Campingbus Adria Active Bulli auf Slowenisch

Kein anderes Fahrzeugsegment wird so von einem Modell definiert wie das der Campingbusse vom VW California. Deshalb kann VW Mondpreise für den Bulli verlangen. Doch es gibt Alternativen - wie den Adria Active.

Christian Frahm

Von Christian Frahm


Es passiert fast automatisch. Man blickt in einen neuen Campingbus, und hat dabei stets den VW California im Kopf. Der VW-Campingbus ist das Referenzmodell für sämtliche Fünf-Meter-Reisemobile. Er ist aber noch mehr: nämlich eine Art Unabhängigkeitserklärung, ein Sinnbild für Spontaneität, Lebenskunst, Lässigkeit. Wer wäre nicht gerne so, wie es der Bulli verheißt? Deshalb ist aus dem ursprünglich rudimentären Freizeitmobil längst ein teures Statussymbol geworden, häufig in Besitz kinderloser Doppelverdiener mit Weltenbummler-Attitüde.

Das kann man zwar weder VW noch dem California vorwerfen, doch wer einen Campingbus sucht, weil das Urlaubsbudget begrenzt ist, wird eher nicht in einem Bulli landen. Womöglich jedoch bei einem Alternativ-Modell, wie etwa dem 4,99 Meter langen Kompakt-Camper Adria Active des slowenischen Wohnmobilherstellers Adria, der seit Anfang dieses Jahres auf dem Markt ist.

Die technische Basis stammt vom Renault Trafic. Im Aufbau von Adria befinden sich eine Küchenzeile mit Gaskocher und Spüle, Lamellentüren an den Schränken und ein Dachbett mit klappbarem Zwischenboden - genau wie im Bulli. Dann schaut man aufs Preisschild und entdeckt den Unterschied: Der Adria Active (ab 44.499 Euro) ist mit vergleichbarer Einrichtung knapp 10.000 Euro billiger als ein VW California. Das macht den Wagen interessant - und wirft zugleich die Frage auf, ob an den richtigen Stellen gespart wurde.

Wir waren mit dem Adria Active zehn Tage unterwegs. Auf schmalen Küstenstraßen, in engen Bergdörfern und natürlich auf der Autobahn. Und egal auf welchem Terrain, der Renault-Bus schlug sich wacker. Das Auto ist übersichtlich, agil und in jeder Hinsicht unkompliziert. Das liegt auch am 1,6-Liter-Dieselmotor mit 145 PS Leistung, dem stärksten Aggregat der Baureihe. Damit geht es nicht nur die steilen Anstiege zügig hinauf, auch Überholmanöver auf der Autobahn sind kein Thema.

Der Adria Active ist allerdings nicht nur auf der Straße flott, sondern auch auf dem Campingplatz. Das Hubdach flutscht mit Unterstützung von Gasdruckfedern nach oben, die Liegefläche ebenso. Schon ist der kleine Reisebus im Wohnmodus und das Einraum-Feriendomizil hat Stehhöhe. Die Vordersitze lassen sich mit einem Handgriff umdrehen - fertig ist die Sitzgruppe. Soweit kennt man es auch aus dem VW-Bus

Mangelnde Anziehungskraft

Fehlt noch der Klapptisch, und da wird es schon komplizierter. Um an den zu gelangen, muss man erst die Sitzbank nach hinten schieben, dann den Tisch aus einer dahinterliegenden Halterung heben, ihn in eine Führungsschiene einhängen, das Bein (ja, es gibt nur ein Tischbein) ausklappen und schließlich die Sitzbank wieder an den Tisch heranziehen. Das hätte man besser lösen können. Der VW California zeigt, wie es geht. Dort ist der Tisch in einer Mulde an der Innenseite der Schiebetür verstaut, wird per Knopfdruck ausgeklinkt und dann aufgestellt.

Christian Frahm

Jetzt wird aufgedeckt. In der Kompressorkühlbox mit 36 Litern Fassungsvermögen ist der Proviant gut aufgehoben. Soll warm gegessen werden, steht ein Zweiflammen-Gaskocher parat. So weit ist das Standard. Die Abdeckung der Küchenzeile im Adria Active hat es allerdings in sich. Wenn man sie aufklappt, hält ein kleiner Magnet die Abdeckung in Position. Doch der ist damit leider überfordert. Klackt beispielsweise die Schiebetür zu, reicht diese Erschütterung aus, um die Magnetkraft zu überwinden und die Abdeckung auf den Herd krachen zu lassen. Das kann, falls etwas auf dem Herd steht, böse Folgen haben. Spricht man den Hersteller Adria auf die Schwachstelle an, heißt es: "Das sollte nicht vorkommen, der Magnet könnte falsch montiert gewesen sein." Kurzer Blick in den VW California: Dort halten Gasdruckfedern die Abdeckplatte aufrecht.

Kleines Auto, kleine Schränke

Stauraum ist bei Campingbussen baubedingt rar. Zwar bietet der Küchenschrank ausreichend Platz für Proviant, die Unterbringung all der anderen Dinge von Badehose bis Zahnpasta ist da schon schwieriger. Im Kleiderschrank lassen sich nicht mehr als fünf Hemden faltenfrei aufhängen und auch in den von der Heckklappe aus zugänglichen Ablagefächern geht es eher eng zu. Der Großteil des Gepäcks bleibt daher im Koffer. Was Adria Active und VW California neben dem Platzmangel noch gemeinsam haben, sind Lamellentüren an den Schränken. Die Gerippe aus Hochglanzkunststoff lassen sich nur selten klemm- und ruckelfrei öffnen oder schließen.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Adria Active - mit unserem 360-Grad-Foto:

Waschraum oder Toilette sind bei dieser Fahrzeuggröße natürlich nicht vorhanden, allerdings passt ein handelsübliches Camping-WC ins Fach unterm Spülbecken. Und: der Adria Active bietet eine kleine Außendusche am Heck nach dem Motto: Klappe hoch, Wasser marsch.

Der Adria Active bietet Schlafplätze für vier Personen. Unterm Hubdach gibt es eine 187 x 130 Zentimeter große Liegefläche, die ausreichend Platz für zwei Erwachsene bietet. Mit einer Größe von 1,85 Metern liegt und schläft es sich dort oben sehr komfortabel. Ist man zu zweit unterwegs, bietet es sich an, die obere Schlafstätte zu nutzen. Das erspart im darunterliegenden Wohnbereich den Umbau der Sitzbank zur Liegefläche (190x120 cm).

Vom Camper zum Kleinbus

Zumal das Verschieben der Sitzbank im Adria Active seine Tücken hat. Das liegt an einer Kleinigkeit, die fehlt: Die Führungsschienen der Sitzbank im Fahrzeugboden sind nämlich nicht vor dem Eindringen von Steinchen, Schmutz oder Staub geschützt. Schon nach einer Woche im Camper sammelt sich dort einiges an. Wie geht der VW California damit um? Dort schützen Gummilippen die Führungsschienen im Boden, und halten zumindest groben Schmutz fern.

Ist der Adria Active nicht als Campingmobil im Einsatz, lässt er sich als Kleinbus nutzen. Bei normaler Bestuhlung bietet er fünf Insassen Platz, optional lässt sich sogar ein sechster Sitz (Aufpreis: 1899 Euro) installieren. Das untere Bett kann in diesem Fall dann allerdings nicht mehr aufgebaut werden. Nimmt man die Rücksitzbank heraus, verwandelt sich der Active in einen Transporter - auch wenn kaum jemand das Campingfahrzeug als Laster nutzen wird, denn wer will schon Kratzer an den Möbeln.

Werfen Sie einen Blick auf das Dachbett des Adria Active - mit unserem 360-Grad-Foto:

Die Zwei-Meter-Marke ist das kritische Maß bei den Campingbussen, denn sie entscheidet über die Tiefgaragen- und Parkhaustauglichkeit. Der VW California misst 1,99 Meter in der Höhe, beim Adria Active sind es 2,04 Meter. Immerhin bietet der Hersteller eine Tieferlegung um fünf Zentimeter an. Dann reckt sich auch der Adria Active nur noch 1,99 Meter in die Höhe - doch man muss dafür 649 Euro extra zahlen.

Von allem etwas

Das Adria-Marketing beschreibt den Active als "Vielzweck-Campingbus". Am Ende unseres Trips reift die Erkenntnis, dass das nicht nur ein Spruch ist. Denn der Wagen ist ein "Etwas-von-allem-Könner". Viel Campingmobil, ein bisschen Alltagsauto und ein wenig Transporter - auf den ersten Blick also eine echte Alternative zum deutlich teureren VW California. Gespart wurde beim Adria an Gummilippen, Lamellentüren und einer praktischeren Unterbringung des Tischs - darüber kann man für 10.000 Euro schon mal hinwegsehen.

Doch eigentlich fehlt noch etwas. Am letzten Abend unserer Reise wird auch klar was. Als ein zweifarbig in rot-weiß lackierter VW T6 California auf den Stellplatz neben uns rollt, drehen sich die Camping-Nachbarn erst um und geraten dann regelrecht ins Schwärmen, als der California-Eigner auch noch das Hubdach - mit farblich abgestimmtem roten Faltenbalg - per Knopfdruck ausfährt. Cooler Auftritt.

So was kann der Adria Active nicht. Während der VW California immer auch ein Lebensgefühl im Gepäck hat und sozusagen prototypisch für Sonnenuntergänge und Sand zwischen den Zehen steht, ist man mit dem Adria Active stets - egal wo man sich tatsächlich befindet - in Reich des Pragmatischen unterwegs. Auch dort kann man prima Urlaub machen.

insgesamt 70 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
iwes69 18.08.2017
1.
...also ich verstehe diesen Hype um den VW Campingbulli nicht. Auf mich wirkt er spießig, innen wie außen. Er ist höchstens noch das Abziehbild eines Lebensgefühls, die Leute reden sich das doch selbst ein. Dieser fast schon krampfhaft bemühte Ausdruck von Solidität - was hat das mit Freiheit zu tun?
sametime 18.08.2017
2. Kurze Betten
Das obere Bett ist 1,87m und das untere Bett ist 1,90m lang. Was soll ich mit so kurzen Betten? Für das Geld bekommt man auch schon ein richtiges Wohnmobil, in dem man auch Platz hat.
outofgermany 18.08.2017
3. gebügelt
"Im Kleiderschrank lassen sich nicht mehr als fünf Hemden faltenfrei aufhängen" Vielleicht sollte der Autor doch lieber in ein Hotel mit vielen Sternchen ziehen.
jasmin.deneke87 18.08.2017
4. Verstehe ich nicht...
Aber das Fahrzeug ist doch ein Diesel? Müssten Sie da nicht reflexartig vor dem Untergang der Welt warnen, den Entzug der Betriebserlaubnis fordern und den Hersteller als Dämonen hinstellen, der Fantastilliarden von Menschenleben auf dem Gewissen haben wird, sobald man nur den Motor anlässt? Ach nein. Ist ja kein VW.
fundador 18.08.2017
5. Wenn ich für so viel Geld
nicht einmal meine 1,86 bequem ausstrecken kann, nehm' ich vielleicht doch lieber ein Zelt mit und geb die Kohle für das ein oder andere Hotelzimmer aus.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.