"Carmageddon" Los Angeles fürchtet das jüngste Verkehrsgericht

Die meistbefahrene Straße der USA ist ein ganzes Wochenende gesperrt - und Los Angeles fürchtet das "Carmageddon", die Mutter aller Verkehrsstaus. Ob die automobile Apokalypse wirklich eintritt, weiß niemand - aber Spaßvögel und findige Geschäftsleute haben schon jetzt gewonnen.

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AFP

Zähfließender Verkehr, Stau, Mega-Stau, Verkehrschaos - nichts davon scheint genug, um zu beschreiben, was Los Angeles an diesem Wochenende droht. "Carmageddon" nennen es die Amerikaner. Das jüngste Verkehrsgericht sozusagen.

Der Grund: Ein rund 16 Kilometer langes Teilstück der Interstate 405 wurde ab Samstagmitternacht für 53 Stunden wegen Bauarbeiten komplett gesperrt. Nun ist die I-405 nicht irgendeine Straße: Sie gilt als die meistbefahrene des Landes, was in den USA etwas heißen will. Auf der I-405 wurde schon ein Verkehrsaufkommen von fast 400.000 Autos gemessen. Pro Tag. Die Hauptschlagader des Westens von Los Angeles verbindet unter anderem den Flughafen und die Strände von Santa Monica mit dem dicht besiedelten San Fernando Valley im Norden.

Jetzt aber herrscht gespenstische Stille auf der I-405 - und die Amerikaner befürchten die Mutter aller Staus. Im schlimmsten Fall, so heißt es, könne es zum Zusammenbruch des gesamten Verkehrs in der Millionenstadt kommen. An den gesperrten Zufahrten der I-405, so das Worst-Case-Szenario, könnten derart lange Rückstaus entstehen, dass ein Domino-Effekt den Verkehr im gesamten Stadtgebiet lahmlegt. "Es wird ein absoluter Alptraum sein", barmte Bürgermeister Antonio Villaraigosa.

"Haltet euch um Himmels willen fern von hier"

Doch es muss sein: Für eine Milliarde Dollar wird eine Brücke abgerissen, um Platz für eine weitere Fahrspur zu machen. Das Leben der autoverrückten Angelenos dürfte dadurch auf lange Sicht leichter werden, denn rekordverdächtige Staus sind auf der I-405 keine Seltenheit. Die "Four-O-Five" ausgesprochene Nummer der Autobahn, so witzeln die Bewohner der Stadt, stehe für die dortige Höchstgeschwindigkeit: vier oder fünf Meilen pro Stunde.

Doch vor der Fahrt auf einer verbreiterten I-405 müssen die Angelenos durchs verkehrstechnische Fegefeuer, glaubt man den Warnungen. "STAY HOME", twitterte etwa Filmstar Tom Hanks: "Bleibt zu Hause!" Die Logik dahinter: ohne Car kein Carmageddon. In Fernsehen, Radio und Internet heißt es: Wer kann, soll sein Auto stehen lassen - und ansonsten einen weiten Bogen um Los Angeles machen. "Haltet euch um Himmels willen fern von hier", sagte Zev Yaroslavsky von der Stadtverwaltung. Elektronische Anzeigetafeln warnten Autofahrer schon im 600 Kilometer entfernten San Francisco davor, Los Angeles zu nahe zu kommen.

Wer dennoch unbedingt mit seinem Auto ins Carmageddon rollen müsse, solle das wenigstens mit vollem Tank tun und sein Handy nicht vergessen. Ein Psychiater des Cedars-Sinai Medical Centers bot den Betroffenen professionelle Hilfe an - damit sie ruhig bleiben und keine Unfälle bauen. Krankenhausmitarbeiter wurden in Hotels und Herbergen einquartiert, um sicherzugehen, dass nicht alle gleichzeitig zu spät zur Arbeit kommen. Drei Helikopterfirmen stehen bereit, um in Notfällen Patienten und Organe zu transportieren.

Spaß mit dem Carmageddon-Hype

Aber Amerika wäre nicht Amerika, wenn die angeblich drohende automobile Apokalypse nicht auch verulkt oder fürs Geschäft genutzt würde. Oder beides zugleich.

Michael Jacksons Hautarzt etwa soll 25 Prozent Rabatt auf Botox-Injektionen angeboten haben. Erregte Verkehrsopfer könnten so zumindest Pokerface zeigen. Auch der Tätowierladen T-Man's Tattoos, der im San Fernando Valley direkt neben der I-405 liegt, lockt mit Preisnachlässen: "Wer reinkommt und sagt, dass er im Carmageddon steckt, kriegt 15 Prozent auf Tattoos und Piercings", sagte Besitzer Howard Teman.

Die Fluggesellschaft JetBlue verkaufte Tickets für den 20-Minuten-Flug von Burbank nach Long Beach für - Achtung, Zahlenwitz! - vier oder fünf Dollar. Allerdings nur für drei Stunden, dann waren alle weg. Besser Betuchte können den leeren Highway mit einem Glas Champagner aus der Luft erleben. 400 Dollar muss ein Paar für das Helikopter-Vergnügen zahlen.

Die aus Sicht eines Los-Angeles-Bewohners verrückteste Idee dürfte aber eine andere gewesen sein: Man könnte Fahrräder benutzen. "Jeder flippt aus wegen des Verkehrs rund um die 405 - dabei ist Radfahren eine sehr brauchbare Alternative", sagte Radfahrer Gary Kavanagh der Nachrichtenagentur AP, die nicht berichtete, wie lange es gedauert hatte, in Los Angeles einen Radfahrer aufzuspüren.

Auf YouTube etwa gibt es inzwischen mehr als 3000 Videos mit "Carmageddon" im Titel. Im "offiziellen Trailer" zu "Carmageddon: The 405" rasten Autofahrer spektakulär aus. In "Hitler schimpft über Carmageddon", der inzwischen über 250.000-mal angeklickt wurde, wird die Tobsuchtsanfall-Szene im Führerbunker aus "Der Untergang" mit englischen Untertiteln verulkt. Am Ende seiner Attacke sackt der "Führer" im Stuhl zusammen und seufzt: "Wenn ich Glück habe, schaffe ich es aus meiner Grundstücksausfahrt."

Möglich ist auch, dass es überhaupt nicht zum Carmageddon kommt - weil die Warnungen so zahlreich und apokalyptisch sind, dass die Menschen tatsächlich in ausreichender Zahl aufs Auto verzichten. Erste Anzeichen dafür gab es bereits am Freitag: In der abendlichen Rushhour war der Verkehr verblüffend dünn. "Carmageddon? Das ist mehr wie Carmaheaven", twitterte ein erstaunter Autofahrer. "Kein Verkehr in L.A.!"

Auch Bürgermeister Villaraigosa kommen offenbar erste Zweifel, ob der von ihm prophezeite Alptraum wirklich eintritt. "Wir werden entweder sagen, dass wir Carmageddon überlebt haben - oder den Carmageddon-Hype."

Mit Material von AP



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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Altesocke 16.07.2011
1. ####
Zitat von sysopDie meistbefahrene Straße der USA ist ein ganzes Wochenende gesperrt - und Los Angeles fürchtet das "Carmageddon", die Mutter aller Verkehrsstaus. Ob die automobile Apokalypse wirklich eintritt, weiß niemand - aber Spaßvögel und findige Geschäftsleute haben schon jetzt gewonnen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,774845,00.html
Na, wenn Hollywood da mal keinen Film draus macht. Mit Fortzetzungen!
marti2010 16.07.2011
2. Aber hallo!
"Die aus Sicht eines Los-Angeles-Bewohners verrückteste Idee dürfte aber eine andere gewesen sein: Man könnte Fahrräder benutzen. "Jeder flippt aus wegen des Verkehrs rund um die 405 - dabei ist Radfahren eine sehr brauchbare Alternative", sagte Radfahrer Gary Kavanagh der Nachrichtenagentur AP, die nicht berichtete, wie lange es gedauert hatte, in Los Angeles einen Radfahrer aufzuspüren." Das hat ja wohl eher etwas mit einer flotten Feder als mit Fakten zu tun. Natürlich gibt es jede Menge Leute, die in Los Angeles Rad fahren, und es werden immer mehr. Ausserdem gibt es in der Stadt einen hervorragend funktionierenden Nahverkehr, Busse und U-Bahnen. Benutzen auch viele Leute. Es wäre jedenfalls schön, wenn nicht immer und immer wieder dieselben Floskeln bemüht würden. Natürlich ist es die einfachere Arbeit, sie trägt leider nicht besonders viel zum Erkenntnisgewinn bei.
makrizi 16.07.2011
3. Stau auf der A3....
Zitat von sysopDie meistbefahrene Straße der USA ist ein ganzes Wochenende gesperrt - und Los Angeles fürchtet das "Carmageddon", die Mutter aller Verkehrsstaus. Ob die automobile Apokalypse wirklich eintritt, weiß niemand - aber Spaßvögel und findige Geschäftsleute haben schon jetzt gewonnen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,774845,00.html
Wem Interessiert das? Das Niveu des Spiegel ist mit dem der Bild mittlerweile auf der gleichen Stufe. Traurig. Eine Personalreform wäre angebracht.
manuelbaghorn 16.07.2011
4. Wie bitte?
Zitat von marti2010"Die aus Sicht eines Los-Angeles-Bewohners verrückteste Idee dürfte aber eine andere gewesen sein: Man könnte Fahrräder benutzen. "Jeder flippt aus wegen des Verkehrs rund um die 405 - dabei ist Radfahren eine sehr brauchbare Alternative", sagte Radfahrer Gary Kavanagh der Nachrichtenagentur AP, die nicht berichtete, wie lange es gedauert hatte, in Los Angeles einen Radfahrer aufzuspüren." Das hat ja wohl eher etwas mit einer flotten Feder als mit Fakten zu tun. Natürlich gibt es jede Menge Leute, die in Los Angeles Rad fahren, und es werden immer mehr. Ausserdem gibt es in der Stadt einen hervorragend funktionierenden Nahverkehr, Busse und U-Bahnen. Benutzen auch viele Leute. Es wäre jedenfalls schön, wenn nicht immer und immer wieder dieselben Floskeln bemüht würden. Natürlich ist es die einfachere Arbeit, sie trägt leider nicht besonders viel zum Erkenntnisgewinn bei.
Entschuldigung, aber das kann nicht ihr Ernst sein. Ich bin durchaus schon in einigen Städten gewesen, aber was ich nahverkehrstechnisch in L.A. erlebt habe, das spottet jeder Beschreibung: U-Bahn Linien, die gerade einmal ein Viertel des Stadtgebietes anschliessen und dabei Buslinien, die in den chronisch verstopften Straßen überhaupt nicht voran kommen. Bei nicht vorhandenen Radwegen und den typisch amerikanischen Autos (SUV etv.) erfordert es dann vor allem in der Innenstadt schon einigen Mut, wenn nicht gar suizidale Absichten, sich auf das Rad zu schwingen. Insofern wundert mich Verkehrschaos in einer derart aufs Auto angewiesenen Stadt kaum!
germanvirgin 16.07.2011
5. na und
Das will ich sehen wie man in Deutschland an nur einem Wochenende ein 16 km langes Autobahnstueck repariert und noch dazu eine komplette Bruecke abreisst. Das wuerde Monate dauern.
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