Caravan Salon Düsseldorf Der Mobilienboom

"Groß, größer, Caravan Salon." So unbescheiden wirbt die "weltgrößte Messe für Reisemobile und Caravans" in Düsseldorf (24.8. bis 2.9.) für sich. Die Branche jubelt über Rekordzahlen. Die große Frage ist: Wie lange noch?

Daimler

Von Christian Frahm und Jürgen Pander


Wenn der Erfolg eine Farbe hat, dann ist es in diesem Fall Eierschalenweiß. Denn rundum weiß, mit hier und da ein paar Dekoraufklebern, sind die allermeisten Wohnwagen und Wohnmobile lackiert, und die verkaufen sich nun schon seit Jahren immer besser. Im vergangenen Jahr erzielte die hiesige Caravaning-Branche erstmals einen Umsatz von mehr als 10 Milliarden Euro. Und der weiße Rausch hält an, der Erfolgstrip geht weiter: Im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden in Deutschland rund 31.000 Wohnmobile und 15.500 Wohnwagen neu zugelassen - deutlich mehr als im Vorjahreszeitraum. Bis Ende Dezember erwartet der Caravaning Industrie Verband Deutschland (CIVD) insgesamt mehr als 70.000 neue Freizeitfahrzeuge hierzulande, das wäre ein Plus von zehn Prozent gegenüber dem Rekordjahr 2017.

"Für 2019 rechnen wir mit einem weiteren Anstieg", sagt Daniel Onggowinarso, der Geschäftsführer des CIVD, "und auch darüber hinaus sehen wir insbesondere im Reisemobilsegment Potenzial, weiter zu wachsen." Der Optimismus stützt sich auf drei Entwicklungen: Erstens den neuen Hype rund ums Thema Camping sowie der Trend zum "domestic tourism", also dem Urlaub im Heimatland oder im nahen Ausland. Zweitens die wirtschaftlich positive Gesamtlage in Kombination mit der Nullzinssituation, die Sparen unattraktiv macht, und dazu führt, dass sich immer mehr Menschen ihren Reisemobiltraum erfüllen. Und drittens vor allem die demografische Entwicklung. Die Zielgruppe der über 50-Jährigen, die sogenannten Best-Ager, wachse, sei reisefreudig und verfüge über Geld und Zeit - nicht zuletzt weil auch die Kinder allmählich aus dem Haus seien, heißt es beim CIVD.

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Caravan Salon Düsseldorf: Smart Home auf Rädern

Befürchtungen, dass die seit mehreren Jahren auf Hochtouren laufende Branche irgendwann überdreht, gibt es offenkundig nicht beim CIVD. Die solvente Kundschaft greift bei den Neufahrzeugen zu - der Durchschnittspreis für einen neuen Wohnwagen in Deutschland lag im vergangenen Jahr bei etwa 20.000 Euro, für ein neues Wohnmobil bei 71.000 Euro. Die Jüngeren und Einsteiger wiederum lassen den Vermietmarkt blühen. Rund ein Viertel der Reisemobil-Neuzulassungen entfallen inzwischen auf diese Klientel; das Vermietgeschäft ist gewissermaßen die Einstiegsdroge der künftigen Caravaning-Klientel.

Auch auf dem Gebrauchtmarkt herrscht Nachfrageüberschuss

Weil die Wohnmobil-Vermieter ihre Fahrzeugflotten regelmäßig erneuern, gibt es ein riesiges Reservoir an Gebrauchtfahrzeugen - so denkt man zumindest. Doch auch der Markt für gebrauchte Reisemobile ist derzeit saugfähig wie ein Schwamm. Er wächst und wächst, und zumindest aktuell übertrifft die Nachfrage das Angebot noch deutlich.

Kann das noch lange so weitergehen?

Das ist die große Frage. Was die hiesigen Hersteller betrifft, die insgesamt rund 95.000 Menschen beschäftigen und teilweise händeringend neues Personal suchen, ist die Antwort einfach: Der positive Trend wird anhalten. Um ihn zu befeuern, werden beispielsweise auf dem Caravan Salon in Düsseldorf die rund 130 Fahrzeughersteller unter den 600 Ausstellern mehr als 2100 Freizeitmobile vorstellen. Vom ausgebauten Kastenwagen bis zum Zwölf-Meter-Luxusdomizil auf Rädern; vom Klappcaravan bis zur Doppelachser-Urlaubslounge mit indirekter LED-Beleuchtung, Nasszelle mit Regendusche oder Zusatzbetten, die sich auf Knopfdruck elektrisch von der Decke absenken.

Ob zwei- oder einstellig - Hauptsache Wachstum

Über ein mögliches Ende des Booms mag offiziell niemand sprechen. Und inoffiziell heißt es sinngemäß: Wenn aus dem zweistelligen Wachstum mal ein einstelliges Wachstum wird, dann werden wir damit klarkommen. Anders ausgedrückt: In der Caravaning-Branche herrscht solide Zuversicht.

Die einzige absehbare Gefahr, die den Reisemobil-Aufschwung dämpfen könnte, lauert ausgerechnet dort, wo man gern rundum sorgenfrei wäre: im Urlaub. Denn immer öfter hängen an Campingplätzen schon am Eingang Schilder mit der Aufschrift "ausgebucht", "complet", "completo" oder "booket opp". Die Stellplätze für Wohnmobile und Wohnwagen werden knapp. Wer mit romantischen Roadtrip-Vorstellung losfährt, um sich im Urlaub von hier nach dort treiben zu lassen, wird oft schon am ersten Abend bitter enttäuscht. Denn die Suche nach einem legalen Stellplatz kann zur nervenaufreibenden Odyssee werden.

So könnte, dramatisch formuliert, der Caravaning-Boom irgendwann an sich selbst ersticken - einfach weil sich zu viele Erholungssuchende mit ihren Wohnwagen und Reisemobilen um zu wenige Plätze balgen. Es wäre der Kater nach dem weißen Rausch.

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insgesamt 23 Beiträge
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peter.hartung@hamburg.de 24.08.2018
1. Nach dem SUV kommt der Caravan.
Hier sind nach Urlaubsende die Wohnstraßen mittlerweile mit Caravans zugeparkt.
Olaf 24.08.2018
2. Camping Complet
Das trifft eigentlich nur in der Hauptreisezeit in den touristischen Hochburgen zu. Wer auf die Idee kommt im Juli - August spontan an die Mittelmeerküste zu fahren, um dort direkt am Meer zu stehen wird wohl enttäuscht werden und auf das Hinterland ausweichen müssen. Ohne Reservierung geht dort nichts. Ansonsten ist das aber kein Problem. Ich reise seit Jahren so im Urlaub durch Europa. Bevor ich zur nächsten Etappe aufbreche rufe ich bei den in Frage kommenden Campingplätzen an und frage, ob etwas frei ist. Dadurch brauche ich am Abend nicht noch lange durch die Gegend fahren und suchen.
g.s-sanet 24.08.2018
3. Wie gehabt.
So wie die Tourismus-Industrie die Urlaubsorte, die Berge, die Strände und die "schönen Innenstädte" kaputtpropagiert, so wird der medienbefeuerte Camper-Hype den Rest der Welt zuparken. Wohl dem, der seine Traumziele nicht über Facebook whatsapped, sondern die Klappe hält und nicht der "mit allen teilen" Hysterie verfällt.
jutta_weise 24.08.2018
4. VW T3 Bulli
mit dem fahre ich seit über 15J. durch Europa. Hab alles was ich brauche dabei und stelle immer wieder fest, mehr Platz braucht kein Mensch! Egal wo immer ich bin, kommen Interessierte (meistens Männer) um ihn zu bewundern. Meine Erfahrung über die Jahre ist die, dass überwiegend Männer viel lieber in kleinen, kompakten Bullis fahren würden, dass aber die Damen, so sie denn ihr Ja zum mobilen Urlaub geben, es "2-Zimmer-Küche-Bad" sein müssen, also Komfort wie zu Hause. Daher sind auch die meisten Fahrer der Riesenmobile ältere Semester. Fahren sie dann in winzigen Ortschaften in Frankreich z.B. mit noch winzigeren Straßen, ist ein Stau vorprogrammiert, aus dem sie allein schwerlich wieder rauskommen. Das muß sich in Zukunft regeln, denn es ist schon heute so, dass dort wohin viele fahren, man nirgends mehr einen Platz bekommt. Stehen diese "Schiffe" dann noch auf Uferstraßen und behindern die Sicht derer, die dort wohnen, sind Verbote zur Stationierung nicht mehr zu vermeiden. Ich hatte vor ca. 10J. in der Normandie einen kl. versteckten Strand entdeckt, mit einem Parkplatz für ca. 20 PkWs. Das waren oft Einheimische die dort parkten um zu angeln. Plötzlich kamen immer mehr riesige WoMo oft im Doppelpack und indem sie zwischen sich Platz für Tisch, Stühle und Grill ließen, fehlte Platz für die PkWs. Es dauerte knapp 4J. bis die Gemeinde eine Schranke bis 2m Höhe baute. Leider paßt mein Bulli, auch wenn er nur so groß wie ein PkW ist, nicht mehr darunter! In Portugal und Südspanien werden auch mehr und mehr schöne Plätze mit Schranken versehen, so dass sich das Problem mit RiesenWoMo irgendwann von selbst löst. Hoffe ich jedenfalls.
graf koks 24.08.2018
5. Alternative
Für viele, die sich kein Eigenheim leisten können und irrwitzige Mieten nicht zahlen wollen, eine interessante Alternative. Insbesondere für Rentner mit Fernweh. (Ja ich weiß, natürlich braucht man eine Meldeadresse)
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