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ÖPNV-nahe Studie: Carsharing soll Stadtverkehr verschlimmern

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BMW

Carsharing von DriveNow: "Kein Beitrag zur Entlastung des Verkehrs"

Carsharing boomt in Deutschland, viele Menschen mieten lieber bei Bedarf ein Auto, statt ein eigenes zu besitzen. Doch eine Studie kritisiert jetzt das Konzept: Der Verkehr in den Städten verschlimmere sich. Die Autokonzerne nennen das Quatsch.

Carsharing wird in Deutschland immer beliebter, besonders Anbieter sogenannter Free-Floating-Dienste wie Car2go von Daimler oder DriveNow von BMW freuen sich über eine ständig wachsende Kundschaft. Ihr Konzept: An jeder Ecke einen Mietwagen zur Verfügung stellen und damit das Privatfahrzeug überflüssig machen. Für die Nutzer ist das eine praktische Alternative - aber hilft dieses Mobilitätsmodell auch, das Verkehrsproblem in den Städten zu lösen?

Eine Studie von Civity, einem Beratungsunternehmen für öffentliche Dienstleistungen, behauptet: nein. Carsharing, so die These des ÖPNV-nahen Unternehmens, verdränge umweltfreundlichere Fortbewegungsmittel wie das Fahrrad und sorge somit für noch mehr Verkehr auf den Straßen.

Beim Carsharing von Car2go und DriveNow "handelt es sich um einen Hype", sagt Stefan Weigele, Mitgründer von Civity und Macher der Studie "Urbane Mobilität im Umbruch?". "Die leisten keinen Beitrag zur Entlastung des Verkehrs in Ballungsräumen", findet er.

Weigele stützt seine Behauptung auf folgende Beobachtungen:

  • Laut der Studie werde ein Leihwagen beispielsweise in Berlin durchschnittlich rund 62 Minuten am Tag gefahren - kaum mehr als ein Fahrzeug im Privatbesitz. Folglich stehen die Carsharing-Autos knapp 23 Stunden ungenutzt am Straßenrand. Im bundesweiten Durchschnitt sind die Nutzungszeiten laut Weigele sogar noch geringer: Car2go erreiche eine tägliche Auslastung von 43 Minuten, DriveNow von 52 Minuten.

  • Carsharing werde für Fahrten mit vergleichsweise geringen Entfernungen genutzt. In Berlin im Schnitt für Strecken von 5,8 Kilometer. Das seien Distanzen, die auch ohne Auto zurückgelegt werden könnten. Zum Vergleich: Berliner nutzten den ÖPNV für Strecken von durchschnittlich 10,1 Kilometer, den Privatwagen für Wege von 9,5 Kilometer, das Fahrrad für Distanzen von 3,4 Kilometern und gehen zu Fuß für Strecken knapp unter einem Kilometer.

  • Carsharing werde häufig im Freizeitverkehr genutzt. Während der Berufsverkehr seinen Höhepunkt morgens zwischen 8 und 9 Uhr habe, liege das Nachfragehoch bei Carsharing-Fahrzeugen gegen 21 Uhr. Für Weigele ein Indiz, dass die Autos nicht zur Entlastung des Verkehrs in Städten beitragen: "Der klassische Berufspendler nutzt Carsharing nicht."

Weigele fordert deshalb, dass der Ausbau und die Verbesserung des ÖPNV sowie von Fahrrad- und Fußgängerwegen bei der Verkehrsplanung Priorität haben soll. Carsharing-Systeme von Car2go oder DriveNow "sind nicht in der Lage, die hohen Kapazitäten des öffentlichen Verkehrs zu ersetzen", heißt es in der Studie.

"Die Daten aus der Studie stimmen nicht mit unseren überein"

Bei Daimler reagiert man empört auf die Untersuchung. "Die Daten aus der Studie stimmen nicht mit unseren Daten überein", sagt Andreas Leo von Car2go. Seinen Angaben zufolge werden die Fahrzeuge im Schnitt sechs- bis achtmal am Tag ausgeliehen. "Eine Miete dauert zwischen 20 und 40 Minuten. In Deutschland fahren unsere Fahrzeuge im Durchschnitt mindestens 150 Minuten am Tag." Konkurrent BMW wollte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE keine Zahlen zu DriveNow nennen.

Grund für die große Differenz: Weigele und seine Mitarbeiter haben bei der Studie nicht mit den Carsharing-Anbietern zusammengearbeitet, sondern ihre Daten über deren Internetseiten ermittelt. Ein Jahr lang habe das Team über einen Algorithmus alle halbe Stunde die Angebotsseiten überprüft und erfasst, ob und wohin die Fahrzeuge sich bewegten. Zudem habe es Stichproben gegeben, an denen die Daten tageweise alle zwei Minuten je Fahrzeug erhoben wurden.

Weigele verteidigt diese Methodik, auch wenn Car2go andere Zahlen angibt: "Wir halten an unserer Datenerhebung und den daraus gewonnenen Schlussfolgerungen fest."

Der Schwachpunkt der Studie

Kritik an der Studie kommt auch vom Bundesverband Carsharing (bcs), einem Zusammenschluss von Carsharing-Anbietern mit festen Abgabestationen. Der bcs nutzt sonst jede Gelegenheit, sich von den Free-Floating-Dienstleistern abzugrenzen. So zog bcs-Vorsitzender Willi Loose schon selbst den Nutzen von Car2go und DriveNow in Zweifel, weil deren bequeme Nutzung seiner Ansicht nach die Gefahr berge, dass nicht weniger Auto gefahren wird als zuvor.

Trotzdem sieht Loose die Civity-Analyse skeptisch: "Nur von der Nutzungsdauer kann man nicht auf das generelle Fahrverhalten schließen." Den Analysen seines Verbands zufolge ersetze ein Carsharing-Auto bis zu zehn Fahrzeuge im Privatbesitz.

Liegt Weigele mit seiner Studie also völlig daneben?

Nicht ganz, findet Friederike Hülsmann. Sie arbeitet im Auftrag des Bundesumweltministeriums am Öko-Institut ebenfalls an einer Studie zum flexiblen Carsharing am Beispiel von Car2go. In einem Punkt ist sich Hülsmann mit den Studienmachern einig: "Am ÖPNV führt kein Weg vorbei, um ein umweltfreundliches Mobilitätsverhalten zu erreichen." Und statt vom eigenen Auto auf Carsharing umzusteigen, sollten auch andere Alternativen hervorgehoben werden. "Der Verzicht auf ein eigenes Auto bedeutet nicht mehr, dass man in seiner Mobilität eingeschränkt wird", sagt Hülsmann.

Die Studie von Civity ist ihrer Ansicht nach aber vor allem in einem Punkt angreifbar: "Sie liefert eine Art Bestandsaufnahme, ohne Vorher-nachher-Analyse." Dabei sei gerade eine solche Betrachtung wichtig, etwa um zu erfahren, ob die Nutzer von Carsharing ihr Verkehrsverhalten verändert hätten - oder ob sie für die Strecke vielleicht das Fahrrad oder den Bus genommen hätten.

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insgesamt 183 Beiträge
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1. Reiz
2cv 03.09.2014
Car2Go & Co. spielen für mich beruflich eine Rolle, wenn ich in anderen Städten unterwegs bin, wo mein Auto oder Fahrrad nicht bereit steht. Um 22h keinen Bus zu finden, weil keiner mehr fährt oder zu lange Taktzeiten, aber ein Auto zu finden, das einen sicher von A nach B bringt: super! Airport-Fahrten statt Taxi hilft Unternehmenskosten zu sparen. Ich nutze es nicht oft, aber wenn, bin ich froh, dass es sie gibt.
2. Stadtmobil
leeberato 03.09.2014
Ich nutze in Karlsruhe regelmäßig Stadtmobil. Auf die Arbeit fahre ich mit dem Fahrrad, das Stadtmobil wird benutzt wenn es nicht anders geht (Karlsruhe hat ein sehr gutes ÖPNV Netz) oder zum einkaufen. Einkaufen kann ich nur wenn ich nicht arbeite, also gegen Abend. Wenn ich mir die Fahrtenbücher der Autos anschaue werden sie definitiv öfter benutzt als in der ?Studie? angegeben. Regelmässiges pendeln auf die Arbeit ist mit carsharing zu teuer, da lohnt sich dann ein eigenes Auto. Manche Leute verstehen den Grundgedanken von carsharing nicht. Es ist kein Ersatz für ein Auto sondern eine Ergänzung zum ÖPNV und/oder dem Fahrrad. Dann entlastet es den Verkehr und die Umwelt auf jeden Fall.
3. Carsharing?
shechinah 03.09.2014
Wann ist eigentlich der Begriff Carsharing, der eigentlich dafür steht, daß sich mehrere Leute ein Auto (und die Kosten) teilen, zum Begriff für Mietwagen geworden? Auch wenn es Kurzzeit Miete ist, und die Wagenim Stadtgebiet verteilt sind, statt auf einem zentralen Parkplatz, aber es sind und bleiben einfach nur Mietwagen. Sharen (Teilen) tut da niemand irgendwas. Man mietet halt einen Wagen für ein paar Kilometer.
4. Carsharing boomt in Deutschland
ph.latundan 03.09.2014
Im bundesweiten Durchschnitt sind die Nutzungszeiten laut Weigele sogar noch geringer: Car2go erreiche eine tägliche Auslastung von 43 Minuten, DriveNow von 52 Minuten. *** wo denn ? wo boomt carsharing ? selten soviel schwachsinn gelesen .......
5. Auftraggeber?
willuw 03.09.2014
wer war denn der Auftraggeber dieser blödsinnigen Studie? Der ÖPVN kann eben in vielen Fällen das Auto genauso wenig ersetzen wie die Bahn den LKW. schon wegen der Kapazitäten. Vom Komfort mal ganz zu schweigen.
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