Boom der Oldtimer-Branche: Die Jagd nach dem Garagengold

Von Jürgen Pander

Einst war Oldtimer-Liebhaberei ein öliges Hobby, heute ist sie ein riesiges Geschäft. Bei den großen Altauto-Messen Techno Classica und Retro Classics mischen deshalb auch die Autokonzerne mit: Für sie wirkt das Altmetall wie ein Jungbrunnen.

Boom der Oldtimer-Szene: Wertstoff Altmetall Fotos
Porsche

In der Oldtimer-Branche herrscht Goldgräberstimmung. Ein gut erhaltener VW Käfer, der vor zehn Jahren noch für schlappe 2500 Euro zu haben war, kostet inzwischen 15.000 Euro. Und wer für diesen Wagen einen Gleichstrom-Generatorregler benötigt, muss sich nicht mehr mühsam durch den Kleinanzeigenteil von Club-Postillen kämpfen, sondern kann das Teil ganz einfach bestellen. Neu. Bei Bosch. 2005 gründete der Autozulieferer eine Klassiksparte. Die hält inzwischen mehr als 50.000 Ersatzteile für alte Fahrzeuge bereit. Das Beispiel zeigt: Mit fahrendem Altmetall lassen sich glänzende Geschäfte machen - und entsprechend groß ist der Markt.

Der Oldtimer-Weltverband FIVA (Fédération International des Véhicules Anciens) spricht von einem Jahresumsatz der Branche von 16 Milliarden Euro weltweit, auf Deutschland entfallen davon etwa 6 Milliarden Euro. "In dieser schnelllebigen Zeit ist es wichtig für die Menschen, nach alten, vertrauten Dingen zu greifen. Es geht um den 'Weißt-Du-noch?'-Faktor", erklärt FIVA-Sprecher Johannes Hübner die Faszination für die ollen Kamellen.

Der Witz ist: Längst profitieren nicht mehr nur Teilehändler und Restaurationsbetriebe vom Altmetall-Boom. Wer an diesem Wochenende eine der beiden Oldtimer-Großveranstaltungen besucht, kann sich davon ein Bild machen. Bei der Techno Classica in Essen und bei den Retro Classics in Stuttgart (jeweils 22. bis 25. März) bestimmen nämlich neben den 1200 eher kleineren Ausstellern vor allem die Klassik-Abteilungen der großen Autohersteller das Erscheinungsbild.

Selige Erinnerung gegen den Ansturm aus Asien

Der VW-Konzern beispielsweise hat in Essen gleich die komplette Halle 7 gemietet, wo die einzelnen Marken des Konzerns auf mehr als 7300 Quadratmetern Dutzende Kostbarkeiten aus ihren Werksmuseen zeigen. VW etwa stellt mehrere Rallye-Rennwagen aus alten Tagen aus, um zu beweisen, dass die Marke schon immer eine große Nummer im Vollgaszirkus war. So erhält der nagelneue VW Polo WRC, mit dem die Wolfsburger ab dem kommenden Jahr in der Rallyeweltmeisterschaft mitmischen wollen und der auch in Essen steht, seine historische Legitimation. Darüber hinaus wird das bodenständig-biedere VW-Image auf Rasanz getrimmt.

"Bei diesen Auftritten geht es darum, unsere Geschichte und Kontinuität als Autohersteller glaubhaft rüberzubringen. Gerade auch mit Blick auf die Wettbewerber aus Asien", sagt Eberhard Kittler, Sprecher der VW-Klassiksparte. Was er sagen will, ist: Angesichts der Tatsache, dass der Vorsprung der europäischen Hersteller in Sachen Verarbeitungsqualität gegenüber asiatischen Firmen dahinschmilzt und auch das Design der meisten Serienfahrzeuge immer austauschbarer geworden ist, braucht man irgendwas, um die Marke emotional aufzuladen, irgendeinen Grund, warum der Kunde zum eigenen Produkt greifen soll - und sei es nur die selige Erinnerung.

Fachkenntnisse sind nicht mehr nötig - es geht auch mit Geld

Interessant ist für die Autohersteller das Inszenieren der eigenen Firmengeschichte gerade deshalb, weil die Oldtimer-Szene längst die oft etwas muffig anmutenden Liebhaberzirkel verlassen hat. Es ist cool, eine alte Karre zu fahren. Und vor allem ist es problemlos geworden. Wer selber Hand anlegen will, findet durch das Internet spielend Zugang zu Fachwissen, das früher von den Clubs beschützt wurde wie ein Staatsgeheimnis. Und wer sich dafür zu schade ist und über das nötige Kleingeld verfügt, lässt eben schrauben. Jeder Service, den es für Neuwagen gibt, wird inzwischen auch für Oldtimer angeboten. Das hat Folgen: "Auf der Techno Classica tummeln sich immer mehr jüngere Leute und vor allem auch Frauen, die erkennbar Wert auf Ästhetik und Eleganz legen", sagt Kittler.

Dazu kommt eine immer größere Zahl von Menschen, die ein altes Auto nicht nur aus nostalgischen oder optischen Gründen kaufen, sondern als Geldanlage. "Die Leute flüchten zuhauf ins Garagengold", sagt Matthias Gerst, Oldtimer-Experte beim TÜV-Süd. Er kenne viele Kunden, die neuerdings ihr Erspartes in ein klassisches Auto stecken. Nach dem Motto: Da habe ich dann auch noch was Schönes für den Sonntagsausflug. "Weil die Preise für alte Fahrzeuge in England, in den USA und auch in Japan für deutsche Kunden derzeit vergleichsweise günstig sind, nimmt der Zufluss an klassischen Modellen aus diesen Regionen zu."

Selbst wer lieber einen Neuwagen fährt, kann vom Andrang auf die rollenden Raritäten profitieren. Seit einigen Jahren gibt es sogenannte Oldtimer-Fonds. Der "Classic Cars Fonds Nr. 1" etwa verspricht nach elf Jahren Laufzeit eine Ausschüttung von 209 Prozent. Generell erzielten Oldtimer in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt fünf bis sechs Prozent Rendite pro Jahr, doch natürlich hängt der Wertzuwachs entscheidend von der Marke und dem Modell ab.

"Ich sage das ungern, aber klassische Ferrari, Mercedes-Cabriolets oder Jaguar sind inzwischen zu Spekulationsobjekten verkommen. Mit Liebhaberei hat der Erwerb solcher Autos meist nichts mehr zu tun", sagt TÜV-Mann Gerst. Der Oldtimer-Sammler empfiehlt Einsteigern mit Blick auf ein ebenso lustvolles wie sicheres Investment vor allem sportliche Modelle: "Ford Capri, Opel Manta oder Audi Sport Quattro sind Autos, deren Wert in den kommenden Jahren vermutlich steigen wird."

Mitarbeit: Christian Frahm

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insgesamt 36 Beiträge
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1. Geplänkel?
tommahawk 22.03.2012
Ist das Geplänkel, dass beide Oldtimermessen zum exakt gleichen Zeitpunkt stattfinden, weil keiner dem anderen die Besucher gönnt? Wie kleinkariert! Oldtimer sind Lifestyle und Geldanlage, sofern man sich für das richtige Fahrzeug entscheidet. Der Markt ist überhitzt, weil viele Menschen um den Wert ihrer Euros fürchten. Das kann sich schnell wieder ändern, muss aber nicht. Es ist besser, sein Geld mit einem schicken Oldie in der Garage zu verbraten als mit einem schnöden Aktienpaket, nicht?
2. Wie immer!
SirLurchi 22.03.2012
Zitat von sysopEinst war Oldtimer-Liebhaberei ein öliges Hobby, heute ist sie ein riesiges Geschäft. Bei den großen Altauto-Messen Techno Classica und Retro Classics mischen deshalb auch die Autokonzerne mit: Für sie wirkt das Altmetall wie ein Jungbrunnen. Boom der Oldtimer-Branche: Je oller, desto doller - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Auto (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,822574,00.html)
Und wie immer macht die Gier der Menschen ein wirklich schönes und sehr befriedigendes Hobby kaputt! Ich bin nur froh, dass all diese Spekulanten und "Zahnwälte", die von nix eine Ahnung haben, es niemals in die echten Zirkel von Liebhabern klassischer Fahrzeuge (ob nun 2- oder 4-Rad) schaffen werden. Solche Deppen erkennt man gleich in den ersten 3 - 4 Sätzen - Gott sei Dank!
3. Konzerne
SirLurchi 22.03.2012
Zitat von sysopEinst war Oldtimer-Liebhaberei ein öliges Hobby, heute ist sie ein riesiges Geschäft. Bei den großen Altauto-Messen Techno Classica und Retro Classics mischen deshalb auch die Autokonzerne mit: Für sie wirkt das Altmetall wie ein Jungbrunnen. Boom der Oldtimer-Branche: Je oller, desto doller - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Auto (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,822574,00.html)
Was die neuerdings vorherrschende Begeisterung der Konzerne betrifft: Die können mich mal! Jahrzehntelang wurde man bei Nachfragen nach bestimmten techn. Details nur verarscht, erhielt nicht mal eine Kopie eines Schaltplanes oder auch nur die RAL der Originallackierung und jetzt kommen sie angekrochen und wollen mein Geld!
4. Sonderangebot! Nur Heute!
tradtke 22.03.2012
Wir haben heute Donnerstag, den 22 März 2012. Jeder, der mir heute bis 18:00 Uhr MEZ 10 €uronen in die Hand gibt darf mich mal am Arsch lecken. Ich garantiere, dass die selbe Dienstleistung meinerseits am 30.12.2023 genau 1000 € kosten wird. Um hier keine weitere Werbung zu betreiben, wenden Sie sich bei Interesse bitte an den Finanzberater Ihres Vertrauens. Aber schnell, die Option endet heute, 18:00 MEZ. Die ersten 10 Schnellbucher dürfen mir sogar den Buckel runter rutschen. Also ran an die Telefone JETZT: 009000000/555555
5. Schon lange
rennflosse 22.03.2012
Zitat von sysopEinst war Oldtimer-Liebhaberei ein öliges Hobby, heute ist sie ein riesiges Geschäft. Bei den großen Altauto-Messen Techno Classica und Retro Classics mischen deshalb auch die Autokonzerne mit: Für sie wirkt das Altmetall wie ein Jungbrunnen. Boom der Oldtimer-Branche: Der Oller-Kurs steigt - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Auto (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,822574,00.html)
Den Oldtimerboom gibt es schon seit mindestens zwanzig Jahren. Damals wurde schon mit Raritäten spekuliert, dass sich die Balken bogen, regelmäßige Veranstaltungen sorgten für Aufmersamkeit. Mangels Nachschub weichen die Spekulanten nun auch auf andere Autos aus, die im Schatten der unvermeidlichen Flügeltürer und 540K noch billig zu haben waren. Autos, nach denen sich zu ihrer Zeit keiner umdrehte, werden nun auch zu Objekten der Begierde. Immer noch sind Autos wie der Ford 12M P6 preiswert zu bekommen. Oder der Fiat 1100. Beim Mercedes Ponton sieht das schon anders aus und an einen 170 V oder 170 S ist nur unter Aufbringung erhebicher finanzieller Mittel heran zu kommen. Selbstmördertüren = Selbstmörderpreise. Ich sehe das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Der normale Old- oder Youngtimerfan wird auf der Strecke bleiben, wenn er nicht das nötige Kapital locker machen kann. Die Ästhetik von Fahrzeugen bis (sagen wir) 1990 ist aus heutiger Sicht unübertrefflich und selbst was damals hässlich erschien, erscheint heute zeitlos schön gegenüber dem, was die Automobilindustrie heute heraus haut, egal ob aus Japan oder Europa. Sehen eh alle gleich aus. Vor allem die Japanisierung europäischer Fahrzeuge nimmt erschreckende Formen an. Wer kann schon einen Opel aus 20 Metern Entfernung von einem Japaner unterscheiden?
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