Cervélo C3 Der leichte Renner für zwischendurch

Das C3 des Carbonspezialisten Cervélo ist ein gutes Trainingsrad für Sportler mit Ambitionen. Im Alltag ist es die entscheidenden Stundenkilometer schneller, um E-Bike-Fahrer richtig alt aussehen zu lassen.

Stefan Weißenborn

Der erste Eindruck: Leicht, wendig, pur - das hier ist ein Rennrad. Aber halt: das muss präzisiert werden.

Das sagt der Hersteller: Gravelbikes, also Fahrräder mit Rennlenker und breiteren Reifen, die auf Kies und Schotter zurechtkommen, gibt es noch nicht sehr lange. Und schon differenzieren sich die Segmente weiter aus. Beispiel: das C3 des kanadischen Herstellers Cervélo. Es ist kein waschechtes Rennrad, aber auch kein Gravelbike. Es fährt in der schmalen Nische dazwischen.

"Als Endurance [Ausdauer]-Rennrad soll es die Fahrer abholen, die nach der Saison im Freien weiter trainieren und ein bisschen mehr Komfort wollen als auf einer reinrassigen Rennmaschine", sagt Gillian Rübsteck von Cervélo Europe. Deshalb sitzt das Tretlager im Vergleich zu den Rennmaschinen der Cervélo R-Serie weiter unten, der Abstand zum Steuerrohr ist größer, und der Schwerpunkt liegt tiefer. "Dadurch sitzt man aufrechter", sagt Rübsteck. Zudem passen Reifen bis zu einer Breite von 30 Millimetern ans C3, die sich angenehmer als eine 25-Millimeter-Rennbereifung fahren. "Zur Not können Sie damit auf Schotter, wo Rennmaschinen sich deutlich rutschiger fahren."

Die Betonung liegt auf: zur Not. Denn echte Gravelrad-Bereifung geht erst bei 35 Millimetern Breite los. Doch laut Rübsteck lässt sich das knapp acht Kilo leichte C3 sogar als schnelles Reiserad nutzen. Sattelstütze und Lenker sind fürs Bepacken vorbereitet, zudem gibt es kleine Gänge für steile Etappen. Das zulässige Gesamtgewicht liegt je nach Laufradsatz bei mindestens 130 Kilo.

Stören dürfte Radreisende vor allem das Rahmenmaterial. Cérvelo hat sich im Rennsport mit sehr leichtem Carbon zwar einen Namen gemacht. Doch Stahl gilt auf der großen Tour immer noch als das Mittel der Wahl: Rahmen aus dem Werkstoff lassen sich notfalls schweißen. Mit einem Riss im Kohlefaserlaminat droht das Reiseaus.

Das ist uns aufgefallen: Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander. Wer von Reiserad oder Mountainbike auf das C3 umsteigt, fühlt sich nicht komfortabel aufgehoben, sondern irgendwie nackt. Aber es ist eine Frage der Perspektive. Der erfahrene Rennradfahrer wiederum wird bemerken, dass Carbonlaufräder fehlen und vielleicht zu wenig Sportlichkeit bemängeln.

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Ratgeber Rad: Sportler mit Ambitionen

Im Alltagseinsatz ist das C3 aber richtig schnell. E-Bike-Fahrer werden spielend überholt, wenn das Trainingsniveau nicht ganz im Keller ist. Denn während die Elektroradler selten über die 25 km/h der maximalen Tretunterstützung hinauskommen, sind 30 Sachen auf gerader Strecke als Reisegeschwindigkeit für das C3 keine große Herausforderung.

Das Rad lenkt sich sportlich-direkt, ohne dass der Fahrer nervös wird. Von Komfort zu sprechen wie der Hersteller, führt aber in die Irre. Macht aber nichts - bocksteife Fahrwerke haben ja ihren Sinn: Jedes Federelement würde Muskelkraft versickern lassen. Mit dem C3 hat man das Gefühl, dass sämtliche Mühen mit Vortrieb belohnt werden.

Auf Waldweg hingegen darf man nicht mehr erwarten als von einem tiefergelegten Golf GTI. Es holpert, geht auf die Gelenke und spannt so an, dass Nackensteife droht. Die angenehmen Eigenschaften eines Gravelbikes? Zumindest mit den aufgezogenen 28mm-Reifen in weiter Ferne.

Das muss man wissen: Mit 4499 Euro ist das C3 kein Schnäppchen, aber zum Beispiel günstiger als das Einsteiger-Carbonrennrad aus der Madone-Serie des amerikanischen Herstellers Trek, das ab 4000 Euro kostet. Vergleichbare Modelle von Cube oder Canyon mit Kohlefaserrahmen unterbieten die 2000-Euro-Grenze, werden aber mit Komponenten der günstigeren 105-Reihe von Shimano bestückt. Wem dies an Ausstattung genügt, findet auch bei Cervélo mit dem Einstiegsmodell C2 (ab 2699 Euro) eine günstigere, aber etwas schwerere Carbon-Variante.

Das C3 fährt standardmäßig mit der höher angesiedelten Shimano-Ultegra-Gruppe. Die mechanischen Scheibenbremsen sind mit 160mm-Discs ausreichend dimensioniert, bissfest und fein dosierbar, die Kette springt fast synchron zum Schaltbefehl um. Vor allem wer die Bremsgriffhebel als Lenkhörnchen nutzt, erreicht die Schalttasten gut.

Für 1000 Euro Aufpreis kommt eine elektrische DI2-Variante der Ultegra-Schaltung an Bord. Kleine Stellmotoren wechseln die Gänge schnell und präzise, die Kettenlinie wird automatisch nachgeführt, und es fallen Bowdenzüge und damit Wartungsaufwand weg. Eine Auto-Shift-Funktion schiebt die Kette automatisch hinten auf den Ritzeln hin und her und verhindert große Trittfrequenzsprünge beim Wechsel des vorderen Kettenblattes. Allerdings wird das Rad durch die Elektronik um ein paar hundert Gramm schwerer. Und der Akku der Schaltung leert sich irgendwann, was uns während der Testphase widerfuhr.

Für diesen Fall sieht Shimano vor, dass erst vorn der Umwerfer seinen Dienst quittiert, und zeitverzögert dann das Schaltwerk an der 11-fach-Kassette. So bleibt die Funktion bis zum Nachladen aufrechterhalten, wenn auch eingeschränkt. Aufgeladen wird die Batterie über ein kleines Kästchen, das unterm Vorbau an einem Kabel hängt. LEDs an der Verbindungseinheit zeigen den Ladezustand an. Kabel und Bremsschläuche sind weitgehend in Rahmen und Gabel verlegt, was den Endurance-Renner aufgeräumt erscheinen lässt.

Das werden wir nicht vergessen: Mit dem C3 mischt man mit: Unterwegs an einem sonnigen Sonntag auf der Landstraße wird man Teil der Rennrad-Community. Die Reaktionen der anderen zeigen es: Sie heben die Hand zum Gruß.



insgesamt 85 Beiträge
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Seite 1
frageniemals 17.12.2018
1. Ausgewogener Artikel
bitte des öfter mehr zum Thema Rennrad.
janos71 17.12.2018
2. Erstaunt
Ich bin jedesmal erstaunt wie es die Fahrradhersteller schaffen für so ein Low-Tech Gerät 4500 € in Rechnung zu stellen. Für diesen Preis dürfte man schon ein passables Motorrad bekommen, was technologisch deutlich komplexer ist. Hut ab vor den Marketing Experten der Fahrradschmieden.
manni.baum 17.12.2018
3. für 4500.-
Zitat von janos71Ich bin jedesmal erstaunt wie es die Fahrradhersteller schaffen für so ein Low-Tech Gerät 4500 € in Rechnung zu stellen. Für diesen Preis dürfte man schon ein passables Motorrad bekommen, was technologisch deutlich komplexer ist. Hut ab vor den Marketing Experten der Fahrradschmieden.
gibt es gebraucht schon Citroen C3 mit 4 Rädern.
efohy 17.12.2018
4. Bremsen
Richtig im Datenblatt, falsch im Text. Natürlich ist das Radl mit hydraulischen Bremsen ausgestattet.
Kamillo 17.12.2018
5.
Ich kann jetzt bei diesem Bike nicht wirklich einen Vorteil gegenüber meinem 29er Hardtail-MTB für nicht mal die Hälfte des Preises erkennen. Wenn ich auf dieses z.B. den Conti Race-King Reifen drauf mache, gehen mit dem auch 30 km/h ganz locker, ich halte das eine gute Stunde durch, und das selbst auf Waldautobahnen, dazu brauche ich dann nicht mal eine Straße. Über mehrere hundert Meter schaffe ich auch mal 40 km/h damit, aber das geht dann wirklich in die Beine. Aber ich komme mit dem Mountainbike (deswegen heißt es ja so) auch den Berg hoch, und wieder runter, dank verstellbarer Federgabel aber deutlich komfortabler als mit einem Rennrad in SUV-Optik. Wie oft muss man eigentlich bei so einer elektronischen Schaltung den Akku wechseln? Ist das wenigstens was handelsübliches oder ein Spezialteil, was man auf längeren Touren nicht vor Ort besorgen kann?
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