Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

BMW und Ducati in China: "Das läuft hier anders"

Von

BMW und Ducati in China: Aufschwung Ost Fotos
Jochen Vorfelder

Wie ein schlafender Riese liegt der chinesische Markt vor den Motorrad-Luxusmarken Ducati und BMW. Beide wollen ihn zum Leben erwecken, ihn anzapfen, reich in ihm werden - allerdings mit vollkommen unterschiedlichen Ansätzen.

Wer in China etwas auf sich hält, kauft deutsch. Wer ganz viel auf sich hält, kauft "Bao Ma". Klingt wie ein genuscheltes "Baumarkt", bedeutet "wertvolles Pferd" und ist auf Mandarin die lautmalerische Umschreibung für den Namen BMW. Kein Wunder also, dass auf der diesjährigen Shanghai Motorshow, der wichtigsten Automobilmesse Asiens, die Verkaufslandschaften deutscher Automobilhersteller prall bestückt und regelrecht überlaufen waren.

Was besonders auffiel: Die wichtigste Fläche auf dem BMW-Messestand, jene Quadratmeter, über die sich die Ausstellungsdesigner wochenlang den Kopf zerbrechen, war exklusiv für vier Motorräder reserviert.

BMW, der Hersteller, der im Jahr 2014 rund 450.000 Automobile und damit etwa ein Fünftel seines weltweiten Absatzes in China verkaufte, nahm in Shanghai seine Markenfans mit einem Supersportler S1000RR, dem Retrobike R nineT, einer kleinen Enduro F 800 GS und dem klassischen Roadster R 1200 R in Empfang.

Ein Markt mit gigantischem Potenzial

Peter Schwarzenbauer, zuständiges Vorstandsmitglied der BMW AG für den Bereich Motorrad, erklärt das so: "Wir haben in China einen bisher vernachlässigten Markt, ein riesiges Potenzial in den kommenden Jahren. Wir waren 2014 schon mit Motorrädern auf der Messe in Peking, aber seit diesem Jahr steigen wir richtig ein." Schwarzenbauer muss liefern: Vor wenigen Tagen hat er die 200/20-Strategie verkündet: BMW Motorrad will im Jahr 2020 mindestens 200.000 Motorräder verkaufen, ein Viertel mehr als bisher.

Dimitris Rapsis soll für BMW Motorrad das China-Geschäft ankurbeln. Der Grieche leitet die Niederlassung in dem Riesenreich, aber hat bisher nur sechs Händler in Peking, Chengdu und Shanghai. Die verkauften 2014 insgesamt lediglich 1500 Maschinen, hauptsächlich Boxer, allen voran die große 1200 GS, und viele K 1600 Tourer. Noch 2015 sollen auch die ersten Elektroroller ins Angebot kommen.

Geld kauft Marke

BMW setzt auf Einzelsortimente: Keiner von Rapsis Motorrad-Dealern ist auch BMW Automobil-Händler. "Das läuft hier in China anders", sagt Rapsis. "Den klassischen Motorrad-Meister, der über seine Bank finanziert und eine Niederlassung eröffnet, oder den Autohändler, der sein BMW-Portfolio um Motorrad erweitert, die gibt es hier nicht. Stattdessen gibt es hier Investoren."

Mit einem dieser zu Geld gekommenen Chinesen arbeitet im BMW-Motorrad-Center Shanghai der Belgier David Doutrelugne zusammen; der Belgier macht, der Investor hält sich aus dem Alltagsgeschäft raus. Das Center, angeschlossen sind Räume für den eigenen Biker-Klub, ist bestens ausgerüstet: voller BMW-Showroom, hochwertige Bekleidung und eine penibel saubere Werkstatt. Doutrelugne ist schon lange im Geschäft und hat die handverlesenen Monteure persönlich angelernt: "Unser Service stimmt. Es ist eher so, dass wir die Kunden anhalten müssen, ihre Maschinen zur Inspektion zu geben. Chinesen, vor allem gut betuchte, sind da manchmal etwas nachlässig."

Doutrelugnes Niederlassung hat 2014 knapp 400 Motorräder verkauft. "Mehr als zwei Drittel waren GS-Modelle, meist natürlich mit allem Zubehör, was möglich ist. Die Käufer wollen in der Regel exakt das, was ihre Freunde fahren." Doutrelugne zeigt auf einen voll ausgerüsteten K 1600-Sechszylinder-Tourer im Schaufenster. "Die ist auch verkauft, steht aber seit sechs Monaten hier. Der Käufer will den Führerschein machen, aber ich habe schon lange nichts mehr von ihm gehört." Das verblüfft; eine mit allem Schnickschnack ausgestattete K 1600 kostet in China um die 350.000 Yuan, also rund 50.000 Euro.

Eine Motorradniederlassung als Geburtstagsgeschenk

Als Luxusspielzeug - oder als "Authentic Premium Products" in den Worten von Vorstand Peter Schwarzenbauer - betrachtet auch Herr Gao Motorräder. Herr Gao zählt junge 32 Jahre, hat durch die Belieferung des Großraums Shanghai mit filetierten Enten unzählige Millionen verdient, und ist leidenschaftlicher Motorradfahrer.

Im Frühjahr dieses Jahres hat er sich zum Geburtstag selbst ein Geschenk gemacht: eine BMW Motorrad-Niederlassung, angesiedelt in einem Luxus-Shoppingcenter in einer Shanghaier Trabantenstadt in der Nachbarschaft von Lagerfeld- und Gucci-Outlets.

Herr Gao spricht leider kein Wort Englisch, aber lässt durch seinen Übersetzer ausrichten: "Im Moment ist das hier noch nicht rentabel, aber ich möchte noch eine ganze Reihe von Läden eröffnen. Teure Motorräder sind die Zukunft." Herr Gao möchte in den kommenden Jahren pro Jahr mehr als Tausend Motorräder losschlagen - das passt zu den Plänen von BMW Motorrad, im Land der Mitte möglichst zügig hohe fünfstellige Bike-Verkaufszahlen zu erreichen.

Audi könnte seine Tochter Ducati mehr lieben


An eine Zukunft in China glaubt auch Ducati. Zur Shanghai Motorshow war die gesamte Firmenspitze inklusive des Chefs Claudio Domenicali aus Bologna angereist, um ein ausgiebiges Programm zu absolvieren: Neben der Messe und langen Gesprächen mit dem bisherigen Exklusiv-Importeur Jet Sky Development stand auch ein Besuch beim BMW-Motorrad-Center Shanghai an: Anschauungsunterricht.

Inzwischen allerdings haben sich die Italiener gegen das Niederlassungskonzept von BMW, also die Trennung von Automobil und Motorrad, und für eine Shop-in-Shop-Lösung entschieden: Ducatis Mutter Audi aus Ingolstadt übernimmt ab Anfang 2016 Import, Vertrieb und Verkauf von Supersportlern, den Reiseenduros, den Monster-Modellen und der Scrambler aus Bologna. Die Infrastruktur inklusive ausgebildetem Fachpersonal und Werkstätten soll zügig auf der Basis von Audis China-Know-how aufgebaut werden.

Die China-Connection ist der erste sichtbare Berührungspunkt, an dem der italienische Motorradhersteller und der bayerische Autobauer versuchen, ohne größere Reibungen enger zusammenzuwachsen. Ingolstadt und Bologna, da prallen allerdings große Egos aufeinander. Claudio Domenicali sagt offiziell hoffnungsfroh: "Wir sind stolz, dass wir von Audis langjähriger Erfahrung vor Ort profitieren können." Und der neue China-Chef von Ducati, Marco Elli, fügt an: "Die neue Struktur unter Audi hilft uns, unsere Premium-Position zu festigen."

Zugeknöpft gibt sich Ducati bei der Frage, wie viele Motorräder man konkret in den nächsten Jahren in China verkaufen will. Vermutlich kann es nur besser werden; genauso übrigens wie das Engagement von Audi. Im Sommer, auf der Shanghai Motorshow, hatten die Ingolstädter ihre Motorradmarke zwar als Gast am Stand, aber gut versteckt: Zur Eröffnung der Show parkte am hintersten Ende der Audi-Fläche eine einzige kleine Ducati Hypermotard. Keine aktuelle Multistrada, keine bullige Diavel, keine elegante Panigale, kein Italo-Bestseller. Ducati-Mann Claudio Domenicali soll das gar nicht gefallen haben.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
silenced 22.12.2015
Ich glaube langfristig hat Ducati die besseren Chancen, es sei denn BMW bietet auf dem chinesischen Markt seine Modelle ohne die Kinderkrankheiten welche diese auf dem hiesigen Markt immer wieder haben. Wobei, ich bezweifle, daß ein Chinese ein BMW Motorrad länger als drei Jahre fährt, da ist es dann schon wieder egal.
2. Stimmt
audiotom 22.12.2015
Ducati ist ja seit jeher für seine Zuverlässigkeit bekannt.
3. @audiotom
cindy2009 22.12.2015
Eigene Erfahrung, oder typisches Mopped-Gesabber?
4. Aus Sicht der Anbieter
harleyfahn 22.12.2015
BMW und Ducati ist China selbstverständlich ein potentiell extrem erfolgreicher Markt. Die vom Roller aufgestiegenen chinesischen Biker kaufen halt alles, was ihnen vor die Flinte kommt. Hoffentlich dauert es noch etwas länger, bis auch jeder neureiche chinesische "Zahnwalt" auf eine Harley umsattelt.
5. Ironie
hamburghafen81 22.12.2015
war doch ironisch gemeint :-)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Facebook

Zum Autor
Jochen Vorfelder ist passionierter Motorradfahrer. Er berichtet seit Jahren über die Bike-Szene und betreibt das Blog Moto1203. In der Rubrik Schräglage berichtet er für SPIEGEL ONLINE regelmäßig über die neuesten Zweirad-Entwicklungen. Alle bisher erschienen Schräglage-Folgen

Jochen Vorfelder auf Facebook folgen


Aktuelles zu