Bugatti Chiron Prahlen nach Zahlen

Der VW-Konzern leidet unter der Abgasaffäre. Das neue Wahnsinnsprojekt der Markentochter Bugatti soll die Sorgen jetzt wegblasen. Mit 16 Zylindern, 1500 PS - und weiteren bizarr gigantischen Leistungsdaten.

Von

Bugatti

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Christophe Piochon setzt seine Schritte mit Bedacht. Der frisch verlegte Fußboden strahlt in hellem Weiß, als Hausherr will offenbar nicht ausgerechnet er der Erste sein, der hier seine Spuren hinterlässt. Piochon leitet die Manufaktur in Molsheim, in der die Montage des neuen Bugatti Chiron jetzt beginnt. In den Werkhallen im Schatten des Chateaus von Firmengründer Ettore Bugatti soll der "leistungsstärkste, schnellste, luxuriöseste und exklusivste Serien-Supersportwagen der Welt" entstehen.

Der nach dem Rennfahrer Louis Chiron benannte Veyron-Nachfolger wird auf dem Genfer Salon 2016 Weltpremiere feiern. Das Lastenheft des Autos war denkbar kurz. Während bei anderen Fahrzeugen die Anforderungen in der Entwicklung auf Hunderten von Seiten niedergeschrieben werden, soll das einzige Kriterium bei der Entwicklung des Chiron laut Bugatti-Chef Wolfgang Dürheimer ein Satz gewesen sein: "Wir machen das Beste spürbar besser."

Klingt irgendwie nach abgehobenem Größenwahn? Mag sein, aber der erklärt sich schnell durch einen Blick auf die Leistungsdaten: Der acht Liter große 16-Zylinder leistet nun 1500 statt zuletzt maximal 1200 PS, das maximale Drehmoment steigt von 1500 auf 1600 Nm, von 0 auf 100 km/h braucht der Chiron weniger als 2,5 Sekunden, bis 200 km/h weniger als 6,5 und bis 300 km/h unter 13,6 Sekunden. Kein Wunder, dass man dabei den Anschluss zur normalen automobilen Wirklichkeit verpasst. Und das ist noch nicht alles.

Es gibt - wie schon beim Vorgänger Veyron - einen zweiten Zündschlüssel für den Chiron. Er ist mitnichten ein Ersatz-, sondern ein Zusatzgerät, und wenn man den Irrsinn dieses Autos an einem Detail festmachen kann, dann an dem in Leder gebundenen Schlüssel: Mit ihm wird der Wagen endgültig entfesselt und man kann bis zu 420 km/h schnell rasen.

880 Liter Sprit pro Stunde

Spricht man mit dem kleinen Team der Entwickler darüber, wie sie solche unwirklichen Werte erreichen, werden die Zahlen noch spektakulärer: Die vier Turbos zum Beispiel pressen pro Stunde bis zu 3600 Kubikmeter Luft in die Zylinder. Die Kraftstoffpumpe saugt 880 Liter pro Stunde. Theoretisch reichen damit acht Minuten Vollgas, um den 100-Liter-Tank zu leeren. Die Kühlpumpe hat eine Förderleistung von 800 Litern pro Minute und könnte eine Badewanne in acht Sekunden füllen. Und damit der Motor, der allein schon größer ist als ein Smart und wahrscheinlich auch mehr wiegt, das Siegel der Prüfbehörden bekommt, braucht er einen Katalysator mit der Oberfläche von 31 Fußballfeldern.

Neben dem Motortuning ist der Vorstoß in die nächste Dimension vor allem der Aerodynamik zu verdanken, sagen die Entwickler. Der Chiron, den Designchef Achim Anscheidt nach der Vorgabe "More Beauty, more Beast" gezeichnet hat, sieht deshalb bei nur marginal veränderten Abmessungen nicht nur schlanker aus als der Vorgänger, sondern schneidet mit einem komplett verkleideten Unterboden, variablen Leitwerken und der umlaufenen, messerscharfen Abrisskante am Heck besser durch den Wind.

Markenemblem aus Silber und ein Soundsystem mit Diamantstaub

Auch Leichtbau war natürlich wieder ein Thema - der Bugatti basiert wie ein Formel-1-Rennwagen auf einem sogenannten Monocoque. Für dessen Herstellung werden Kohlefasermatten verarbeitet, deren 3,3 Millionen Kilometer Karbonfäden man neunmal von der Erde zum Mond spannen könnte, erzählen die Entwickler stolz. Nur so lässt sich das Gewicht noch ganz knapp unter zwei Tonnen drücken.

Glaubt man den Ingenieuren, gibt es am ganzen Auto nur ein einziges Teil, das schwerer geworden ist: Das Markenlogo vorn im Hufeisengrill. Das wird jetzt nämlich aus massivem Sterling-Silber gegossen und so aufwendig emailliert, dass die Produktion mehrere Tage dauert und pro Teil allein 500 Euro kostet.

"Nichts ist zu teuer, als dass es nicht in einem Bugatti eingebaut werden könnte" lautet ein Wahlspruch des Herstellers. Passend dazu bekommt auf Wunsch ein Soundsystem mit Hochtönern, deren Membranen mit einem Karat Diamantstaub beschichtet sind.

"In so einer Phase stoppt man so ein Projekt nicht mehr"

So faszinierend ein Auto wie der Chiron ist, so fragwürdig ist er auch. "An so einem Auto scheiden sich die Geister", sagt Automobilwirtschaftler Franz-Rudolf Esch von der European Business School in Oestrich-Winkel, "gerade in der aktuellen Konzernkrise".

Nicht wenige halten ein derartiges Projekt angesichts drohender Milliardenverluste wegen der Abgasaffäre für genauso irrsinnig wie die Fahrleistungen des Wagens. "Wer nach Einsparpotenzialen sucht, kann mit der Streichung anderer Projekte allerdings mehr bewirken", sagt der Professor. Zudem sei eine Diskussion über so ein Auto nie rein rational: "Wer einmal die Beschleunigung erlebt hat, der hinterfragt dieses Auto nicht mehr. Und alle anderen werden den Wagen womöglich nie verstehen."

Auch Firmenchef Dürheimer räumt ein, dass über die Zukunft des Bugatti lange und heftig diskutiert wurde. Allerdings nicht infolge der Abgasaffäre. "Ein derartiges Projekt wird intensiv hinterfragt und abgewogen, wenn seine Entwicklung in den Startlöchern steht", erinnert er sich an die Zeit vor rund vier Jahren. Als der Konzern im letzten Winter vom Dieselgate erschüttert wurde, war der Chiron in der finalen Phase, das Entwicklungsbudget weitgehend ausgegeben, die ersten Kunden hatten bereits ihre Anzahlungen geleistet.

"Zu so einem Zeitpunkt stoppt man so ein Projekt nicht mehr", sagt Dürheimer und erzählt, dass er seine anfangs verunsicherte Mannschaft schnell wieder beruhigen konnte: "Nach wenigen Tagen hatten wir aus Wolfsburg das klare Bekenntnis: Wir bauen den Chiron."

Das liegt womöglich nicht zuletzt daran, dass Dürheimer beim Chiron eine andere Mission hat als bei seinem Vorgänger. War der Veyron noch von Konzernpatriarch Ferdinand Piech persönlich angeschoben und für den besessenen Ingenieur vor allem eine Frage von Performance und Prestige, geht es diesmal auch um Profit: "Wir sind nicht nur angetreten, um das spektakulärste Auto der Welt zu bauen, sondern auch, um damit Geld zu verdienen", sagt Dürheimer.

Kostenpunkt: 2,4 Millionen Euro - ohne Steuern

Ob dies beim Veyron geklappt hat, wird von Branchenkennern bezweifelt und von Dürheimer nicht kommentiert. Aber damit es beim Chiron tatsächlich gelingt, hantieren auch die Kaufleute mit imposanten Zahlen: Hat der Vorgänger zum Anfang seiner Karriere mal 1,3 Millionen Euro gekostet, startet der Chiron bei 2,4 Millionen Euro - plus Steuern versteht sich. Und wo es vom Veyron nur 300 Coupés und 150 Roadster gab, will Dürheimer diesmal in den nächsten zehn Jahren allein 500 Coupés bauen - immerhin sind jetzt schon 120 verkauft.

Alles großartig also beim Chiron? Zumindest Esch hat auch so seine Probleme mit dem Überflieger und dessen Rolle als Machtdemonstration des VW-Konzerns. "Schön wäre es, wenn Volkswagen seine vermeintliche Allmacht nicht nur im Luxussegment unter Beweis stellen wollte, sondern Ressourcen auch am anderen Ende der Produktpalette einbringen würde. Zum Beispiel mit dem lange geforderten und nie verwirklichten Billigauto für die Emerging Markets", sagt Esch.

"Und wenn der Bugatti schon als Technologieträger apostrophiert und zur Speerspitze der Entwicklung aufgerüstet werde, warum experimentiert VW dort dann nicht mit Elektrotechnik?", fragt der Professor: "Geld spielt in dieser Liga doch keine Rolle."


Zusammengefasst: 16 Zylinder, 1500 PS, 1600 Nm Drehmoment, von 0 auf 100 km/h in weniger als 2,5 Sekunden, bis 200 km/h weniger als 6,5 und bis 300 km/h weniger als 13,6 Sekunden, 420 km/h Höchstgeschwindigkeit - mehr muss man nicht wissen über den neuen Bugatti Chiron. Ach doch, den Preis: 2,4 Millionen Euro.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 170 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
l/d 29.02.2016
1. Muss es geben!
Es muss solche Wahnsinnsprodukte einfach geben, um technische Grenzen auszuloten und die Normalität in deren Dimensionen eindeutig bestimmen zu können. Womit es sich erübrigt, hier zu fragen, wer so etwas braucht. Der, der die Normalität pflegt, sicher nicht.
LapOfGods 29.02.2016
2. Idee
"Auch Leichtbau war natürlich wieder ein Thema.....Das Markenlogo vorn (....) wird jetzt nämlich aus massivem Sterling-Silber gegossen" Ein 4-Zylinder und ein Kunststofflogo hätten geholfen.
pb-sonntag 29.02.2016
3. Einfach nur Geil!
Deutsche Autobaukunst vom Feinsten. Es geht bestimmt noch fetter!
mazzmazz 29.02.2016
4. Klasse!
Das Ding gefällt mir. Nun auch ein tolles Design. Was muss ich tun, damit mich einer der glücklichen Eigentümer mal eine Runde mitnimmt? Allerdings dürfte es ganz schön haarig werden, 420 Km/h damit zu fahren. Schon mit den 250 Km/h, die mein Auto fahren kann, werde ich oft genug zu Vollbremsungen genötigt. Auf der deutschen Autobahn wird das Tempolimit mittlerweile von all den Spritsparern und Oberlehrern gesetzt, die der Ansicht sind, alles über 120 Km/h "braucht kein Mensch". Vielleicht kann man die Vmax mal auf dieser ovalen Rennstrecke in Süditalien ausprobieren. Wenn ich mal mitfahren darf, zahle ich die Tankfüllung... ;-) Und nun: Feuer frei für die VW TDI-Fahrer!
spontanistin 29.02.2016
5. Reichweite 400 m ...
... bei Vollgas??? Also nur für Dragster-Irrsinn verwendbar? Volkswagen ist ein Spiegel für die Re-Feudalisierung der Gesellschaft, in der die Schere zwischen Superreichen und dem Rest immer weiter auseinander geht!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.