Auto-Design in Asien Anschauen, bitte!

Zum Gähnen langweilig - so urteilen Europäer schnell über Autodesign aus Asien. Diese Haltung ist nicht nur ignorant, sondern vor allem falsch. Warum, zeigt das Buch "Car Design Asia".

Von Jürgen Pander

Dino Dalle Carbonare

Es genügt ein Blick auf die neue Mercedes S-Klasse, um zu erkennen, wie stark der Einfluss fernöstlicher Designtrends auch auf ureuropäische Autos inzwischen ist. "Die hohe Frontpartie und der sich nach hinten verjüngende Karosseriekörper, die flüssigen, freien Linien und die geradezu barocken Dekors - das ist orientalischer Stil", sagt Paolo Tumminelli.

Er nennt diese Stilelemente "dragon", "calligraphy" und "pagoda" um zu verdeutlichen, dass "ein neuer globaler Trend aus Fernost" die Designwelt und vor allem das Automobildesign prägt. Hergeleitet und ausgebreitet hat Tumminelli, der als Professor für Design-Konzepte an der Köln International School of Design lehrt, diese These in dem soeben erschienenen Buch "Car Design Asia".

Das Buch ist der dritte und letzte Teil von Tumminellis Geschichte der Autodesignkultur - nach den Bänden über Europa und Amerika. Es ist zugleich das überraschendste und aufschlussreichste Werk der Trilogie. Schon deshalb, weil auf vielen der 500 Fotos Autos zu sehen sind, die niemals in Europa angeboten wurden. Womit gleich eine wesentliche Besonderheit asiatischen Autodesigns deutlich wird: nämlich die ungeheure Modellvielfalt.

Das Ziel ist der Kunde

"Keine andere Autoindustrie hat sich mit solcher Intensität auf ihre Kunden ausgerichtet, wie die asiatische", sagt Tumminelli. Während in Europa Konstrukteure die Automobilentwicklung prägten und in den USA Verkäufer, "waren es in Japan vor allem Marketeers, also Leute, die sich extrem mit den Märkten und den jeweiligen Bedürfnissen der Kunden dort auseinandergesetzt haben." Das Resultat daraus waren - neben der Modellvielfalt - überwältigende Verkaufserfolge und ein spezieller, pragmatisch-uneitler Zugang zum Thema Auto.

Während Autos europäischer und auch amerikanischer Hersteller stets den Mythos der eigenen Marke nähren und Tradition und Pathos eine wichtige Rolle spielen, blieb den asiatischen Marken diese Art von Expressivität stets fremd. Das liegt einerseits daran, dass die Geschichte der japanischen Autoindustrie - der ersten, die in Asien entstand - erst in den Fünfzigerjahren allmählich in Schwung kam, und zwar kühl gesteuert vom Ministerium für internationalen Handel und Industrie (MITI) in Tokio. Heldenerzählungen von Autoerfindern oder heroischen Wettfahrten wie in Europa oder in den USA gibt es in Japan deshalb nicht. Zum Zweiten ist die kulturelle Tradition Japans nicht auf Dauerhaftigkeit fixiert, sondern auf dauernden Wandel.

Japanische Hersteller misstrauen der Tradition

Im Fall des Autodesigns wird das beispielhaft deutlich, wenn man sich die sieben Generationen des VW Golf seit 1974 ansieht, des meistverkauften europäischen Autos; sie sind allesamt mit einer klaren, verbindenden Identität ausgestattet, bestimmte Designelemente blieben über die Jahrzehnte unverändert. Betrachtet man im Vergleich dazu die zehn Generationen des Toyota Corolla seit 1966, des erfolgreichsten japanischen Autos, dann fällt auf, dass bei diesem Modell im Lauf der Zeit praktisch alles verändert wurde. Sogar der Name, denn zumindest auf den europäischen Märkten heißt das Auto seit 2007 nicht mehr Corolla, sondern Auris.

Neu sind Tumminellis Erkenntnisse sicher nicht. Neu jedoch ist sein Verdienst, sehr viele Mosaikstückchen der Entwicklung erstmals zu einer fulminanten Gesamtschau zusammengetragen zu haben. So wird klar, wie logisch und unbeirrbar sich japanisches Autodesign, das anfangs vor allem westliche Karosserieformen kopierte, mehr und mehr zu einer eigenständigen und vor allem erfolgreichen Formensprache entwickeln konnte.

Weltmeister der kompakten Formen

Das seit 1953 publizierte Jahrbuch "Automobile Year", dem japanische Modelle bis dahin stets nur ein paar Zeilen wert gewesen waren, brachte in der Ausgabe 10 von 1962/63 erstmals eine 10-Seiten-Story über Japan, "die dritte automobile Weltmacht". Und 1972 schrieb Brock Yates, der Chefredakteur der US-Fachzeitschrift "Car and Driver" über den damals brandneuen Honda Civic, er sei "the most brilliant small car in automotive history" (der brillanteste Kleinwagen der Automobilgeschichte). Das Auto wird heute in der neunten Generation gebaut, knapp 20 Millionen Exemplare wurden weltweit bereits verkauft.

Was mit dem Siegeszug der japanischen Autoindustrie begann, wurde durch die koreanischen Hersteller verstärkt und wird seit Kurzem durch chinesische Autoproduzenten weiter vorangetrieben: ein asiatischer Designstil. Erkennbar wird diese von ausdrucksstarken Frontpartien sowie überraschenden, grafischen Elementen, etwa bei neuen Modellen von Mazda, Lexus, Infiniti, Hyundai, Qoros oder Denza.

Dieser Stil wird inzwischen weltweit reflektiert, sogar von Mercedes beim Flaggschiff S-Klasse. Und das nicht nur, weil China inzwischen zu den wichtigsten Märkten für die Luxuslimousine gehört, sondern weil der "asian style", den Tumminelli beschreibt, inzwischen weltweit als attraktiv wahrgenommen wird. In Deutschland führt die S-Klasse die Neuzulassungsstatistik der Luxuslimousinen mit deutlichem Abstand an.

Paolo Tumminelli: "Car Design Asia. Myths, Brands, People", Verlag teNeues, 304 Seiten, 500 Fotos, Text in Englisch, 49,90 Euro.

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insgesamt 25 Beiträge
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docschulze 02.06.2014
1. Asiatisches Design
Ob es trendsetzend ist oder nicht, sei dahingestellt. Fakt aber ist: Auf der Liste der kürzeten Bücher der Welt steht der Titel "Japanische Autos mit Sammlerwert" nach wie vor ganz oben.
david-39 02.06.2014
2. Mittelding...
In Deutschland sehen die meisten Autos einer Marke von vorne gleich aus. Bei Audi weiß man nicht ob's ein A3 oder A8 ist, der drängelt. BMW- ähnlich, Mercedes ebenso. Bei den Japanern wiederum kann man nicht erkennen welche Marke da unterwegs ist, weil zu jedem Modellwechsel teileweise tolles Design komplett eingemottet wird und "moderne" Formen verwendet werden, wobei auch gern mal kopiert wird. Nissan 200 SX, der tolle Datsun 240z ... alle ausgemustert. Honda S2000, NSX... Honda Civic, trotz "Red Dot Award" furchtbares Design der letzten 2(3) Generationen. Innen ganz interessant... Ein Mittelding zwischen der Gleichmachung der Deutschen und der Zersetzung der Marke bei den Japanern wäre schön.
signaturen 02.06.2014
3. Celeste
Selbst im Besitz einer Celeste kann ich nur sagen: Auch in den 70ern waren japanische Kfz den deutschen absolut ebenbürtig. Einzig der "Made in Germany-Dünkel" war unbezahlbar. Mitsubishi Celeste wurde in den USA übrigens als Plymouth Arrow auf den Markt gebracht..
thomas daum 02.06.2014
4. langweilig sind die exportierten Autos
die japanischen Straßen sind voll mir Autos durchaus interessanten Designs. Nur werden die nicht nach Deutschland exportiert, weil hier so was kein Mensch kauft. daher kommt hier halt auch nur an, was wie Golf & Co aussieht.
andrelei 02.06.2014
5. Ansichtssache
Zitat von docschulzeOb es trendsetzend ist oder nicht, sei dahingestellt. Fakt aber ist: Auf der Liste der kürzeten Bücher der Welt steht der Titel "Japanische Autos mit Sammlerwert" nach wie vor ganz oben.
Seine eigene Meinung als Fakt darzustellen, ist immer gefährlich. ;-) Ich bin zum Beispiel seit einigen Jahren in der Japaner-Szene aktiv und fahre momentan eine 1990er Toyota Celica. Bei Veranstaltungen wie den "Nippon Classics" in Gießen-Buseck vor zwei Wochen zum Beispiel sieht man viele wunderschöne und erhaltenswerte japanische Autos, ob Toyota, Datsun, Honda oder Mazda. Ich könnte also genauso sagen. Fakt ist, dass sich docschulze nicht über japanische Autos informiert und einfach mal behauptet, dass sie nichts taugen. Da es aber nur meine Meinung ist und man sowas nicht belegen kann, tu ich es nicht.
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