaltet. Zwar lässt sich der Autopilot vom Fahrer jederzeit übersteuern, doch wer in solchen Situationen eine Zeitung vor der Nase hätte, wäre in höchster Gefahr.

Ohnehin funktioniert das System bislang nur auf der Autobahn, weil der Verkehr dort am harmonischsten fließt und am besten vorhersehbar ist. Eine Landpartie mit Überholvorgängen oder gar der Stadtverkehr mit Radfahrern, Fußgängern und tausenden von Verkehrsregeln ist noch zu komplex. "Dieses Risiko wollen wir noch nicht eingehen", sagt Raymond Freymann, der Leiter der BMW-Forschung. Im nächsten Schritt soll der Autopilot fit gemacht werden für Baustellen und Autobahnkreuze.

Autonomes Fahren als Beweis des technisch Machbaren

Dass ein System wie dieses dem Fahrer noch keine wirklich neuen Möglichkeiten bietet, nimmt Freymann locker. Er denkt beim autonomen Fahren nicht an einen Serieneinsatz, sondern sieht den Prototypen zunächst einmal als Beweis des technisch Machbaren. Und er ist für BMW vor allem ein Lehrstück. "An diesem Auto lernen wir vieles für künftige Assistenzsysteme, die bald tatsächlich auf die Straße kommen werden", sagt Freymann. "Dass etwa das kommende Elektroauto i3 zumindest im Stau bis Tempo 40 alleine den Kurs hält, wäre ohne ein Projekt wie dieses undenkbar gewesen."

Zwar will Freymann nicht ausschließen, dass in ferner Zukunft in der Tat ein Autopilot das Fahren übernehmen könne, doch das werde noch sehr lange dauern. Zumal es dafür nicht nur diverser technischer Problemlösungen bedürfe, sondern auch zahlreicher politisch-legislativer Entscheidungen. Bis dato gilt zum Beispiel in Deutschland das Wiener Abkommen. In dem heißt es, dass der Fahrer seinen Wagen "dauernd und unter allen Umständen kontrollieren muss". Allerdings stammt das Papier aus einer Zeit, als wohl noch nicht einmal James Bond vom autonomes Fahren träumte: 1968.

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insgesamt 41 Beiträge
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1. Wie falsch BMW und die Autoindustrie liegt :)
andir 04.09.2011
Vielleicht kann jemanden BMW mal die aktuelle (2008 !!!!) juristische Meinung mitteilen :) http://www.sachverstaendigentag21.de/svt2008/downloads/2._Vertrag_-_Prof._Kempen_-_Praesentation.pdf Dann wüssten die Verantwortlichen auch endlich, dass es heute schon (juristisch) möglich ist.
2. wer ist beim Unfall verantwortlich?
jona kompa 04.09.2011
Zitat von andirVielleicht kann jemanden BMW mal die aktuelle (2008 !!!!) juristische Meinung mitteilen :) http://www.sachverstaendigentag21.de/svt2008/downloads/2._Vertrag_-_Prof._Kempen_-_Praesentation.pdf Dann wüssten die Verantwortlichen auch endlich, dass es heute schon (juristisch) möglich ist.
... kann Ihnen nur zustimmen. Ist dann der Bordcomputer fuer einen Unfall verantwortlich? Man koennte zwar argumentieren dass ein Computer evtl. besser faehrt also so manche Autofahrer, aber das Delegieren der Vollkontrolle ist rechtlich ein Riesenproblem.
3. Spielzeug
malocher7 04.09.2011
Zitat von sysopModerne Assistenzsysteme halten das Tempo, warnen beim Spurwechsel und überwachen den toten Winkel. Lenken jedoch muss der Fahrer in den meisten Fällen noch selbst. Es sei denn, er sitzt in einem BMW-Forschungsauto mit Autopilot. SPIEGEL ONLINE hat es ausprobiert. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,783577,00.html
Ich frage mich manchmal, wie weit wir schon wären, wenn sich die geballte Ingenieurskraft von (z.B.) BMW um die Entwicklung von Gebäudeheizungen, Windrädern, Elektroantrieben, Akkumulatorentechnik usw. kümmern würde. - Und nicht um die stetige Verfeinerung von Spielzeug... Man nehme nochmal Frederic Vester (Ausfahrt Zukunft, 1990) zur Hand. Dort heißt es: "Das Automobil steuert - wir ahnen es längst - auf eine Sackgasse zu. In seiner derzeitigen Form, mit den herkömmlichen Antriebsarten und Treibstoffen, der aufwendigen Infrastruktur und den zum Teil fast pervertierten Funktionen wird es schon nicht mehr den heutigen und erst recht nicht den zukünftigen Verkehrsbedürfnissen gerecht."
4. das ist doch asbach...
vok 04.09.2011
Zitat von sysopModerne Assistenzsysteme halten das Tempo, warnen beim Spurwechsel und überwachen den toten Winkel. Lenken jedoch muss der Fahrer in den meisten Fällen noch selbst. Es sei denn, er sitzt in einem BMW-Forschungsauto mit Autopilot. SPIEGEL ONLINE hat es ausprobiert. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,783577,00.html
Das mit den Assistenz-Systemen ist doch uralt, und dem Artikel nach zu Urteilen hat BMW absolut nichts neues gemacht. Autonomes Fahren hat schon Ernst Dickmann (Emeri. der BW Uni in München) in den 80ern und 90ern erfolgreich gemacht. Man muß sich jetzt noch in Erinnerung rufen, daß damals die Computer lange nicht so leistungsfähig waren. Es war ziemlich enorm, was Dickmann gemacht hat. Die Darpa-Challenge war dann auch eine ganz andere Liga: Auf Autobahnen gibt es Straßenmarkierungen und die ganze Szenerie ist sehr gut strukturiert. Die Wüste, in der die Darpa-Challange statt fand, ist hingegen völlig unstrukturiert. Für Rechenleistung, Machine Learning, AI, Computer Vision etc. ist die Darpa-Challange extrem anspruchsvoll.
5. Ist schon 20 Jahre alt
mjs2342 04.09.2011
Vor 20 Jahren gab es an der Uni Erlangen-Nürnberg ein ähnliches Forschungsprojekt. Die haben es hingekriegt die Autos bis Tempo 250 auf der Autobahn fahren zu lassen, autonom. Ich weiß nicht, ob das alle vergessen haben inklusive BMW? Oder sind die Sensoren jetzt näher dran an der Wirklichkeit? Die Autos vor 20 Jahren fuhren nur basierend auf Mustererkennung mit Kameras.
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