Probleme mit der Vorderradgabel BMW ruft 168.000 GS-Motorräder zurück

BMW Motorrad bewirbt seinen Bestseller GS mit absoluter Zuverlässigkeit. Jetzt müssen die letzten fünf Jahrgänge der Reise-Enduro in die Werkstätten - wegen eines gefährlichen und vor allem altbekannten Konstruktionsfehlers.

Ab in die Werkstatt: Alle BMW R 1200 der Jahrgänge 2013-2017
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Ab in die Werkstatt: Alle BMW R 1200 der Jahrgänge 2013-2017


Der Ärger begann Ende April in einer Facebook-Gruppe und nahm rasant Fahrt auf: Meldungen, dass sich bei den Top-Modellen der BMW Offroad-Flotte, den Motorrädern R 1200 GS und R 1200 GS Adventure, im harten Geländeeinsatz die Gabelstandrohre lockerten und teilweise wegbrachen, machten die Runde. Entsprechende Berichte von Unfällen und dramatische Bilder aus Australien und vor allem Südafrika folgten. Eine Website ("Lives are at risk!") rief zu einer Petition auf.

Wenige Tage vor dem jährlichen Traditionstreffen der blau-weißen Motorradfamilie, den BMW Days in Garmisch, war das Tosen in den sozialen Netzwerken zu laut geworden. Angesichts eines massiven Imageschadens entschloss sich BMW Motorrad nun zu einem Rückruf. Offiziell verwendet der Hersteller den Begriff "Service-Termin", aber die Dringlichkeit, in der dieser formuliert ist, lässt keinen Zweifel zu: Seit Ende Juni fordert BMW die Besitzer von 168.000 GS-Modellen, die zwischen 2013 und 2017 gebaut wurden, weltweit schnellstmöglich zu diesem "Service Termin" auf.

Es habe sich, so BMW in einem Statement, bei "laufenden Feldversuchen" herausgestellt, dass bei der "Überfahrung eines Hindernisses, während eines Sturzes oder der Fahrt durch ein tiefes Schlagloch" mit unangemessener Geschwindigkeit "Stress entstehe", dem die GS-Vorderradfederung in einzelnen Fällen nicht gewachsen sein könne. Es könne zu Gabelölverlust, knackenden Geräuschen, Steuerungsproblemen und im Extremfall zum Verlust der Vorderradfederungs-Verbindung kommen.

Das Problem ist altbekannt

Die Formulierung, dass die "Fahrt durch ein Schlagloch" zu viel "Stress" erzeugt, ist ein PR-GAU für BMW. Immerhin verkaufen die Bayern die GS-Modelle als Krönung der Groß-Offroader und vermarkten sie als "Unstoppable". Für den Fahrer ist es mehr als ein PR-GAU, der Fehler ist gefährlich: In einer Vertragswerkstatt solle daher schleunigst überprüft werden, ob sich die Stopfverbindungen der Telelever-Vorderradführung mit den Gabelstandrohren gelöst hätten.

Gegenüber dem Branchenblatt "Motorrad" erklärte BMW-Sprecher Gerhard Lindner: "Sofern nur eine geringe Vorschädigung vorliegt, werden beide Standrohre mit je einer zusätzlichen Standrohrbuchse nachgerüstet. Bei zu großer Vorschädigung werden die Standrohre durch entsprechend modifizierte Neuteile ersetzt."

Warum Neuteile allerdings erst jetzt verbaut werden, bleibt BMWs Geheimnis: Bereits 2013 bei der Markteinführung der neuen wassergekühlten R 1200 GS waren Probleme mit losen Einsatzstopfen der Gabelstandrohre aufgetaucht. Noch bevor die Maschinen den Kunden übergeben wurden, waren die Werkstätten angewiesen worden, die Verbindung passgenau mit einem speziellen Punzwerkzeug zu verstemmen. Damit schien das Problem vom Tisch; seither wird die grobe Verstemmung, die unter einer Gummimanschette verborgen ist, bereits ab Werk erledigt.

Auch Ducatis könnten einknicken

Doch offensichtlich entwickelt sich die ursprüngliche Konstruktionsschwäche jetzt wieder zu einem ernsten Problem. Die damalige Patentlösung für eine kleine Zahl von Erstauslieferungen war technisch nicht ausreichend: In den USA, wo verschärftere Regularien gelten, wurde 2013 schon ein offizieller Rückruf - sprich ein faktisches Fahrverbot aus versicherungstechnischen Gründen - für gerade mal 15 Maschinen ausgerufen. Jetzt, vier Jahre später, gilt es, weltweit 168.000 BMW-Fahrzeuge verkehrssicher zu machen.

BMW ist nicht alleine. Ein ähnliches konstruktives Problem musste vor wenigen Wochen der Konkurrent Ducati vermelden: Der Multistrada Enduro, der ersten ernsthaften Bewerberin der Italiener im Großenduro-Offroadsegment, drohte bei "heftigem Geländeeinsatz die untere Befestigungsöse des Stoßdämpfers" an der Hinterradschwinge zu brechen.

Ducati nahm die Gefahr so ernst, dass in den USA ein offizieller Rückruf der National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) ausgesprochen wurde. Der Trost der Italiener: In den USA mussten nur die bis dahin verkauften 568 Maschinen umgerüstet werden.

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
nadennmallos 04.07.2017
1. Sorry, nur ein bißchen Häme ...
... ist nicht bös gemeint: Das sitzen sie auf ihrer deutschen Wertarbeit, spotten (zum Teil) über die "Reisschüsseln" und zahlen dafür noch einen Haufen Geld, um im Jahr mal so 1000 km (die meisten) zu fahren. Nee, Leute zuviel Geld für sehr viel Metall und dann noch sowas? Okay, ich geb's zu, ich fahre eine Japanerin. Wir sind schon tausende von Kilometern glücklich gefahren, bei Wind und Wetter, Sommer und Winter. Ausfälle, Rückrufe. Nö!
Ruhelos 04.07.2017
2. Reisschüssel
Naja was soll man dazu sagen? Wer Schäden hat, spottet jeder Beschreibung. Ich wollte letztes Jahr eine Afrika Twin kaufen, aber verkaufen wollte keiner zeitnah. Jetzt habe ich wieder eine F800 ADV. Teuer war die auch nicht. Ob die noch so gut sind wie meine CX 650C BJ. 80? Jeden Falles waren da bis jetzt erst die Anlasser Kohlen defekt.
ralfbraun 04.07.2017
3. Häme nicht angebracht
@nadenmallos die meisten BMW-Fahrer fahren statistisch weit mehr als die durchschnittlichen Fahrer japanischer Motorräder. Zuverlässig sind die einen wie die anderen. Außerdem, der Rückruf bezieht sich auf Ausnahmeschäden in Extremsituationen. Dafür sind 90% Prozent der Motorräder gar nicht ausgelegt und würden dieser Belastung schon viel früher gar nicht standhalten.
Doktorflu 04.07.2017
4. 1200 rs
Kurz vor Monte Carlo sind wir 2002 durch ein Schlagloch gekracht. Mit einer K1200 RS von 1999. 700 Km danach Lagerschaden am Kegelrad. Reparaturen waren mehrfach erfolglos, das Lager verschliss nach wenigen Km erneut. Erst nachdem Der komplette Antrieb gewechselt wurde, waren wir zufrieden. Wir sind der Ansicht das filigranes Äusseres ganz nett aussieht, aber am Ende muss es halten. Nach diesem Erlebnis und noch anderen bleibt das Ding zu Haus. Im Ausland fahren wir mit einer ganz normalen unpräparierten V-Strom, die noch nie Anlass zu klagen gab. Die K1200 Rs hatte jedenfalls alles an Fehlern, was man sich nur vorstellen kann. Im Urlaub ist das dann recht betrüblich.
MKAchter 04.07.2017
5. Kein Grund zur Klage
Zitat von nadennmallos... ist nicht bös gemeint: Das sitzen sie auf ihrer deutschen Wertarbeit, spotten (zum Teil) über die "Reisschüsseln" und zahlen dafür noch einen Haufen Geld, um im Jahr mal so 1000 km (die meisten) zu fahren. Nee, Leute zuviel Geld für sehr viel Metall und dann noch sowas? Okay, ich geb's zu, ich fahre eine Japanerin. Wir sind schon tausende von Kilometern glücklich gefahren, bei Wind und Wetter, Sommer und Winter. Ausfälle, Rückrufe. Nö!
Ich habe bei meiner R1100 zwischenzeitlich über 160.000 km "auf der Uhr", bei Jahresfahrleistungen an die 10.000 km, und bin mit der Maschine insgesamt zufrieden. Spott über die "Reisschüsseln" liegt mir fern (ich habe selbst mit Suzuki und Kawasaki angefangen).... Aber weg von der BMW würde ich auch nicht mehr. Die Maschinen aus Bayern (bzw. Spandau) sind in aller Regel doch praxisgerecht und robust.
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