Recyclingmaterial im Auto BMW beschwört den Geist aus der PET-Flasche

Wer einen BMW i3 fährt, sitzt womöglich auf recycelten Plastikflaschen. Was wie eine billige Lösung klingt, dient dem Umweltschutz: Ein Familienunternehmen aus Mönchengladbach spinnt den ökologisch korrekten Faden aus der Flasche.

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"Vorsicht, heiß", warnt Stefan Müsse. Mit einer Schere legt er blaue Fäden auf ein Transportband, die so dick sind wie Spaghetti. Doch das, was Müsse in den Werkshallen in Luxemburg produziert, ist zum Verzehr definitiv ungeeignet. Beim Garnhersteller Technofibres entstehen Fäden aus recycelten Plastikflaschen. Und aus diesem Garn werden Sitzpolster für das BMW-Elektroauto i3 und den Hybrid-Sportwagen i8 gewebt.

Müsse trägt eine blaue Arbeitshose, auf seinem Kopf sitzen rote Ohrenschützer gegen den Lärm. Ein Geräusch, das nach fahrendem ICE und laufender Dampfmaschine klingt, hat sich in der Werkshalle breitgemacht. Ein Schild weist den Bereich als "Entwicklung" aus. Hinter ihm lagern Messbecher, eine Waage, darüber hängen Trichter mit blauen, roten und weißen Farbkörnern. In der Entwicklung entstehen Farbmuster für die Serienproduktion.

BMWs Engagement, Sitzpolster aus weggeworfenen Flaschen einzukaufen, erfolgt nicht ganz freiwillig. Zum einen schreibt eine EU-Verordnung die umweltverträgliche Entsorgung von Altautos vor. Demnach müssen bis zum Jahr 2015 95 Prozent eines Autos wiederverwertbar sein - gemessen am Gewicht. Zum anderen steigt die Nachfrage der Kunden nach Produkten, die nicht länger nur hübsch aussehen, sondern auch nachhaltig produziert wurden. "Für Unternehmen kann das geschäftsentscheidend werden", glaubt Hendrik Fink, Nachhaltigkeitsexperte des Wirtschaftsprüfers PricewaterhouseCoopers (PwC). Das gelte nicht nur für die Autoindustrie, sondern für fast alle Bereiche des Wirtschaftslebens.

Einzelne Beispiele gibt es bereits auf dem Markt. So verdrängte im Citroën C4 eine Naturfaser die Chemie. Seit zwei Jahren werden die Bezüge aus Tencel-Fasern produziert - einer Holzfaser. Nissan wirbt mit recycelten Materialien im Elektroauto Leaf. Auch Ford setzt in seinem Fokus Electric recyceltes Polyester ein. Umgerechnet 22 Plastikflaschen werden pro Auto zu Textilien verarbeitet, im BMW i3 sind es 53.

Gekräuselt im Hightech-Friseursalon

Erst werden die PET-Chips bei etwa 180 Grad getrocknet und dann bei 290 Grad verflüssigt. Die Melange mit einer Konsistenz zwischen Wasser und Honig fließt anschließend durch haarfeine Poren einer Spinndüse. Die kaum noch sichtbaren Fäden werden abgekühlt und mit einem Gleitmittel eingeölt. Das Garn wird gestreckt, anschließend geht es ab in eine Art Hightech-Friseursalon. Mit Druckluft entstehen Kräuselungen am Faden, die die typische textile Optik imitieren. Zuletzt werden die Fäden auf eine Spule aufgerollt. Das Garn wird zur Weiterverarbeitung nach Mönchengladbach transportiert, wo die Polsterstoffe für die Sitze gewebt werden.

Durch die recycelten PET-Flaschen in den Sitzen werden Ressourcen geschont. Der Abfall der Wohlstandsgesellschaft ersetzt frisches Polyester, das als Erdöl-Produkt der Umwelt schadet. Günstiger kommt die Flaschen-Methode Hersteller und Zulieferer allerdings nicht. Technofibres bezieht die gehäckselten PET-Flaschen aus Asien oder USA - den beiden Standorten für Granulate. Doch zuvor müssen die dunklen von hellen Getränkebehältern getrennt werden, das beansprucht Zeit und Arbeitskraft.

Kutschen transportierten Stoffballen nach Rüsselsheim

Die Idee, nachhaltige Sitzbezüge zu weben, entstand in Gesprächen zwischen BMW und dem Zulieferer im Jahr 2008. Damals verdoppelte sich der Rohölpreis innerhalb eines Jahres. "Erdöl ist endlich", sagt Peter Bolten, Direktor für Entwicklung und Verkauf bei dem Textilunternehmen. "Und dann verbrennen wir es noch!", schiebt er schulterzuckend hinterher. Sein Urgroßvater hat Aunde Achter & Ebels gegründet, zu dem auch Technofibres in Luxemburg gehört. Seit 1921 stellt das mittelständische Unternehmen mit Hauptsitz in Mönchengladbach Textilien für Autos her. Anfangs wurden die Stoffballen noch mit Kutschen nach Rüsselsheim transportiert.

Weil das Erdöl zur Neige geht, müssen langfristig Alternativen zum Polyester her: Aunde testete für BMW Stoffe aus Bambus, Nesseln, Hanf oder Mais. Aber die natürlichen, nachwachsenden Rohstoffe erfüllten nicht die strengen Anforderungen der Autoindustrie: zu lichtempfindlich, leicht brennbar oder grob und steif. Am Ende überzeugte Polyester aus PET-Flaschen die Verantwortlichen am meisten; auch Wolle könnte ein Comeback feiern.

Unter dem Hallendach der Werkshalle von Technofibres liegen Säcke mit Polyestergranulat, auch die Trichter der Spinnanlagen sind voll damit. Noch stammen gerade einmal zwei bis drei Prozent der gesamten Produktion aus recycelten PET-Flaschen, doch Peter Bolten glaubt an ein steigendes Interesse. Bisher hielt sich dieses in Grenzen, und er hat anderen Autobauern die Flaschen-Fäden erfolglos vorgestellt.

In einer Lagerhalle stehen, gut verpackt, die Stoffrollen für die BMW-Modelle i8 und i3. Und auch noch eine Stoffrolle aus PET-Flaschen für ein Volumenmodell, das Bolten noch nicht nennen darf. Vielleicht beginnt mit diesem der Siegeszug der recycelten Plastikflasche für den Sitzbezug.



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insgesamt 15 Beiträge
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Mertrager 23.07.2014
1. Sehen auch so aus
Komisch, manche Autos von BMW, wie zB der 1er, haben mich schon immer an verknautschte Plasteflaschen erinnert. So ein Zufall.
pace335 23.07.2014
2. Passt doch zum Konzept,
jetzt muß das Gefährt nur noch gekauft werden. (Ich sag extra nicht Auto dazu). Los Los Los liebe Ökos, nicht nur blabla, jetzt muß gekauft werden! :-)
distel61 23.07.2014
3.
Ich trinke nur Leitungswasser. Kommt dann der Sitzbezug für mein Auto aus dem Wasserhahn?
medicus22 23.07.2014
4.
Machen das die Chinese nicht schon seit Jahren? Es ist doch schon jetzt fast jedes Fleece mal ne Flasche gewesen. So sensationell ist das auch nicht. Und es fließt eine Menge Enerergie in die Verarbeitung, aber die läßt sich ja schonend gewinnen. Aber eine Sensation ist es nicht.
patrick6 23.07.2014
5. Erstaunlich, dieses Umweltbewusstsein...
...mit dem man den Rohstoff für diese Fasern um die halbe Welt schippert.
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