Autohersteller und IT-Unternehmen Konkurrenten auf Kuschelkurs

Auf der IT-Messe CES rücken Computerfirmen und Autobauer eng zusammen. Beide Branchen brauchen einander - und sind dennoch erbitterte Konkurrenten. Ein deutscher Pkw-Konzern hat jetzt sogar einen eigenen Tablet-PC im Programm.

Aus Las Vegas berichtet


Bei seinem ersten Auftritt auf der Elektronik-Messe CES vor drei Jahren wirkte Daimler-Chef Dieter Zetsche noch wie ein Fremdling unter den IT-Experten, Softwareentwicklern und Computernerds.

In diesem Jahr hielt Zetsche vor ihnen eine der Eröffnungsreden und zum Messeauftakt ließ sich CES-Chef Gary Shapiro in einem selbstfahrenden Mercedes auf die Bühne chauffieren. Insgesamt sind diesmal zehn Automarken in Las Vegas vertreten, neben Zetsche zählte auch Ford-Präsident Mark Fields zu den sogenannten Keynote-Speakern.

Kurz gesagt: Die Autohersteller sind in Las Vegas angekommen.

Hier haben offenbar zwei Branchen kapiert, dass sie einander brauchen. Während die Autobauer nicht um brillante Displays und immer schnellere Prozessoren herumkommen, hat die Elektronik-Industrie erkannt, dass auf der Straße noch viel Geld zu verdienen ist.

VW-Chef Martin Winterkorn kommentierte das am Rande der CES so: "Die beiden Jahrhunderterfindungen - Auto und Computer - rücken noch enger zusammen." Das mag stimmen. Aber so kuschelig und erfolgsversprechend das Zusammenkommen von Auto- und IT-Industrie auch aussieht: Grundsätzlich herrschen weiterhin Misstrauen und Konkurrenzdenken.

Warnung vor den Eindringlingen

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Autohersteller und IT-Unternehmen: Zwischen den Welten
Die Zeiten, in denen sich selbst Topmanager wie Zetsche oder Winterkorn von Computergurus wie Nachwuchskräfte behandeln lassen und um Termine betteln mussten, sind zwar vorbei. Aber die Beziehungen werden mittlerweile von einer gewissen Perspektivlosigkeit belastet: denn noch weiß niemand, wie viel Geld sich mit vernetzten und elektronisch aufgerüsteten Autos wirklich verdienen lässt.

Jan Burgard von der Strategieberatungsfirma Berylls in München sagt: "Die Frage nach der Rendite ist nach wie vor nicht geklärt. Die Vernetzung von Autos ist eine Investition in die Zukunft, und autonomes Fahren ist als Umsatz- und Erlösbringer noch lange kein Thema."

Hinzu kommt: Der gewaltige Daten-Berg, den vernetzte Autos anhäufen würden, dürfte wohl vor allem IT-Unternehmen nutzen. Unternehmen wie Google und Apple seien vornehmlich an Big Data interessiert, sagt Stefan Bratzel, Professor für Automobilwirtschaft aus Bergisch Gladbach. "Da kommen Akteure ins Spiel, die mit völlig neuen Geschäftsmodellen in die Auto- und Mobilitätswelt eindringen." Die Autohersteller müssten deshalb auf der Hut sein: "Disruptive Innovationen kommen häufig von außerhalb der traditionellen Branchengrenzen", sagt Bratzel.

Wie weit beide Seiten mitunter ins Terrain des anderen vordringen, beweisen zwei Beispiele: Erst stellte Google ein autonom fahrendes Auto vor, jetzt präsentiert Audi auf der CES einen hauseigenen Tablet-Computer. Im neuen Q7 soll man mit dem Gerät vom Rücksitz aus ins Bedien- und Infotainmentsystem eingreifen können und außerhalb des Wagens surfen, mailen oder Musik hören.

Die verfügbaren Tablets aus der IT-Branche waren Audi laut Unternehmenssprecher Stefan Moser einfach nicht gut genug. Vor allem in Sachen Daten- und Crashsicherheit habe man höhere Ansprüche an die Hardware.

Die Autobauer haben keine andere Wahl

Dabei haben die beiden Branchen zusammen schon einige Hürden überwunden. Zum Beispiel haben sich Auto- und IT-Industrie an ihre deutlich unterschiedlichen Entwicklungs- und Produktionszyklen gegenseitig angepasst. Zwar nimmt die Entwicklung eines Fahrzeugs immer noch einige Jahre in Anspruch, während zwischen zwei Sofware-Updates manchmal nur Tage liegen; doch dank gemeinsamer Plattformen wie Mirrorlink oder Apple Carplay lassen sich auch die neuesten Smartphones samt der meisten Apps in immer mehr Autos nutzen.

"Die Kunden erwarten einfach, dass sie ihre digitale Lebenswelt in unseren Modellen wiederfinden", sagt Elmar Frickenstein, Leiter des Bereichs Entwicklung Elektrik/Elektronik bei BMW. Das gilt es zu akzeptieren - "selbst wenn", so Frickenstein "wir uns dafür ein wenig öffnen müssen."

Tatsächlich haben die Autohersteller gar keine Alternative: Was sollten sie auch tun, wenn die Kunden lieber aufs Auto als aufs Smartphone verzichten und sich in Umfragen 47 Prozent der Befragten nicht vorstellen können, 24 Stunden lang ohne Telefon zu sein?



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
frummler 09.01.2015
1. und wer will sowas haben?
ein voll vernetzes auto was immer brav daten versendet wo jeder jederzeit ist? wo mann ohne werkstatt die haube nicht mehr öffnen braucht da mann keinen plan mehr hat was die ganzen teile überhaupt für ein funktion haben? nein danke sowas braucht kein mensch
papayu 09.01.2015
2. Ich krieg die Tuer nicht zu, Verzeihung auf!!
Wo bitte, kann man diese Riesentuer oeffnen? Wenn keine Gegenverkehr ist ? Und Leute sitzen nun mal nicht gern rueckwaerts. Und die Checkliste hat mehr als bei einem Flieger, als muss immer ein Beifl... Beifahrer dabei sein. Und bei 8,50 Stundenlohn?
kenterziege 09.01.2015
3. Die Innovationszyklen der Consumer-Elektronik hinken....
....den Innovationszyklen der Gesamtfahrzeuge um 2 bis drei Jahre hinterher. Nun mag es ja eine geneigte jugendliche Klientel geben, die ganz scharf auf total digitalisierte Cockpits wären. Diese jungen Leute können das nur nicht bezahlen. Ich muss ziemlich müde lächeln, wenn in unserem "Erstfahrzeug" , einem top ausgestatteten A4-Avant Bj. 2013 ein Navi Stand 2007 enthalten ist, dass dem fast kostenlosen Navi auf meinem I-Phone nicht das Wasser reichen kann. Dazu hinterlege ich auf dem I-Phone noch alle "Gefahrenstellen", bei denen man Gefahr läuft fotografiert zu werden. Aus politischer Korrektness ist die Ergänzung bei meinem A4 nicht möglich. Jetzt kommt es: In meinem 40 -Jährigen Oldtimer (Commodore) der bis auf das Radio und den Wischerintervall-Schalter absolut elektronikfrei ist, habe ich (versteckt) ein tolles Navi mit Radarwarner und in meinem relativ neuen Audi dafür eine Anzeige, die mir nach drei Stunden Fahrt sagt, dass es nun Zeit für einen Kaffee wäre. Diese Lücke wird ja eher noch größer, wenn man bedenkt, dass so ein Bürgermeisterauto, wie der A4 mit Quattro, Leder und Standheizung auch schon 50.000 € kostet. Das waren mal 100.000 DM. Und dafür fahre ich Elektronik durch die Gegend, die selbst wenn sie funktioniert, schon nach 2 Jahren total veraltet ist. Ich kann jeden verstehen, der sich für 60 k € lieber einen richtig schönen Oldtimer kauft. Da ist noch alles edel mit Chrom und Leder und ohne Schnick-Schnack. Den investiere ich lieber ins Haus um Diebe vom Einbruch abzuhalten!
jjcamera 09.01.2015
4. Big Brother
Das Letzte, was ich will, ist, dass mein Auto ein rollbarer Computer ist, der alle meine Bewegungen überwacht, mein Fahr- und Entertainmentverhalten beobachtet, registriert, analysiert und dann das ganze Datenpaket an den Fahrzeughersteller und den zuständigen IT-Konzern zur weiteren Verwendung sendet. Die sogenannte "Individualisierung" ist die Abschaffung der Individualität. Big Brother hoch 3.
Pferdeapfel 09.01.2015
5. Das Beschte oder nichts
Muss man Autos bauen mit immer größeren Rädern und immer kleiner werdendem Innenraum ? Dieses Konzeptcar taugt doch höchstens als Hingucker für den Showroom - wenn wir morgen ohne Fahrer unterwegs sein wollen, dann wollen wir die Landschaft sehen, nicht rückwärtsgerichtet die Mitfahrer betrachten müssen. Zum einen wird einem dadurch schlecht (also vom rückwärtsfahren) und zum anderen will man doch nicht stundenlang seinem Hintermann ins Gesicht sehen müssen. Sollen wir während der Fahrt Mensch ärgere dich nicht spielen oder Schwarzer Peter ? Da wären doch selbstfahrende Busse wesentlich sinnvoller, wenn man schon selber nicht mehr ans Steuer soll und die Unfälle der Technik und der Elektronik überlassen muss. Denn Unfälle wird es mit Sicherheit auch weiterhin geben, aber wer ist dann Schuld ? Wessen Versicherung bezahlt - ist das schon geklärt ?
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