Nachruf auf Carroll Shelby Der PS-Papst

Er war das Synonym für schnelle Sportwagen made in USA: Carroll Shelby widmete sein Leben dem Top Speed, ermöglichte Ford legendäre Siege über Ferrari und schuf Autos, die günstig und schnell zugleich sein konnten. Jetzt ist der amerikanische PS-Papst im Alter von 89 Jahren gestorben.

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AP

Den größten Erfolg seiner Rennfahrerkarriere feierte Carroll Shelby mit Nitrogylcerintabletten unter der Zunge. Es war 1959, und Carroll Shelby saß hinter dem Steuer eines Aston Martin DBR 1/300 bei den 24 Stunden von Le Mans, einem der prestigeträchtigsten, aber auch härtesten Langstreckenrennen der Welt.

Dass Rennwagen in Le Mans kollabieren, ist eher Regel als Ausnahme, die Belastungen für Fahrzeug und Fahrer sind ohne gleichen. Doch Shelbys Karre rannte wie ein Uhrwerk - er selbst war das Problem. Im Alter von sieben Jahren wurde ihm eine Herzklappeninsuffizienz diagnostiziert, fortan verbrachte er weite Teile seiner Kindheit im Bett.

Im Laufe der Jahre verbesserte sich sein Zustand, als er 14 Jahre alt war, wurde er für geheilt erklärt. Doch nun, in Le Mans, begriff Shelby, dass sein Herz nicht zum Rennfahren taugte. Nur durch den Einsatz von Nitroglycerintabletten konnte er sich selbst so tunen, dass das Stechen in der Brust erträglich wurde und er bis zum Ende des Rennens durchhielt. Er siegte - hängte aber das Rennfahren an den Nagel.

Geschwindigkeit war sein Lebenselixier

Für ihn muss es eine der schmerzvollsten Entscheidungen seines Lebens gewesen sein. Schon als Kind war Carroll Shelby fasziniert von Geschwindigkeit. "Schneller, schneller, schneller", soll er gerufen haben, wenn er seinen Vater, einen Briefträger, auf dessen Fahrten begleitete. Kaum hatte er ein eigenes Auto, forderte er jeden, der sich anbot, zu Rennen heraus.

Carroll Shelby, der am Donnerstag, 10. Mai, in Dallas, Texas, gestorben ist, war der prototypische Gearhead, wie Auto-Verrückte in den USA genannt werden. Und kaum jemand prägte die amerikanische Sportwagen- und Motorsportszene so wie Shelby, der sich erst als Arbeiter auf den texanischen Ölfeldern versuchte, dann erfolglos eine Hühnerfarm betrieb und erst durch Zufall zum Rennfahrer wurde - nämlich als er den MG eines Freundes zu einem Rennen fuhr.

Heute steht sein Name für Autos, bei denen Kenner vor Bewunderung und Sehnsucht auf die Knie sinken, so wie die Shelby-GT-350-Version des Ford Mustang oder die AC Cobra. Originale dieser Fahrzeuge erzielen heute auf Auktionen Millionenbeträge. Und selbst die zigtausend Nachbauten, die es gibt, werden so hoch gehandelt, als strahle der Mythos auch auf sie ab.

Sieg über Ferrari

Gleichzeitig steht der Name Shelby über den wohl legendärsten Sieg eines amerikanischen Sportwagens über die technisch sehr viel komplexeren Fahrzeuge aus Europa, vor allem jene automobilen Kunstwerke aus Maranello, die Rennwagen der Scuderia Ferrari.

Viermal in Folge schlug der Ford GT 40 Ferrari dort, wo die roten Renner bis dato immer dominiert hatten: in Le Mans. 1966, 1967, 1968 und 1969 ging der Sieg an die von Shelby betreuten und konkurrenzfähig gemachten Flundern mit dem so archaischen wie kraftvollen Siebenliter-Motor im Heck.

Spätestens seit diesen Erfolgen wurde Shelby für Kenner eine Legende. Doch bekannt war Shelby durch die von ihm gebauten Sportwagen geworden. Denn was er wohl als Schicksalsschlag empfunden hatte, war das große Glück von PS-Fans auf der ganzen Welt: Kaum hatte er nämlich seine Rennfahrerkarriere beendet, begann er mit der Konstruktion von Sportwagen.

Klein, leicht, stark

1961 traf Shelby eine Vereinbarung mit dem britischen Sportwagenhersteller AC. Dessen zweisitzigen Roadster namens Ace wollte Shelby mit den neuen, kleinen V8-Motoren von Ford ausrüsten. Den damaligen Ford-Chef Lee Iacocca nervte er so lange, bis der ihm zwei Testmotoren zur Verfügung stellte sowie 25.000 Dollar Entwicklungsbudget. Shelbys Versprechen: ein Auto auf die Beine zu stellen, mit dem Ford die Corvette von Chevrolet, damals das Maß der Dinge bei den US-Sportwagen, in die Schranken weisen konnte.

1962 war es soweit, die AC Cobra, wie Shelby seine Schöpfung nannte, ging in Serie. Und der PS-Papst hatte nicht zu viel versprochen: Das geringe Fahrzeuggewicht in Verbindung mit der Kraft des Ford-V8 ergaben eine Performance, gegen die die Konkurrenz chancenlos war. Auf der Rennstrecke - und auf der Straße.

Shelby hatte etwas geschafft, was vor ihm nur wenigen anderen Konstrukteuren gelungen war. Er hatte simple, vergleichsweise anspruchslose Großserientechnik zu einem Paket kombiniert, das viel, viel teurere und viel, viel ausgefeiltere Autos in Grund und Boden fuhr. Das war die Shelby-Philosophie. Irgendwie pragmatisch-amerikanisch, aber im Ergebnis atemberaubend.

Shelby stellt den Mustang scharf

Fortan standen Shelby bei Ford alle Türen offen. Er durfte Hand an alles legen, was das blaue Markenwappen trug und sportlich sein sollte. Und so zeichnete der Texaner nicht nur für die Motorsportprojekte von Ford verantwortlich, sondern auch für heiße Versionen von Fords damals erfolgreichstem Großserienprodukt - dem Ford Mustang.

Davon allerdings war Shelby Anfangs nicht begeistert. "Es war praktisch unmöglich, aus einem Sekretärinnen-Fahrzeug, das gerade mal 2400 Dollar kostete, ein Auto zu machen, mit dem man auf der Rennstrecke Siege einfahren könnte", erinnerte sich Shelby in einem Interview an seine erste Reaktion auf das Projekt.

Doch natürlich konnte Shelby. Er bohrte den Motor auf, verstärkte das Chassis und verbaute größere Bremsen - und schon waren die Shelby-Versionen des Mustang, die von 1965 bis 1967 gebaut wurden, die begehrtesten Exemplare des Pony Cars.

Shelby - ein Versprechen

Und so war es irgendwie immer. In den achtziger Jahren unterbrach Shelby für einige Jahre seine Zusammenarbeit mit Ford. Er folgte Lee Iacocca zu Chrysler, und schuf dort auf Basis eines Zehnzylinder-LKW-Motors die Dodge-Viper, das amerikanische Super-Car der neunziger Jahre. Vor allem aber war er für die sportlichen Ableger der regulären Produktpalette verantwortlich. Die trugen seinen Namen mit Stolz: Shelby Charger, Dodge Daytona Shelby, Shelby Lancer.

Shelby - wenn dieser Name auf der Seite eines Autos prangte, dann klang da stets mehr mit als bei einem schnöden "GTI", einem "M", einem "RS" oder anderen Kürzeln oder Bezeichnungen, mit denen Hersteller die schnellen Versionen ihrer Autos titulieren.

"Shelby" stand für ein Leben, das der Geschwindigkeit gewidmet war. Für jahrelange Erfahrung auf und neben der Rennstrecke. Und vor allem für den Willen, auch aus einfachen Mitteln viel zu machen.

"Shelby", das war ein Versprechen: Hier bekommst Du ein Großserienauto zu einem fairen Preis - aber der amerikanische PS-Papst hat seine Hand aufgelegt und es heilig gesprochen.

Carroll Shelby starb am Donnerstag, 10. Mai in Dallas, Texas im Alter von 89 Jahren. Shelby hinterlässt seine Frau Cleo, drei Kinder, sechs Enkel und sechs Urenkel sowie seine Schwester Anne Shelby Ellison.



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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Pizza No.7 14.05.2012
1. Beeindruckend
Ein beeindruckender Nachruf auf einen beeindruckenden Mann. Danke dafür, SPON!
dongerdo 14.05.2012
2.
Wirklich schöner Nachruf! Eine DER Legenden unter den Autobauern/designern ist da von uns gegangen...
cseimports 15.05.2012
3. Sein Name lebt weiter
Habe Carroll Shelby in den neunziger Jahren mal auf der SEMA Show in Las Vegas erlebt. He's not just a "car-guy". He's someone who knows how to market his ideas, too. Wahrscheinlich habe ich mir deshalb vor wenigen Monaten einen 2012er Shelby GT500 zugelegt. Shelby lebt weiter. In meiner Garage.
pepito_sbazzeguti 15.05.2012
4. Cobra
Rufe in Frieden, Carroll Shelby. Deine "Cobra" war/ist das Größte überhaupt. Kein Auto war geiler.
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