Brompton-WM in England Kraftakt auf dem Klapprad

Anzug, Krawatte, Klapprad - bei Oxford haben 750 Begeisterte um den Titel des weltschnellsten Bürohengstes gekämpft. Der Marketing-Gag des Fahrradherstellers Brompton hat inzwischen Kultcharakter. Carsten Volkery hat sich der Elite gestellt.

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Sonntagmittag, eine Minute vor zwölf, das Signal aus der Fußballtröte ertönt, und der Wahnsinn geht los. "Bitte nicht zu den Rädern rennen, die Zeit wird erst ab der Startlinie gemessen", hatte der Veranstalter den Teilnehmern vorher noch eingeschärft. Doch natürlich rennen alle, man will ja nicht als Letzter allein dastehen und sein Fahrrad aufbauen.

Massenstart bei der Brompton World Championship, der Weltmeisterschaft der Klappradfahrer. Hunderte kurzbehoste Männer und Frauen, alle mit Schlips und Anzugjacke bekleidet, stürzen zu den kleinen Paketen aus Röhren, Speichen und Pedalen, die auf dem gepflegten Rasen des Blenheim Palace stehen und entfaltet werden wollen.

Winston Churchill hätte seine helle Freude an dem Spektakel in seinem Garten gehabt. Der britische Weltkriegs-Premierminister, der auf dem Anwesen in der Grafschaft Oxfordshire geboren wurde, lebte zwar nach dem Motto "Sport ist Mord", hatte aber ein großes Faible für Exzentriker.

Auf die Garderobe kommt es an

750 Klapprad-Fans haben sich dieses Jahr auf den Weg zum idyllisch gelegenen Blenheim Palace gemacht. Die Regeln schreiben Anzugjacke und Krawatte vor, doch wer etwas auf sich hält - und Beifall von den Zuschauern haben will -, macht sich Mühe mit seiner Garderobe. Ein französisches Pärchen fährt im Engelskostüm ("Die Flügel sind unsere Spoiler"), zwei Belgier haben sich als Piraten verkleidet - komplett mit Papagei auf dem Lenker. Der Brite Patrick Carr ist im weißen Safari-Anzug unterwegs, andere mögen es schrill: Türkis, knallrot oder quietschgelb, es ist wie beim Karneval.

Ich habe die Startnummer 633 und bin in der vorletzten Gruppe, die losrennen darf. Die Firma Brompton hat mir ein Rad in den britischen Nationalfarben rot-weiß-blau geliehen, zwei Gänge, Sportlenker. Ich habe das Aufklappen vor dem Rennen ein paar Mal geübt, aber nun stehe ich da mit roten Ohren: Wie ging das noch gleich? Um mich herum leert sich das Startfeld, schließlich erbarmt sich ein Helfer - "Erst hier, dann diesen Hebel" - und ich bin auf der Bahn.

"Wer hinten startet, kann umso mehr Leute überholen", hatte ein Arzt aus Bristol im breit gestreiften Jackett uns vor dem Start getröstet. "Gut für die Motivation". Und tatsächlich, wir rollen das Feld von hinten auf. 6,5 Kilometer lang ist der Rundkurs durch den weitläufigen Park, gefahren werden zwei Runden. Die Route führt über Hügel, die nur auf den ersten Blick sanft erscheinen. Auf Warnschildern steht: "Achtung, rasende Radfahrer". Michael Hutchinson schafft es in diesem Jahr mit 21 Minuten und 15 Sekunden auf Platz eins.

Luftwiderstand ist nicht alles

Als einen der ersten lasse ich Charlie Williams hinter mir. Der 17-jährige Londoner hat sich einen hoch aufragenden Helm in Form des Londoner Wahrzeichens Big Ben gebastelt. "Der wird an einem Ast hängenbleiben", hatte einer beim Start geunkt. Doch Luftwiderstand ist nicht alles bei der Brompton-WM. Nicht nur der Schnellste bekommt einen Preis - ein nagelneues Brompton -, sondern auch der am Besten Gekleidete. Und Charlie zieht alle Blicke auf sich. Eine Woche habe er an seinem Outfit gebastelt, sagt er.

Eine Frau in hochhackigen roten Schuhen strampelt wild, doch beim nächsten Anstieg ziehe ich an ihr vorbei. Weiter vorn leuchten die Oranje-Kniestrümpfe von Fokko Bakker in der Sonne. Mit seinen Holzschuhen rutscht er immer wieder von den Pedalen ab. Der 64-jährige Holländer ist zum vierten Mal bei der WM dabei. Er hat 12 Gänge, wie er stolz berichtet. Normalerweise haben Bromptons 1, 2, 3 oder 6 Gänge, aber für 500 Euro rüstet eine Schweizer Firma das Klapprad mit einem sogenannten Berggang auf. Vor drei Jahren hatte Bakker den Rundkurs noch in 33 Minuten geschafft, dieses Mal braucht er über 40 Minuten. Aber das ist ihm egal. "Es macht einfach so viel Spaß", sagt er.

Im Ziel wird Afternoon-Tea serviert

Ein Wettrennen für Klappradfahrer, das klingt nach einer dieser Ideen, die beim Bier im englischen Pub geboren werden. Wurde sie aber nicht. Erfunden wurde die WM in Barcelona von einem Marketing-Manager. Der spanische Importeur der Brompton-Räder suchte nach etwas Besonderem, um die Spanier davon zu überzeugen, dass auch ein Klapprad eine Hochleistungsmaschine sein kann.

Nachdem die Teilnehmerzahl in Barcelona sich im zweiten Jahr verdoppelt hatte, wurde die Brompton-Zentrale in London aufmerksam - und lud zur ersten Weltmeisterschaft auf englischem Boden. Das war 2008. Seitdem wird das Ereignis jedes Jahr größer und heizt den Brompton-Kult noch an. Der Umsatz der Firma wächst jährlich um 25 Prozent, dieses Jahr peilt sie 35.000 Räder an. In englischen Vorortzügen sind die 699 Pfund teuren Räder längst ein Statussymbol.

Nach dem Rennen gibt es Afternoon-Tea, stilecht mit kleinen Sandwichs und Scones. Eine Jazzband spielt. Stolz schieben die Besitzer ihre "Brommies" über die Wiese und lassen sich in ihren Aufmachungen fotografieren. "Es ist wie eine Elvis-Convention", sagt Will Butler-Adams, der jugendliche Firmenchef, der selbst auch beim Rennen mitfährt. "Normalerweise wird man mit dem Klapprad immer komisch angeguckt. Hier sind wir unter uns".

Nachtrag: Die Ergebnisse wurden zwei Tage nach dem Rennen veröffentlicht. Unser Autor landete mit einer Zeit von 31 Minuten und 56 Sekunden auf Platz 351.



insgesamt 8 Beiträge
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Eva K, 22.08.2011
1. Eine Falte ist keine Klappe
Das ist schon peinlich, wenn der Autor des Artikels nicht einmal weiß, daß das Brompton ein leistungsfähiges Faltrad ist und kein klappriges Klapprad.
Ööcher 22.08.2011
2. :-)
Diese Räder erinnern mich an mein erstes Fahrrad um das ich kämpfen muste.
rnauner 22.08.2011
3. Sorry, aber es gibt ein zu viel an Ahnungslos!
Gerade wenn es um Brompton geht, sollte man wenigstens soviel Ahnung haben: "Klapprad" kommt vom lauten klappern der scheußlichen Dinger aus den 70ern! Im Artikel und gerade bei den Brompton-Teilen handelt es sich aber um F a l t r ä d e r! Merke: Was in der Rahmenmitte eine Pseudo-Quetsch-Verbindung mit mehr als reichlich Spiel hat (und deswegen beim Fahren klappert), ist ein KLAPPrad. Was mehr als ein Gelenk zum Zusammenfalten hat - ist ein FALTrad! Und in England gab es nicht annähernd soviel Klappräder in den 70ern wie z.B. in D oder in F - gerade weil sie Molton oder Brompton-Falträder haben und hatten - deswegen haben die Engländer auch nur eine Übersetzung für sowohl Klapprad als auch Faltrad (folding bike). Das entschuldigt aber nicht, in einem deutschen Artikel von kriminellen Klapprädern zu schreiben, wenn es um edle (und ziemlich teure) Brompton-Falträder geht!
duomatic 22.08.2011
4. Beim Kalmit Klapprad Cup kommt sogar die Queen
Was die Engländer können, praktizieren die Pfälzer bereits seit 19 Jahren. Beim Kalmit Klapprad Cup dürfen allerdings nur echte Klappräder an den Start – „Singlespeed“ wie der Engländer sagt, also ohne Schwachbohrer Gangschaltung. Dazu geht es noch bergan. Es ist schön, dass an dieser Stelle im Spiegel Online einmal mehr ernsthaft über das Thema internationaler Klappradsport berichtet wird. However, beim diesjährigen Klapprad Cup in der Pfalz kommt sogar die Queen für den Royal Popo Klapps. Cheers
plasmopompas 23.08.2011
5. ...
Das erinnert mich an Monty Python, an die Wahl zum Trottel der feinen Gesellschaft.
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