BMW R 1200 R im Test Der Jahrhundertboxer

Nach 90 Jahren Motorradbau setzt BMW immer noch auf den alten Boxer. Auch bei der neuen Roadster R 1200 R bekennen sich die Münchner zu dem altgedienten Aggregat. Zu Recht.

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Der erste Eindruck: Flottes Teil, aber warum sollte einem ausgerechnet die aktuelle Roadster aus München aus den Socken hauen? Unverkleidete Boxermodelle sind bei BMW seit 1923 im Angebot.

Das sagt der Hersteller: "Glauben Sie mir, die Roadster ist die schwierigste Übung von allen", sagt Edgar Heinrich, Chef von BMW Motorrad Design. "Einer ganz nackerten Maschine das besondere, unvergleichliche Etwas mitzugeben, ist nicht ganz ohne." Hat er mit seinem Team aber gut hingekriegt, und das sogar in drei Variationen.

BMW liefert das Ensemble Boxer, Fahrwerk, Sattel nicht nur in drei Farben, sondern auch in drei "Styles": Die Basisversion in Cordobablau kommt vergleichsweise bieder daher; Style 1 macht dagegen mit den Motorspoilern und der weiß-rot-schwarzen Kriegsbemalung auf sportliche Hose, während Style 2 in Thundergrey diejenigen bedient, die das elegante Understatement bevorzugen.

Allen drei Fahrzeugen ist gemein, dass die Kombination von traditionellem Boxermotor, versteckter Steuerungstechnik und modernem Design mit hohem Heck und gedrungener Front optisch gut funktioniert. Über gestalterische Details wie das etwas unorthodox angeflanschte Cockpit und das Alibi-Windschildchen lässt sich streiten.

Das ist uns aufgefallen: Erst bei der detaillierten Inaugenscheinnahme bemerkt man, dass die neue R 1200 R eine Abkehr vom bisher unumstößlichen bayerischen Technik-Katechismus darstellt. Höhepunkt der Häresie: Die bisherige Telelever-Frontaufhängung wurde einer schnöden Upside-Down-Teleskopgabel geopfert. Was ist da los in München, darf das sein?

Spätestens auf der freien Landstraße - wir haben im Hinterland von Benidorm getestet - verliert man die letzten Zweifel, ob das althergebrachte bayerische Boxerkonzept auch technisch noch zeitgemäß ist: Das flüssiggekühlte Aggregat in der R 1200 R ist eine hochmoderne Fahrmaschine. Der Zweizylinder hat nach 90 Jahren kontinuierlicher Entwicklung jegliches Seitenrütteln abgelegt; Vibrationen, die sich störend bemerkbar machen, kommen erst bei über 6500 Umdrehungen auf.

In diesen Drehzahlbereich stößt man in der Praxis allerdings selten vor; der Boxer mit 125 PS und 125 Nm, der so auch in der R 1200 GS und GS Adventure verbaut wird, liefert ab 2500 Umdrehungen bereits reichlich Dampf und Druck ab. Wer mit der Roadster als Cruiser durch die Landschaft zuckelt, braucht daher kaum zu schalten.

Wer es zügiger mag und sich gegen sportliche Mitfahrer wie etwa eine Ducati Monster locker behaupten will, kann auch auf die technischen und elektronischen Features der R 1200 R bauen: wahlweise abschaltbares ABS, vier Fahrmodi Road, Rain, Dynamic und User, Traktionskontrolle und Fahrwerksregelsystem Dynamic-ESA sind inzwischen bei BMW Motorrädern Standardangebote - wenn auch teilweise nur gegen Zuzahlung. Gegen Aufpreis bietet BMW auch den hochgelobten Schaltassistenten Pro an, an den man sich in der Tat nicht nur beim Hochschalten, sondern jetzt auch beim Runterschalten schnell gewöhnt.

State of the Art sind auch die Bremsen, die kräftig, aber sehr fein dosierbar zugreifen, und das Fahrwerk: Der Boxer wirkt im ersten Moment etwas störrisch, doch wenn der "Wasserbüffel" (O-Ton BMW) ins Laufen kommt, ist er erstaunlich behände. Enge Kurven, schnelle Passagen und schnelles Umlegen funktionieren phänomenal: Damit kommen wir zur Upside-Down-Teleskopgabel zurück, die der bisherigen Telelever-Dämpfung in nichts nachsteht. Im Gegenteil: Die Teleskop-Lösung gibt mehr Rückmeldung, reagiert in Verbindung mit ESA perfekt und sieht auch noch bei Weitem besser aus.

Das muss man wissen: Die Roadster vermarktet BMW gerne als Allrounder, denn sie hat durchaus Reisequalitäten. Für den Fahrer sind mehrere Sitzbankvarianten in Höhe und Härte vorhanden; der Soziussitz scheint auch für lange Strecken bequem. Koffer und Topcase sind im Angebot; auch höhere Windschilder.

Das sinnvolle Zubehör lässt zusammen mit den Style- und Elektronikpaketen den Grundpreis von 12.800 Euro für die R 1200 R allerdings nach oben schnellen: Für eine voll ausgestattete Reiseversion legt man um die 17.000 Euro auf den Tisch. Die meisten BMW-Kunden sind bereit, das zu zahlen.

Das werden wir nicht vergessen: Den Moment, als uns die Erinnerung an das Vorläufermodell, der guten alten Tante R 1200 R mit ihrem dicken Hintern, der gedrechselten Formensprache und dem ausladenden Telelever-Vorbau, überkam.

Wie haben wir uns damals, auf der Fahrt runter nach Garmisch zu den BMW Days, denn gefühlt? So wie man sich früher auf einer Boxer-BMW gefühlt hat: Alt. Ganz alt. Nicht zuletzt mit der neuen R 1200 R sind diese schlimmen Zeiten vorbei.



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radiogaga 08.02.2015
1. alte Leier
Es wird öde auf den Strassen, ausser weissblau sieht man fast nix mehr. Aber der Autor scheint wohl zum ersten Mal ein Motorrad gesehen zu haben, vor allem eins mit Allradantrieb (s. techn. Daten: Antrieb: Allrad)!
fort-perfect 08.02.2015
2. Die Front,
der Tacho und speziell die Scheinwerfergestaltung sind unter aller Kanone.... (die passende Bezeichnung habe ich aus Zensurgründen weggelassen). Dass die Bayern endlich eine Upside-Down Gabel verwenden, spricht doch noch für Lernfähigkeit. Und wer den Boxer mag, dürfte mit der aktuellen Version den Knaller schlechthin erwerben..... falls das Getriebe nicht wieder vorzeitig den Geist aufgibt..... Über Schönheit lässt sich bekanntlich nicht streiten, aber ein Blick zu den Italienern zeigt durchaus designtechnische Offenbarungen, kombiniert mit aktueller Technik, wobei sowohl in Italien als auch in Deutschland die aufgerufenen Preise jenseits von gut und böse liegen..... plus Extras versteht sich...
m.d._b 08.02.2015
3.
Schön das BMW an diesem Motorrad festhält. Eine Augenweide. Nur leider sehr hochpreisig
tsknl 08.02.2015
4. wenn da nicht diese Kupplung wäre...
Fahrwerk, Ausstattung und Motor der (ein bisschen) wassergekühlten BMWs lassen tatsächlich keine Wünsche unerfüllt. Anders sieht es leider mit der Kupplungs-Getriebeabstimmung aus. Ist man genötigt, beim Ampelstopp und betriebswarmem Motor einen Gang einzulegen, so ist einem die Aufmerksamkeit aller Passanten in 100 m Umkreis gewiss. Die exzessiven Schläge in den Schaltklauen begleiten den Fahrer gerne von 1-4. Ölkupplungen müssen die Berliner wohl noch lernen. Keinen Lernbedarf hat BMW hingegen beim Finden weichgespühlter Ausreden, wenn man diese Folklore schließlich als Mangel reklamiert.
herrdainersinne 08.02.2015
5. Alt gefühlt.....
"Wie haben wir uns damals, auf der Fahrt runter nach Garmisch zu den BMW Days, denn gefühlt? So wie man sich früher auf einer Boxer-BMW gefühlt hat: Alt. Ganz alt" ----------- Was daran liegt, das BMW-Fahter in 90% aller Fälle auch alt SIND ! - GANZ ALT ! :-)
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