BMW Isetta Das erste iCar

Seit Monaten geistert die Idee eines minimalistischen Stadtflitzers namens iCar durch den BMW-Konzern. Klein und chic soll das Fahrzeug werden, Details gibt es nicht. Macht nichts - Tom Grünweg fuhr stattdessen mit dem Auto, das schon vor 50 Jahren die iCar-Vorgaben erfüllte: der Isetta.

Tom Grünweg

Die Auto-Welt ist im Umbruch: Mobilität wird neu definiert, Prioritäten verschieben sich, und neue Fahrzeugkonzepte werden dringend gebraucht. Alle Pkw-Hersteller stehen vor dieser Herausforderung. BMW hat deshalb die Idee des iCar entwickelt, das künftig in Metropolen wie Tokio oder Los Angeles zum Einsatz kommen soll. Was das Auto können muss, haben die Entwickler bereits definiert. Doch wie der Wagen aussehen und heißen soll, unterliegt strengster Geheimhaltung.

Eine kleine Entscheidungshilfe könnten die Verantwortlichen im erst kürzlich renovierten und erweiterten BMW-Museum finden. Dort steht ein Auto, das in einer ähnlichen Situation eine vergleichbare Aufgabe hatte: die Isetta. Wie VW Käfer oder Fiat 500 war das Wägelchen in den fünfziger Jahren ein Beitrag zur Massenmobilisierung im Wirtschaftswunder. Und es steckte, notgedrungen, voller überraschender Detaillösungen, um die Herstellungskosten so niedrig und das Auto zugleich so alltagstauglich wie möglich zu machen.

Die einzige Tür der Isetta öffnet sich - wie bei einem Kühlschrank - nach vorne. So faltet man zuerst sich selbst ins Auto, und danach Lenkrad und Tür wieder in die Ausgangsposition. Mit fröhlichem Rängtängtäng meldet sich der Motor zum Dienst - und dann kullert die Knutschkugel los. Früher war die Isetta einfach eine überdachte Alternative zu Moped oder Motorrad - nicht mehr und nicht weniger; heute wird aus jedem Meter eine kleine Sympathiekundgebung.

85 km/h Spitze - das reicht eigentlich

In der ersten Version war der Winzling 2,85 Meter lang, 1,38 Meter breit und 1,34 Meter hoch. Unter der durchgehenden Sitzbank knatterte ein 250-Kubikzentimeter-Einzylindermotor mit 12 PS. Später gab es die Isetta auch mit 300 Kubik und 13 PS - mit diesem Modell aus dem Museum war jetzt SPIEGEL ONLINE unterwegs. Der Antrieb erfolgt über die eng beieinander stehenden Rädchen im Heck, das Getriebe hat vier Gänge plus einen Rückwärtsgang zum Rangieren. Allerdings ist der Schaltknüppel so unglücklich platziert, dass man ihn nur mit links bedienen kann - und dabei ständig mit der Kniekehle in Konflikt gerät.

Die BMW Isetta wird bis zu 85 km/h schnell, was auch am sensationell niedrigen Gewicht von lediglich 350 Kilogramm liegt. Dafür jedoch ist auch das zulässige Gesamtgewicht limitiert, und zwar auf 580 Kilo. Doch mehr als zwei schlanke Erwachsene passen eh kaum in das Auto, und wer dann auch noch Gepäck mitnehmen möchte, muss sich noch mehr bescheiden. Denn statt eines Kofferraums gibt es am Heck nur einen kleinen Gepäckträger.

Angesichts des mageren Tempos und der alles andere als Vertrauen erweckenden Straßenlage wirkt am Steuer der Isetta die heute von BMW eifrig propagierte Freude am Fahren beinahe weltfremd. Dabei reifte dieser Slogan just mit der Isetta. "Freude haben, kosten sparen, BMW Isetta fahren", lautete damals der Reklamespruch für das Auto. Und heute klingt es schon fast wieder genauso.

Weniger Steuern als ein Dackel

Die Preisliste macht deutlich, wie sehr sich die Autowelt verändert hat. Während aktuelle Kataloge oft fingerdick sind und Hunderte von Optionen, Extras und Einzelposten aufführen, reichten 1956 zwei Seiten. 2750 Mark kostete das Isetta-Grundmodell, und als einzige Extras gab es für den stärkeren 13-PS-Motor für 140 Mark Aufpreis, eine Zweifarblackierung samt Zierleiste für 80 Mark, eine Heizung für 26 Mark und eine Scheibenentfrostungsanlage für 38 Mark. Obwohl der Durchschnittsdeutsche Mitte der fünfziger Jahre lediglich 90 Mark pro Woche verdiente, galt die Isetta schon damals als billiges Auto, das günstig zu unterhalten war. Die Haftpflichtversicherung kostete 95 Mark, der Sprit im 13-Liter-Tank reichte für bis zu 400 Kilometer, und die Steuer betrug 44 Mark im Jahr - "weniger als ein Großstadt-Dackel", wie die Werbung lockte.

Die Isetta hat Wirtschaftswunder-Geschichte geschrieben, ihre eigene Historie ist jedoch so kurz wie die Karosserie. Sie beginnt 1954 auf dem Genfer Autosalon, wo ein BMW-Händler einen rundlichen Kleinwagen der italienischen Firma Iso entdeckt und das Potenzial des Modells erkennt. Daraufhin erwirbt BMW die Lizenz, montiert als neuen Antrieb einen Einzylindermotor aus dem Motorrad-Teileregal, legt das italienische Gewand in neue Falten und feiert schon ein Jahr später die Weltpremiere: Im März 1955 kommt das Motocoupé in den Handel. Bereits im ersten Jahr werden 12.911 Exemplare verkauft, und mit dem getunten 300-Kubik-Motor und einer Cabriovariante mit schmuckem Rolldach steigt der Absatz zwischendurch sogar auf 40.000 Fahrzeuge im Jahr.

Allerdings geht es den Menschen für den puristischen Kleinwagen bald schon wieder zu gut. Die Kundschaft wünscht ein größeres Auto mit mehr Sitzplätzen, worauf BMW mit dem 600er reagiert - einer verlängerten Isetta mit Zweizylinder-Boxermotor im Heck. Aber auch dieses Modell gerät rasch an seine Grenzen, weshalb die Isetta bald nur noch ins Ausland verkauft wird. 1962 lässt auch dort die Nachfrage drastisch nach, und so naht das Ende des Wagens.

Nach sieben Jahren Bauzeit und 161.728 Exemplaren ist die BMW Isetta Geschichte.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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aenigma36 26.08.2009
1. BMW Isetta
Das war mein erstes 4-rädriges Fahrzeug!Schalthebel links, also kein Hindernis zur Beifahrerin, sehr bequemes Einparken überall, einfach toll! Bei der Besichtigung durch meine Geschwister hob einer meiner Brüder "meine" Isetta an der Seite an und sagte: das Ding hat ja tatsächlich vier Räder. Ich würde mir bei Neuerscheinung sofot ein Exemplar anschaffen!
gg art 5 26.08.2009
2. Isetta? Heinkel?
Zitat von sysopSeit Monaten geistert die Idee eines minimalistischen Stadtflitzers namens iCar durch den BMW-Konzern. Klein und chic soll das Fahrzeug werden, Details gibt es nicht. Macht nichts - Tom Grünweg fuhr stattdessen mit jenem Auto, das schon vor 50 Jahren die iCar-Vorgaben erfüllte: der Isetta. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,644805,00.html
Ich hatte einen Heinkel. Es gab auch den Messerschmid. Waren die nicht vor dem Isetta?
Knütterer, 26.08.2009
3. iSETTA
Hallo, ich kennen die iSetta noch aus meiner Kinderzeit, und in meiner Heimatstadt Olpe fuhr damals der Becker´s "Backes" solch eine Knutschkugel! Für uns Jungspunde war es immer ein Vergnügen, eine Runde mit drehen zu dürfen ;-) So wie die iSetta heute als kultig angesehen wird, schaffen es aber sicherlich die EU-Strategen mit Hilfe von TÜV und anderen Spaßbremsen,eine vergleichbare Lösung zu torpedieren!
Rainer Girbig 26.08.2009
4. Hier könnte Ihr Titel stehen
Selbst den Namen könnte man recyceln: *i-setta* Damals war es allerdings das Anliegen der Hersteller, den Menschen Mobilität zu ermöglichen, die sich ein richtiges Auto nicht leisten können. Der heutige Ansatz ist ein völlig anderer. Dennoch wäre es interessant, wenn sich die i-car Macher von der Kugel inspirieren ließen, ansonsten wird es nur eine Smart- oder Toyota IQ- Kopie.
Hadraniel, 26.08.2009
5. Noch ein Accessoire für die Leistungsträger
Zitat von Rainer GirbigSelbst den Namen könnte man recyceln: *i-setta* Damals war es allerdings das Anliegen der Hersteller, den Menschen Mobilität zu ermöglichen, die sich ein richtiges Auto nicht leisten können. Der heutige Ansatz ist ein völlig anderer. Dennoch wäre es interessant, wenn sich die i-car Macher von der Kugel inspirieren ließen, ansonsten wird es nur eine Smart- oder Toyota IQ- Kopie.
Das ist wahr. Allerdings wird ein Fahrzeug von BMW, auch wenn es nochmal Isetta heisst, wieder ein modischer Luxusartikel, und kein Kleinstfahrzeug, welches man sich aus wirtschaftlichen Gründen anschafft. BMW baut genausowenig wie VW Fahrzeuge "fürs Volk". Mini, Smart und iQ kauft man sich schliesslich auch nicht, weil man ein preiswertes und günstig zu unterhaltendes Fahrzeug haben möchte, sondern einen hippen Großstadtflitzer. Wer rechnen kann greift zu Corsa und Co, mit ein paar Jahren und 50.000km auf der Uhr.
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