Der McLaren F1 war die Trumpfkarte in jedem Autoquartett. Kein Sportwagen war seinerzeit schneller, teurer oder exklusiver. Jetzt, 20 Jahre nach Debüt des englischen Extremsportlers, kehrt die britische Sportwagenmarke mit einem außergewöhnlichen Modell auf die Überholspur zurück: dem P1. Nachdem McLaren mit dem Vollgasgerät 12C bereits erfolgreich gegen Porsche 911 und Ferrari Italia antritt, soll der weitaus extremere P1 die Bugattis, Paganis und Lamborghinis dieser Welt in die Schranken weisen.
Dabei setzt McLaren nicht nur auf schiere Kraft, sondern vor allem auf Know-how aus der Formel 1. "Die Form ist nicht allein eine Sache des Designs, sondern die meiste Zeit waren wir mit dem Modell im Windkanal", sagt Projektleiter Paul McKenzie. Die weitgehend in einem Stück geformte Karbonzelle ist deshalb so verkleidet, dass die Luft besonders sauber über und durch das Fahrzeug gleitet. Der Motorraum hinter den Sitzen zum Beispiel wird durch einen Schnorchel auf dem Dach belüftet sowie durch zwei Kanäle, die unterhalb der Türen beginnen und deshalb nicht von Turbulenzen aus den Radhäusern beeinträchtig werden. Die heiße Abluft wiederum entweicht durch die beiden Öffnungen in die Fronthaube, und zwar exakt so, dass sie am Frischluftschnorchel vorbei geführt wird.
"Aber wir müssen die Luft ja nicht nur zum Verbrennen und Kühlen nutzen, sondern auch für den Abtrieb", sagt McKenzie und zeigt auf den riesigen Spoiler am Heck. Wie beim aktuellen Formel-1-Modell handelt es sich um einen Doppelflügel, der jedoch beweglich ist - eine Eigenschaft, die das Renn-Reglement nicht zulässt. Beim P1 fährt der Spoiler also erst bei höherem Tempo aus, ragt dann aber bis zu 30 Zentimeter über dem Heck empor. Und im Diffusor unter dem Wagenboden gibt es bewegliche Klappen, die im Zusammenspiel mit dem Flügel für maximalen Anpressdruck sorgen. Genau wie in der Formel 1 lässt sich die sogenannte Downforce allerdings auch auf Knopfdruck wieder abstellen. Drag Reduction System (DRS) heißt die Technologie, mittels der die Neigung des Flügels geändert wird und der P1 ohne störenden Widerstand noch stärker beschleunigen soll.
Der Motor bleibt bis auf weiteres ein Geheimnis
So gern McKenzie über den P1 spricht, so wenig hat er bislang zu sagen. "Über den Antrieb reden wir erst nächstes Jahr, wenn wir näher an der Markteinführung sind", bügelt er Fragen zum Motor kategorisch ab. Ein Zwölfzylinder wie damals beim F1, der mit einem bis zu 680 PS starken und 6,1 Liter großen BMW-Triebwerk ausgerüstet war? Der V8-Motor aus dem 12C mit mehr als den bisherigen 600 PS? Oder das kinetische Hybridsystem KERS aus der Formel 1, bei dem ein Elektromotor kurzzeitig für zusätzliche Power sorgt? "No comment." Auch die 900 bis 950 PS, die im Internet für den P1 kursieren, quittiert er nur mit einem Schulterzucken. Und ob das Auto jetzt 350, 380 oder gar 400 km/h schnell sein wird, dürfte wohl auch erst beim nächsten P1-Auftritt auf dem Automobilsalon in Genf im März bekannt werden.
"Die Geschwindigkeit allein hat für uns auch nicht die oberste Priorität. Wir wollen uns nicht im Autoquartett mit Fahrzeugen wie dem Bugatti Veyron messen", sagt McKenzie, "sondern auf den Straßen und Rennstrecken dieser Welt." Dort soll der neue McLaren die Bestmarken setzen, am leichtesten und schnellsten zu fahren sein und die besten Rundenzeiten erzielen. Diesen Anspruch trage das Auto schon im Namen. "P1 steht für Pole Position. Und die bekommt nur der Schnellste im Feld." Aber das sei nicht der einzige Grund für das Kürzel, sagt der Cheftechniker. "P1 war auch der Projektcode, unter dem wir in den neunziger Jahren den F1 entwickelt haben."
Zwar steht der neue Supersportwagen in der Tradition des legendären Renners, doch viel mehr als eine Inspirationsquelle war das Auto nicht. Die Parallelen halten sich - bis auf die Linienführung und den Schnorchel im Dach - in Grenzen. Nicht nur der Motor wird wohl ein anderer sein, sondern auch die Sitzordnung. Beim F1 saß der Fahrer vorn in der Mitte, die beiden Passagiere etwas versetzt dahinter; beim P1 sind die Insassen platziert wie in jedem anderen Coupé auch.
500 der Superrenner will McLaren weltweit verkaufen
Auch das neue Geschäftsmodell unterscheidet sich grundlegend vom alten: Der F1 wurde zu Preisen ab etwa 1,5 Millionen Mark verkauft, 106 Exemplare fanden damals einen Abnehmer. Ziemlich teuer wird der P1 mit dem Preis von geschätzt rund einer Million Euro ebenfalls, doch die Stückzahlen sollen diesmal deutlich höher liegen. "Wir planen eine Auflage von 500 Autos", sagt McKenzie.
Der Auftritt auf dem Pariser Autosalon ist groß, die Resonanz bei den potentiellen Kunden angeblich gewaltig. Ein Detail jedoch stört das makellose Bild: Exakt an der Stelle in Halle 5, wo sich jetzt der McLaren-Messestand befindet und alles nur so birst vor Optimismus, gastierte vor zwei Jahren Lotus und rief geradezu eine Revolution im eigenen Unternehmen aus. Wie man weiß, ging das schief, sogar die Produktion stockte zwischenzeitlich. Und in Paris ist Lotus in diesem Jahr gar nicht erst vertreten.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Auto | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Pariser Autosalon | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH