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07. April 2006, 15:11 Uhr

BMW-Motorrad-ABS

Drosseln der Druckspitzen

Von Jürgen Pander

Das Motorrad-ABS von BMW erhitzt in stetig wiederkehrenden Schüben die Biker-Gemeinde. Jetzt rufen die Münchner weltweit rund 90.000 Motorräder zurück. Damit soll das ärgerliche Thema endgültig beendet werden.

Seit 1991 bietet BMW für seine Motorräder ABS an, seit dem Jahr 2000 werden die Maschinen der K- und Boxer-Baureihen außer mit ABS auch mit einem CAN-Bus-System zur Vernetzung der elektronischen Bauteile ausgerüstet - und diese Motorräder sind nun von einem Rückruf betroffen. "Es handelt sich um rund 90.000 Maschinen weltweit", sagt BMW-Sprecher Jürgen Stoffregen. Bei den betroffenen Motorrädern soll während eines etwa zweistündigen Werkstattaufenthalts eine Drosselschraube in die Hydraulikleitung des Bremssystems eingesetzt werden. Außerdem wird ein Sensorkabel für das ABS-System neu fixiert. "Das Kabel war bislang in Ordnung, aber nun wird es narrensicher", erklärt Stoffregen. Auch wer beim Radwechsel unachtsam ist, soll die Kabelführung künftig nicht mehr ungünstig beeinflussen können.

BMW K 1200 R: Auch Maschinen dieses Typs mit ABS erhalten eine Drosselschraube

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Die vermeintlich schlichte Lösung mit der Drosselschraube könnte die aufgetretenen Probleme nach Ansicht von ADAC-Motorradexperte Ruprecht Müller tatsächlich beseitigen. Denn während Fahrsicherheitstrainings, bei denen mehrmals hintereinander sehr heftig gebremst wurde, waren zunächst der Bremskraftverstärker und unmittelbar darauf das ABS ausgefallen. Die neue Schraube, die den Durchmesser des Hydraulikleitung verringert, soll Druckspitzen, die beim sehr schnellen, sehr festen und mehrfach wiederholten Griff an den Bremshebel auftreten können, abmildern.

Druckspitzen können offenbar das ABS überfordern

"Solche Druckspitzen können das System überfordern", sagt Müller. "Zumal wenn die Batterieladung nicht optimal ist. Denn das ABS ist ein komplexes System aus hydraulischen und elektronischen Elementen." So erklärt sich Müller auch, dass dieses Probleme ausgerechnet bei einem Fahrtraining auftrat. "Wer auf der Straße dynamisch fährt und deshalb auch oft und hart bremst, lädt durch die hohen Drehzahlen beim Beschleunigen natürlich auch ständig die Batterie auf, so dass die Problematik der zu geringen Spannung gar nicht erst auftritt."

Grundsätzlich sei die Maßnahme von BMW positiv zu bewerten, sagt Müller. "Weil sie eine aus unserer Sicht technische Schwäche des Systems abstellt." Das sieht Klaus Pietsch, Leiter der für Rückrufe zuständigen Abteilung beim Kraftfahrt Bundesamt in Flensburg ähnlich. "Nach jetzigem Erkenntnisstand ist diese technische Änderung ausreichend", sagt er. Die Behörde stand bereits seit zwei Jahren mit BMW in Kontakt, weil damals erstmals Probleme mit dem ABS-System bekannt wurden.

Der US-Behörde ist das Problem unbekannt

Auch mit der US-Rückrufbehörde NHTSA nahm das KBA Kontakt auf, doch dort winkte man ab. Das ABS-Thema sei offenbar ein rein deutsches Problem, hieß es bei den Amerikanern. Tatsächlich gab es immer wieder neue Meldungen über Fehlfunktionen. "Aber BMW hat die Sache ernst genommen und offenbar ein paar Dinge dazugelernt", sagt KBA-Mann Pietsch. "Für uns ist das Thema vom Tisch." Ob seine Behörde irgendwann selbst aktiv geworden wäre, wenn der BMW-Rückruf nicht erfolgt wäre, wollte Pietsch nicht kommentieren.

In der Serienfertigung wird die Drosselschraube, die bei den schon ausgelieferten Modellen nun nachgerüstet wird, bereits "seit einigen Wochen" verbaut, wie BMW-Sprecher Stoffregen sagt. "In der Zwischenzeit wurden genug Drosselschrauben produziert und an die Vertragswerkstätten ausgeliefert, so dass wir jetzt die Rückruf-Aktion starten konnten."

Neue Bedienungsanleitung als Sofortmaßnahme

Warum es überhaupt so lange gedauert hat, bis BMW in dieser Form reagierte, erklärt Stoffregen so: Im vergangenen Herbst, nach Bekanntwerden der Unfälle beim Fahrsicherheitstraining, habe man als Sofortmaßnahme die Bedienungsanleitung des Motorrads geändert und diese Ergänzungen an alle Besitzer der betroffenen Maschinen verschickt. Anschließend habe die Entwicklung einer technischen Lösung begonnen. "Ein bestehendes System zu ändern erfordert eine Menge Aufwand und Zeit", sagt Stoffregen. Nun aber sei die "zusätzliche Absicherung eines Systems, das wir als sicher erachten" reif für den Einsatz.

Zusätzliche Brisanz erhielt die Akte um das ABS-System vorübergehend, als im vergangenen Jahr ein Motorradfahrer Anzeige bei der Staatsanwaltschaft München I erstattete. Daraufhin wurden Ermittlungsverfahren gegen drei BMW-Manager eröffnet, die inzwischen eingestellt wurden. Formell noch immer aufrecht erhalten werden derzeit noch Ermittlungen gegen Unbekannt wegen fahrlässiger Körperverletzung. Möglicherweise erfolgt aber auch in dieser Sache demnächst ein "Rückruf". Die Staatsanwaltschaft München war in dieser Sache am Freitag nicht zu erreichen.

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