Autogramm Caterham Seven 165 Gas geben im Giftzwerg

Keine Karbon-Karosserie, kein adaptives Fahrwerk, kein dicker Motor - mit gerade mal 80 PS ist der Caterham Seven 165 die Antithese zum modernen Sportwagenbau. Weil er nur 490 Kilogramm wiegt, macht er trotzdem mehr Spaß als mancher Supersportler.

Caterham

Der erste Eindruck: Auto oder Spielzeug?

Das sagt der Hersteller: "Der 165 ist die Essenz dessen, was den Seven ausmacht, und weckt starke Erinnerungen an die Geburt des originalen Lotus 7 in den Fünfzigern", hat der britische Kleinserienhersteller seinem neuen Einstiegsmodell ins Stammbuch geschrieben. Kein Auto beweise eindrucksvoller, wie man Performance durch Leichtbau erzielen könne. Und in keinem anderen Sportwagen fühle sich der Fahrer der Straße so nahe.

Das ist uns aufgefallen: Mann, ist das eng hier. Nur mit Hilfe der Schwerkraft ploppt das Becken irgendwie in die enge Lederschale, die Knie schlagen von unten so fest ans Armaturenbrett, dass man rechts schnell den Schlüssel aus dem Zündschloss haut. Und wer Schuhe über Größe 39 trägt, tritt eigentlich permanent alle drei Pedale auf einmal. Gut, dass man mit einem Handgriff die Türen aushängen und der Einfachheit halber zu Hause lassen kann. Dann hat wenigstens der Oberkörper Platz, wenn er wie eine Frühlingsblume in vollem Saft aus dem grünen Kelch der Karosse quillt.

Sobald man sitzt, der Motor läuft und der Bug in den Wind dreht, sind alle Schmerzen vergessen. Wenn der Hintern fast auf der Straße sitzt, jede noch so kleine Drehung am Lenkrad den Wagen wie eine Flipperkugel durch die Kurven knallen lässt, die Federung schon die Fahrbahnmarkierung unmittelbar ans Popo-Meter durchgibt und man den langen Vorbau mit seinen freistehenden 14-Zoll-Rädchen auf den Millimeter genau auf der Ideallinie platzieren kann, fährt man fast intuitiv und so narrensicher, dass man sich über den Mangel an Airbags und Elektronik keine Sorgen mehr macht. Schneller und immer schneller nimmt man die Kurven, in diesem Auto lässt sich nachfühlen, was Motorradfahrer bei einer flotten Landpartie empfinden.

Zwar tun einem schon nach einer Viertelstunde alle Knochen weh, die Beine schlafen ein und man kann kaum mehr sitzen. Doch selten haben sich 80 PS so kräftig angefühlt, und selten hat ein Auto für so wenig Geld so viel Spaß gemacht. Ans Aufhören will man deshalb gar nicht denken. Schon allein deshalb nicht, weil man sich dann ja wieder aus dem Schraubstock schälen müsste. Und diese Peinlichkeit sollte man sich und allen Umstehenden ersparen.

Woran man übrigens auch nicht denken möchte, ist schlechtes Wetter. Nicht nur, weil der Seven dann so ganz ohne elektronische Fahrhilfen leicht zum gefährlichen Querschläger wird, der nur mühsam zu kontrollieren ist. Sondern vor allem, weil das knapp geschnittene Kunstlederverdeck so mühsam aufzuspannen und festzuknüpfen ist wie ein Pfadfinderzelt - und danach garantiert nicht nur die Frisur, sondern gleich auch alle zehn Fingernägel ruiniert sind.

Das muss man wissen: Auf der IAA im letzten Herbst war er noch ein Prototyp, doch seit einigen Tagen steht der Seven 165 bei den wenigen Caterham-Händlern in Deutschland. Die verlangen für den kargen Zweisitzer unschlagbar günstige 23.795 Euro: Mehr Sportwagen, mehr Showeffekt, mehr Aufmerksamkeit und mehr Fahrspaß fürs Geld gibt es wahrscheinlich nicht mal beim Gebrauchtwagenhändler.

Sonst allerdings hat der Caterham auch nicht viel zu bieten. Wenn Verzicht zur Maxime wird, ist schon ein Radio Luxus, von einer Heizung, einer Klimaanlage oder gar einem Airbag ganz zu schweigen. Die wenigen Kippschalter im Cockpit sind für Licht, Blinker und Scheibenwischer, und für andere Extras ist in dem knappen Kunststoffstreifen ohnehin kein Platz.

Unter der langen Haube steckt ein Dreizylinder, den die Briten mitsamt dem knackig kurzen Fünf-Ganggetriebe und der starren Hinterachse bei Suzuki einkaufen. Während der Motor in der Japan-Ausgabe des Mini-Geländewagen Jimny allerdings nur auf 64 PS kommt, treibt ein Turbo die Leistung des gerade einmal 660 Kubikzentimeter großen Maschinchens nun auf 80 PS und das maximale Drehmoment klettert auf 107 Nm.

Klingt nach wenig - bis man den Wagen auf die Waage stellt: Dank Gitterrohr-Rahmen, Alublechen, Kunststoffkarosse und Mini-Motor wiegt der Caterham gerade mal 490 Kilo und dürfte eines der leichtesten Autos im Land sein. Leicht genug jedenfalls, um selbst mit so einem Winz-Motor zum Wirbelwind zu werden und immerhin in 6,9 Sekunden von 0 auf 100 zu sprinten. Und sparsam ist er dabei obendrein: Ein Normverbrauch von 4,9 Litern und auch bei schwerstem Bleifuß kein zweistelliger Alltagswert - das muss dem eiligen Engländer ein anderer Sportwagen ohne Hybrid-Baustein erst einmal nachmachen.

Das werden wir nicht vergessen: Der Motor weit jenseits von 7000 Touren, der rechte Fuß bleischwer, die Hände schweißnass und die Haare steil im Wind - selten hat sich ein Auto mit 80 PS derart sportlich angefühlt wie der fabrikneue Oldtimer aus Dartford - bis man irgendwann doch mal in den Rückspiegel schaut und feststellt, dass einem der alte 75 PS-Polo jetzt schon seit Kilometern im Nacken hängt. Denn anderen Autos davonzufahren, ist mit diesem Sportwagen dann doch nicht so einfach. Aber von Speed war hier ja nie die Rede, sondern von Spaß!



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insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
broca 06.05.2014
1. Wirklich?
658 PS aus 3 Zylindern, alle Achtung!
ticino49 06.05.2014
2. Wenn der
Autor mit dem Seven einem Polo mit 75PS nicht davon fahren kann, wirf das ein ganz schlechtes Licht auf seine Fahrkünste
bartholomew_simpson 06.05.2014
3. Nettes Autochen,
aber bereits beim Lesen des Artikels tun mir die Knochen weh;-).
haltetdendieb 06.05.2014
4. Genial!
Wäre ich jung, dann wäre das mein Wagen! Wunderbar!
Lichtumleitung 06.05.2014
5. Aussteigen!
Wenn ich mir so vorstelle, wie ich mir selbst beim Aussteigen aus diesem Flitzer zusehe... *seufz* ...das wird wohl nichts mit uns.
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