"C'était un rendez-vous" Rasendes Roulette

In Paris herrscht ein Tempolimit von 50, das wegen des dichten Verkehrs nur selten überschritten wird. Außer es ist sehr früh am Morgen, ein schnelles Auto steht bereit und eine schöne Frau wartet - dann kommt es zur spektakulärsten Höllenfahrt der Filmgeschichte.

Von Jürgen Pander


Wer es nicht gesehen hat, glaubt es nicht: Da rast ein Auto in aller Herrgottsfrühe durch Paris, prescht über rote Ampeln, donnert durch den Gegenverkehr und jagt mit quietschenden Reifen über Boulevards und durch schmale Sträßchen. Sieben Minuten und 52 Sekunden dauert die Fahrt vom Tunnelausgang an der Porte Dauphine, über den riesigen Kreisverkehr am Arc de Triomphe, die Champs-Elysées hinunter, an den Tuillérien entlang, durch den Louvre, vorbei an der Oper und an Pigalle hinauf auf den Montmartre bis vor die Stufen zum Portal der Kirche Sacré Coeur. Ein Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass tagsüber für diese Strecke mit dem Auto durchaus eine Stunde einkalkuliert werden sollte.

Festgehalten wurde die wilde Stadtdurchquerung ohne Rücksicht auf Rotlicht, Blinklicht oder Aufblendlicht der Entgegenkommenden im Film "C'était un rendez-vous" von Claude Lelouch, Jahrgang 1937. Der französische Regisseur, dem 1966 mit "Ein Mann und eine Frau" (zwei Oscars) der Durchbruch gelungen war, hatte – so lautet die Legende – nach den Dreharbeiten zu "Ein Hauch von Zärtlichkeit" im Sommer 1976 noch zehn Minuten unbelichteten Film übrig. Den legte Lelouch in eine Kamera ein, montierte sie an die Stoßstange eines Autos und startete dann an einem Augustmorgen des Jahres 1976 zu dieser Irrsinnsfahrt.

Das Phantom am Steuer - Jacques Lafitte? Jacky Ickx?

Seither gären die Spekulationen. Wer fuhr das Auto? Gerüchte machten die Runde, ein Formel-1-Rennfahrer sei es gewesen. Jacques Lafitte wurde genannt, auch Jacky Ickx. Doch offenbar war es Lelouch selbst, der am Steuer saß. Im Internet jedenfalls kursiert ein "Making of"-Video des Films, in dem der Regisseur noch einmal die Strecke abfährt und von jenem denkwürdigen Augustmorgen erzählt.

Eine andere Frage lautet: Welches Auto fuhr da überhaupt? Auf dem Cover der DVD, die vor einigen Jahren von der britischen Firma Spirit Level aufgelegt wurde, ist der Kotflügel eines Ferrari 275 GTB zu sehen – und dessen Motorsound ist auch im Film zu hören. Doch tatsächlich trat Lelouch bei seiner Höllenfahrt in einem Mercedes 450 SEL 6.9 aufs Gaspedal. Eine Limousine mit 6,8-Liter-V8-Motor der 286 PS leistete, eine Höchstgeschwindigkeit von 225 km/h ermöglichte und damals knapp 70.000 Mark kostete. Ein noch explosiverer, aber dafür knochenhart gefederter Ferrari, so wurde die Fahrzeugwahl begründet, hätte die Filmaufnahmen bis zur Unkenntlichkeit verwackelt. Im bereits erwähnten "Making of"-Video fährt Lelouch übrigens ebenfalls in einem silberfarbenen Mercedes 450 SEL.

In einigen Szenen fehlen nur Zentimeter

Angeblich wurde der Film sofort nach seiner Uraufführung beschlagnahmt, und es hieß, Lelouch sei vorübergehend im Gefängnis gelandet. In Wahrheit war wohl alles weit weniger dramatisch. Richtig ist allerdings, dass der Film erst vor kurzem als DVD wieder auftauchte. Seither haben sich Hunderte von Tempofanatikern an die Auswertung der schier unglaublichen Bilder gemacht.

Die vorläufige Bilanz führt 15 überfahrene rote Ampeln auf. Lelouch-Experten haben 110 Stundenkilomter auf den Champs Elysées errechnet und eine Spitzengeschwindigkeit (vermutlich kurz zuvor auf der Avenue Foch) von rund 140 Kilometern pro Stunde. Lelouch soll einmal geprahlt haben, mit mehr als Tempo 200 durch Paris gerast zu sein, doch diese Szene ist offensichtlich nicht im Film enthalten.

Es hätte nicht viel gefehlt, und "C'était un rendez-vous" wäre ein Splattermovie geworden. Wie das Auto ohne jegliche Sicht auf den Querverkehr aus dem Hof des Louvre über die Rue de Rivoli schießt, gleicht einem Kamikaze-Stunt. Lelouch berichtete später, er habe an dieser Ecke damals seinen Assistenten Elie Chouraqui mit einem Funkgerät platziert, doch sei das Ding ausgerechnet an diesem Morgen kaputt gegangen.

Oder kurz vor der Oper, wo es eng wird vor einer Ampel und der Wagen auf die Gegenfahrbahn ausweicht und einem Frontalzusammenstoß nur knapp entkommt. Oder in der schmalen Straße, in der Müllmänner gerade die Tonnen leeren, und das Auto aufs Trottoir ausweicht, wo eine junge Frau im hellen Mantel nur haarscharf ausweichen kann.

Am Ende erscheint die weiße Frau

Authentischer, radikaler und riskanter kann kein Autofilm sein. "Außergewöhnlich" urteilte die amerikanische Tuning-Legende Carroll Shelby. Und die britische Autozeitung "Car & Driver" schrieb, dass der Film besser sei "als jede Verfolgungsjagd, die je inszeniert wurde – denn dies ist echt!"

Am Ende bremst das Auto scharf vor Sacre-Coeur, die Kamera blickt die Treppe hinab auf Paris im Morgendunst. Eine Glocke schlägt, dann klappern Schuhe auf den Stufen und es erscheint eine Blondine im weißen Sommerkleid - Gunilla Karlzon, die damalige Lebensgefährtin von Lelouch. Der Fahrer, von dem man nicht mehr als die Beine sieht, steigt aus und eilt ihr entgegen. Umarmung. Ende.

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