Cannonball-Rekordhalter Alex Roy Amerikas gerissenster Vollgas-Halunke

4790 Kilometer in weniger als 32 Stunden zu fahren, ist schon auf der Rennstrecke eine Herausforderung. Auf dem Highway von New York nach Los Angeles ist es eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. US-Extremraser Alex Roy schaffte es dennoch - in höchst gesetzeswidrigen 31 Stunden und vier Minuten.


Ein Mann wie Alex Roy hat viele Feinde, ziemlich viele Feinde sogar. Mindestens 31.000, um genau zu sein. Denn so viele Highway-Cops hat der 35-Jährige vorgeführt, als er im vergangenen Herbst seinen ganz persönlichen amerikanischen Traum verwirklichte und den alten Cannonball-Rekord brach. Jeder Amerikaner mit ein paar Tropfen Benzin im Blut kennt das nach dem Film "The Cannonball Run" ("Auf dem Highway ist die Hölle los") benannte Rennen von Küste zu Küste.

Und die allermeisten wissen, dass der Rekord für den Höllenritt von New York nach Los Angeles seit 1983 unerreicht bei 32 Stunden und sieben Minuten liegt. "Lag", würde Roy jetzt einwerfen - und die PS-Fraktion muss ihm ehrfürchtig Recht geben. Denn ihm und seinem Copiloten Dave Maher ist gelungen, was keiner für möglich gehalten hat: Sie haben die Bestzeit geknackt und die 2795 Meilen in unglaublichen 31 Stunden und vier Minuten bewältigt. Zwar ist Roys Verkehrssündenakte mittlerweile ähnlich stattlich wie das Strafenregister von Billy the Kid. Doch nachdem die Irrsinnsfahrt mit juristisch geschickt gewähltem zeitlichen Abstand jetzt publik gemacht wurde, feiern ihn Internet-Gazetten und Lifestyle-Postillen als Helden einer Zeit, in der der Traum von der Freiheit auf der Straße am nächsten Tempolimit-Schild endet.

Nicht einmal anderthalb Tage für eine Strecke von Hamburg nach Palermo und wieder zurück, das bedeutet eine Durchschnittsgeschwindigkeit von mindestens 90 Meilen oder 145 Kilometer pro Stunde – und das auf einer Route, auf der das Tempolimit im besten Fall bei 75 Meilen pro Stunde liegt. Doch Roy kennt nur zwei Regeln im Straßenverkehr: Sei schnell. Und lass dich nicht erwischen!

Nach zwei gescheiterten Versuchen hatte er den dritten Anlauf generalstabsmäßig geplant. "Seine Jagd nach der Bestzeit eine Fahrt zu nennen, wäre ähnlich zutreffend wie die Mondlandung zu einem Flug zu degradieren", schreibt das Magazin "Wired". Allein um die ideale Route herauszufinden, brütete Roy zwei Jahre lang über Bergen von Landkarten, malträtierte Google und Map24 und kundschaftete Dutzende Tankstellen aus. Er analysierte die Polizeistrategie, besorgte sich Wetterprognosen und programmierte Hunderte elektronischer Wegpunkte in sein Navigationssystem ein. Schließlich druckte er massenweise Excel-Tabellen aus, die ihm als Roadbook dienten.

Hightech-Elektronik soll Radarfallen aufspüren

Seinen alten BMW M5 rüstete Roy für rund 150.000 Dollar zu einem Schlachtschiff im Kampf gegen Recht und Ordnung auf: Eine Batterie von Radarwarnern füllt das Cockpit, die Kennzeichen reflektieren so stark, dass jede Kamera am eigenen Blitzlicht erblinden würde. Wärmesensoren fahnden nach am Straßenrand geparkten Streifenwagen mit laufendem Motor, und obendrein soll eine Art elektronischer Schild vor Laserpistolen schützen. Selbstverständlich scannen Roy und sein Beifahrer permanent den Polizeifunk, und im Ernstfall kann der Fahrer sogar die Bremslichter ausschalten, damit sie ihn beim Verzögern vor einer Tempo-Kontrolle nicht verraten. Außerdem sind da ja auch noch die wechselnden Begleitfahrzeuge und das kleine Charterflugzeug, die dem als europäischem Polizeiwagen getarnten M5 den Weg freihalten sollen.

Auch der Fahrer und sein Co-Pilot hatten sich gut vorbereitet: Auf der Rückbank lagen angeblich 20 Päckchen Zigaretten, Berge von Pfefferminzbonbons, Traubenzucker und Guarana, dosenweise Wachmacher und Energiedrinks. Im Handschuhfach steckten Militärferngläser mit Restlichtverstärker, Image-Stabilizer und Urinbeutel.

Start in Manhattan - und dann fast immer Vollgas

Los ging es abends um 21.30 Uhr in Manhattan. Die Fahrt war auch eine Rechenaufgabe, denn es ging um die richtige Balance zwischen Spurten und Sparen. Mehr als fünf Tankstopps seien nicht drin, hatte Roy ausgerechnet. Mit bis zu 160 Meilen pro Stunde schoss der Wagen gen Westen. Am übernächsten Morgen um 1.30 Uhr rollte der M5 in Santa Monica an den Pier. Der Rekord war gebrochen: 31 Stunden und vier Minuten stehen als neue Bestzeit fest.

Während der Wahnsinns-Hatz rauschten 570 Liter Sprit durch den Motor. Insgesamt stand der Wagen während der Reise 34 Minuten. Roy und Maher wissen, dass ihr zweifelhafter Rekord nicht für die Ewigkeit gelten wird. Irgendjemand wird irgendwann ihre Zeit unterbieten. Eventuell mit einem Dieselfahrzeug, weil sich so ein oder gar zwei Tankstopps einsparen ließen.

Auf die Frage nach dem Warum können weder Roy noch alle anderen Protagonisten der Cannonball-Raserei eine vernünftige Antwort geben. Sie fragen einfach zurück: Warum nicht?



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