Leasingverträge: BMW gibt seinen Autos nur 150.000 Kilometer

Von Rainer Klose

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Pflege: Ein Mitarbeiter einer BMW-Niederlassung putzt einen Motorblock

Ein deutsches Premium-Auto - ist das eine gute Investition? Ja, sagt die Werbung. Ja, sagt der Verkäufer. Ja, sagt der Gebrauchtwagenmarkt, der auch abgerittenen Exemplaren guten Restwert zubilligt. Nein, sagt BMW Leasing: Nach 150.000 Kilometern sind unsere Autos kaputt.

Stellen Sie sich vor, Sie kaufen einen BMW 3er. Drei bis vier Jahre lang bewegen Sie den Wagen, fahren damit 150.000 Kilometer, dann stellen Sie ihn ins Internet. Das gebrauchte Premium-Mobil wird dann noch zwischen 10.000 und 15.000 Euro wert sein - so viel wie ein nagelneuer Opel Corsa. Schön. So ist die Welt in Ordnung.

Stellen Sie sich vor, sie leasen einen BMW 3er, genau wie Herr S. aus Berlin. Leider ist ständig irgendwas mit dem Auto, es kratzt im Getriebe oder die Elektronik muckt. Herr S. will sich nicht länger ärgern und den Leasingvertrag auflösen. Und jetzt wird es interessant. Die Leasingfirma zickt. Gut 30.000 Kilometer zeigt der Tacho des zurückgegebenen BMW 320i, dafür, so ist es üblich bei Auflösung von Leasingverträgen, soll S. eine Abnutzungsentschädigung bezahlen, und zwar in Höhe von 8945 Euro.

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BMW 320d Efficient Dynamics Edition: Sparen im Dienst
Die Abnutzungsgebühr errechnet sich aus dem Listenpreis, der angenommenen Laufleistung eines Autos und dem Anteil, den der Fahrer davon sozusagen "abgenutzt" hat. Herr S. rechnet nach. 8945 Euro sind 20 Prozent des Listenpreises, aber da kann doch irgendwas nicht stimmen - dann würde ja BMW behaupten, dass das Auto gerade mal 150.000 Kilometer hält? S. hakt nach und die Leasingfirma bleibt dabei: Ja, nach 150.000 seien 100 Prozent der Fahrleistung erreicht und der Wagen nichts mehr wert.

Marketing im Wert von Milliarden - im Handstreich zunichtegemacht

Eine interessante Ansicht - vor allem, weil sie das exakte Gegenteil ist von dem, was man von BMW eigentlich erwarten würde. Seit Jahren mühen sich die Bayern, wie auch die Kollegen von Audi und Mercedes, den Käufern mit Milliarden Euro teuren Marketing-Gehirnwäschen das sogenannte Premiumsiegel einzubläuen.

Premium, das soll für allerhöchste Qualität stehen in einem hart umkämpften Markt, in dem selbst die noch vor wenigen Jahren als Blechbüchsen verspotteten Autos aus Korea inzwischen Volkswagen- (und damit letztlich auch fast Premium-) Standard erreicht haben. Nur mit Hilfe dieses mühsam aufgepumpten Begriffsgebildes können die selbsternannten Premium-Hersteller den Preisaufschlag gegenüber der Konkurrenz rechtfertigen. Die 150.000-Kilometer-Ansage der Leasingfirma könnte da ziemlich schnell die Luft rauslassen.

In gewisser Hinsicht hat BMW Glück, dass der Fall im Amtsgericht München bei einem Richter landet, der offenbar BMW-Fan ist. Von der soliden Bauart der bayerischen Wagen ist er fest überzeugt. Es "handelt sich um ein Fabrikat, das typischerweise (…) von guter und haltbarer Qualität ist", schreibt er in seiner Urteilsbegründung. Für einen aktuellen BMW 3er gehe die Rechtsprechung von 250.000 Kilometern Nutzungsmöglichkeit aus. "Das ist nach jahrzehntelanger Lebenserfahrung des erkennenden Richters (…) auch realistisch." BMW verliert also den Prozess: BMW Financial Services darf Herrn S. nur 12 Prozent des Listenpreises als Abnutzungsgebühr berechnen: 5367 Euro statt 8945 Euro für die 30.000 gefahrenen Kilometer.

BMW misst mit zweierlei Maß

Der Fall von S. ist kein Einzelfall. Denn die BMW Group misst offenbar systematisch mit zweierlei Maß - und schreibt der hauseigenen Leasingfirma BMW Financial Services in einem Schreiben, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, zwingend vor, das Auto nach 150.000 Kilometern abzuschreiben.

Das führt immer wieder zu verlorenen Prozessen: Etwa in Köln, 2007. Dort hatte man dem Besitzer eines geleasten BMW 330d einzureden versucht, der Wagen sei "übermäßig genutzt" worden und ebenfalls nach 150.000 Kilometern nichts mehr wert. Der Kölner Richter nahm kurzerhand die doppelte Laufleistung an: 300.000 Kilometer müsse ein 330d schon halten, bevor er in die Schrottpresse wandert. Diesen Spruch hatte auch Richter B. am Münchner Amtsgericht zu seiner Urteilsfindung herangezogen.

Wie lange also hält ein BMW nun wirklich? Konzernsprecher Bernhard Ederer ist die ganze Sache etwas unangenehm, aber er scheut sich nicht, klar Stellung zu beziehen. "Also, 150.000 km für einen Benziner ist deutlich zu wenig", sagt der Pressemann. "Und bei unseren Vierzylinder-Dieselmodellen sind Laufleistungen von mehr als 300.000 km möglich."

Nach welchen Vorgaben BMW seine Autos konstruiert, welche Laufleistungen für die einzelnen Teile angenommen werden, will Ederer aber nicht verraten. "Das Lastenheft für unsere Fahrzeuge veröffentlichen wir nicht." Dass es bei ihm im Konzern eine krasse Spreizung beim Bekenntnis zur Laufleistung eines BMW gibt, ist für ihn normal. "Auf der einen Seite stehen unsere Ingenieure, die von unseren Produkten überzeugt sind, auf der anderen Seite haben Sie den Finanzdienstleister - und dort hat man eben andere Zielsetzungen."

Und so bleibt am Ende eine beruhigende und eine beunruhigende Erkenntnis: Die Produkte der bayrischen Motorenwerke mögen tatsächlich "Premium" sein. Das Geschäftsgebaren der Firma ist es offensichtlich nicht.

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insgesamt 157 Beiträge
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1. Kein BMW Phänomen
spon-facebook-739528275 13.09.2012
Ich habe exakt dasselbe mit VW erlebt. Dort waren es 200.000km, die Zugrunde gelegt wurden. Das war aber auch vor der Finanzkrise.
2. Strandgut
hansmaus 13.09.2012
Och soweit hergeholt ist die Aussage von BMW Leasing nicht. Mir sind in den letzten Jahren immer mehr "Premioum" Fahrzeuge auf den Seitenstreifen deutscher Autobahnen aufegfallen. Sicher in die Pannenstatistik kommen die nicht da ein "Premiumhersteller" einen "Premiumpannenservice" bietet baer bemerkenswert ist ees schon das man diese Autos so oft mit warnblinkern ganz rechts stehen sieht.
3. Bmw?
der_namenslose 13.09.2012
Bleib Mir Weg Bring Mich Werkstatt Bei Mercedes Weggeschmissen ... Also, ganz platt, ein moderner Diesel sollte im Langstreckeneinsatz weit über 300.000 km halten. Es gibt genug Taxis (und die werden misshandelt!) die mit ner halben Million km noch laufen. Das Gebahren der BMW-Bank ist eifach ne Frechheit.
4. So ganz von...
infernoxx 13.09.2012
der Hand zu weisen sind die 150.000 km Laufleistung nicht. Habe zwei BMW (3er und 5er) gefahren. Beide fingen nach 4 Jahren an sich rundzuerneuern. Ziemlich kostspielig! Da gab es nur eins: den Hersteller wechseln!
5. Geplante Adoleszenz
Christiane Schneider 13.09.2012
Zitat von sysopdapdEin deutsches Premium-Auto - ist das eine gute Investition? Ja, sagt die Werbung. Ja, sagt der Verkäufer. Ja, sagt der Gebrauchtwagenmarkt, der auch abgerittenen Exemplaren guten Restwert zubilligt. Nein, sagt BMW Leasing: Nach 150.000 Kilometern sind unsere Autos kaputt. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,855355,00.html
Geplante Adoleszenz Das ist das Stichwort von dem ich mich frage warum der Autor es nicht mal erwähnt!!!!!!! Ein altes Thema, das den Konsumenten zum Neukauf zwingt! Der Abstand zu den Billigprodukten wird immer geringer und es lohnt sich mehr zwei billige Autos zu kaufen als ein teueres Premium. Die Autos werden heute auch so gebaut, das man kaum noch slebst reparieren kann, sehr unfreundlich und teuer.
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