Buch über Velokultur Immer die Radfahrer

Wer braucht schon Autos? Wahre Freiheit ist nur einen Tritt in die Pedale entfernt: Der Bildband "Velo" feiert die Fahrradkultur als Lebenseinstellung. Und zeigt das muskelbetriebene Zweirad als Design-Ikone.

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Velo / Bicycle Culture and Design May 2010

Der junge Typ auf dem Foto hat eine Hühnerbrust. Seine Oberschenkel jedoch sind wie aufgepumpt, Muskelmasse quillt zwischen den Beinen hervor, er kann nur noch breitbeinig stehen. Doch nix Anabolika, ein Rennrad ist schuld. Es ist schnittig und grün und hängt im Hintergrund an der Wand. Unübersehbar: Hier formten sich Mensch und Maschine gegenseitig.

Die geradewegs symbiotische Beziehung zwischen Radlern und ihren Geräten dokumentiert der Fotobildband "Velo": Verleger Robert Klanten und Grafikdesigner Sven Ehmann präsentieren ihre internationale Sammlung über "Bicycle Culture and Design". Dass dies nicht einfach ein stromlinienförmiges Fahrradbuch ist, zeigt schon der Blick auf den Verlag. Erschienen ist der Band bei "Gestalten" aus Berlin, dessen Macher reklamieren, die Avantgarde visueller Kultur zu publizieren.

Und nun haben sie sich des Rades angenommen. Fahrradfahrer, Fahrradentwickler, Fahrradverrückte; Lastenräder, BMX-Räder, Falträder: von allem etwas. Im Aufbau hat das Buch somit durchaus etwas von einer flotten Fahrt durchs Großstadtrevier, gemäß seinem Titel - velox heißt nun einmal schnell. Eindrücke fliegen fetzenweise an einem vorbei, die Geschichte ergibt sich nur aus der Summe der disparaten Teile.

Mit am auffälligsten ist, dass das Design explizit nicht im Vordergrund steht. Vielmehr scheint Seite um Seite die Liebe der Menschen zu ihren Zweirädern hervor, diesem Ding aus Stahl und Gummi. Egal ob es die Fahrradkuriere sind, mit ausgebeulten Umhängetaschen und erschöpftem Grinsen im Gesicht, die immer aussehen, als kämen sie gerade aus einer Schlacht; oder die Jungs, die sich in Pumphosen aus Tweed aufs Rad schwingen und eingedenk alter Zeiten durch London cruisen. Und auch bei den Fahrrad fahrenden Händlern in Shanghai liegt die tiefe Verbundenheit zum Transportmittel auf der Hand, bedenkt man die Akribie, mit der sie die Styroporboxen, Gummibälle oder Pflanzen turmhoch auf ihren Gepäckträgern stapeln.

Die eigentliche Freiheit liegt auf dem Rücken des Drahtesels

So deutlich hat man es selten gesehen: Ohne Körperkontakt zum geschwungenen, kalten Metall geht nichts. Das Wesen des Rades schnurrt zusammen auf seine Fassbarkeit, man hat etwas in der Hand, kann es hochheben, tragen wenn nötig. Auf manchen Bildern haben sich die Biker ihr Rad wie ein Accessoire lässig über die Schulter geworfen, halten es sanft am Sattel. Immer ist der Eindruck: Hier posiert ein Zweier-Team.

Das Verhältnis, so die Message, ist nicht zu vergleichen mit dem Verhältnis zwischen Auto und Besitzer. Dort ist man ausgeliefert und eingeschlossen. Die eigentliche Freiheit, suggeriert "Velo", ist auf dem Sitz des Drahtesels. Wer durch das Portfolio der Radkultur blättert, vorbei an Lenkertaschen aus Japan, universell gültigen Werkstattszenen, Rahmen mit viel Blingbling in Puerto Rico, mit Lautsprecherboxen ausgerüstete Bikes in Queens, den juckt es in den Füßen.

Nur auf die eigene Muskelkraft angewiesen gelangt man von A nach B, und zwar schnell, Einbahnstraßen gibt es nicht. Dann kettet man das gute Stück einfach an das nächste Verkehrsschild oder nimmt es gleich mit in die Wohnung, mehr Flexibilität geht nicht. Unaufwendig, nomadenhaft, eigenhändig reparierbar.

Ein Rad ist ein Rad ist ein Rad

Fahrradfahren ist eine Haltung. Und als Lebenseinstellung unausweichlich umweltfreundlich. Dass die Vorreiter, Designer, Blogger, die hier und da auftauchen, aus Freiburg, Münster und ansonsten in aller Regel aus Dänemark kommen, den Fahrradhochburgen dieser Welt, ist Zeichen genug. Wer radelt, begibt sich unerschrocken in die Hände der Naturgewalten.

Und noch etwas demonstriert das Foto lastige Buch: Das Ding von Drais ist eine visuelle Ikone. Zwei Räder, eine Stange, ein Lenker, ein Sattel, ein Rad ist ein Rad ist ein Rad. Die Symbolwirkung ist bestechend, nicht nur, wenn es sich um die Streckendekoration entlang der Tour de France dreht. In den überaus seltenen Fällen, in denen in "Velo" wirklich nur das Rad alleine abgebildet ist, überwältigt die schlichte Schönheit der Konstruktion.

Und man versteht auf einmal, weshalb manch einer sein Bike zu Hause an die Wand hängt. Mit dem Finger die lange Liste mit Links zu den abgebildeten Projekten, Gruppierungen und anderen Aficionados am Ende des Buchs entlang zu fahren, mag für jene mit Hang zum Zweitrad zur Versuchung werden.

So eklektisch und überschick es daherkommt, ist das Buch auch beglückend wie eine Fahrt am Stau vorbei. Es inspiriert jene, die sonst nur im Sommer radeln, und bestätigt alle, die sich ein Leben ohne Fahrrad gar nicht vorstellen können. Nur eines verstört nachhaltig: Räder, so scheint es, werden nur von Männern gefahren.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
Hugh, 29.04.2010
1. Fahrradfahren ist eine Haltung
Fahrradfahren ist eine Haltung. Und als Lebenseinstellung unausweichlich umweltfreundlich. Wahre Worte, danke.
fucus-wakame 29.04.2010
2. und wir brauchen mehr Straßen
Das Fahrrad liegt voll im Trend. Was fehlt, ist die gegenseitige Rücksichtnahme. Es muß das Miteinander gefördert werden. Deshalb: weniger Radwege, und mehr Straßen für Radfahrer. Sowie bitteschön Wegfall der Radwegbenutzungspflicht (StVO Zeichen 237)
fucus-wakame 29.04.2010
3. amüsantes Thema
Witziges Thema, was aber nichts daran ändert, dass Fahrräder auf die Straße gehören.
brux 29.04.2010
4. Jawohl
Es lebe die Entschleunigung. Anstatt griechischer Kleinbürger, die sich mit ihrem BMW finanziell übernommen haben, hippe Deutsche, Dänen und Holländer auf coolen Rädern. Am 1. Mai erscheint übrigens das Buch von BSNYC, den man wohl als Matthias Horx der Bikeszene sehen kann.
Nothing is irreversible 29.04.2010
5. Gestalten
und Klanten… immer die Garantie für ein gutes Buch. Und da ich selber begeisterter Rennradler bin, ein doppelter Gewinn!
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