Innovationen auf der CES Das Lenkrad der Zukunft

In Autos fühlt man sich mittlerweile von der Fülle an Funktionen überfordert. Einige Hersteller haben dieses Problem erkannt - und präsentierten auf der Elektronikmesse CES clevere Bedienkonzepte. Vier Beispiele.

BMW

Aus Las Vegas berichtet


Das Lenkrad der Zukunft

Die Massenplage von Knöpfen und Schaltern auf dem Armaturenbrett ist eines der nervigsten Probleme bei Autos - und eines der gefährlichsten, weil ihre Bedienung oft einem Suchspiel gleicht und man als Fahrer abgelenkt ist. Ein berührungsempfindliches Lenkrad des schwedisch-amerikanischen IT-Zulieferers Autoliv könnte dieses Problem lösen.

Das Konzept namens zForce hat einen großen Vorteil gegenüber anderen radikalen Aufräummethoden im Cockpit. Während man zum Beispiel in den Tesla-Modellen, in denen ein großer Touchscreen sämtliche Knöpfe ersetzt, immer noch in der Mittelkonsole rumfummeln muss und die Augen zwangsläufig von der Straße abwendet, bleiben die Hände bei der Autoliv-Innovation immer dort, wo sie beim Fahren hingehören: am Lenkrad.

Das Volant ist mit Infrarotsensoren ausgestattet und erkennt jederzeit, wo der Fahrer seine Finger hat; auf der freien Fläche des Lenkers kann man unterdessen drücken, wischen und ziehen wie auf einem berührungsempfindlichen Bildschirm. Erhält man zum Beispiel einen Anruf, leuchten zwei kleine Bereiche am Lenker rot und grün und mit einer kleinen Fingerbewegung kann man das Telefonat annehmen oder ablehnen. Der Knopf erscheint sozusagen nur dann, wenn er gebraucht wird.

Das Lenkrad zForce von Autoliv im Video:

Autoliv

Auf dem Lenkradkranz sind außerdem zwei Touchpads installiert, mit ihrer Hilfe kann man alle Bedienfunktionen vom Tempomat bis zum Navigationssystem auswählen. Das gibt es so ähnlich schon bei der neuen E-Klasse von Mercedes, allerdings mit viel kleineren Feldern und einigen zusätzlichen Knöpfen.

Das zForce-Lenkrad ist vor allem auch als Verständigungshilfe zwischen Mensch und Maschine konzipiert: Wenn das Auto beispielsweise automatisch fährt und plötzlich erkennt, dass der Fahrer wieder die Kontrolle übernehmen muss, ändert sich die Farbe des Lenkers. Das ist deutlich und unmissverständlich zu erkennen.

Zumindest der kurze Test einer Demoversion auf der CES hinterließ den Eindruck, dass sich mit dem griffigen Lenkrad die Funktionen im Auto noch intuitiver steuern lassen als mit Sprachbefehlen. Laut einem Autoliv-Entwickler soll das Lenkrad der Zukunft schon im nächsten Jahr Wirklichkeit werden. Derzeit sei man in Gesprächen mit Autoherstellern.


Eine unfassbare Erfindung

Auch BMW hat sich was einfallen lassen, um das Cockpit von Knöpfen zu befreien. Der Ansatz des deutschen Herstellers ist zwar nicht so praktisch wie das Lenkrad von Autoliv, dafür aber spektakulärer: Die Bedienelemente erscheinen virtuell in der Mittelkonsole - fühlen sich aber wie echte Schalter an. Es handelt sich sozusagen um berührungsempfindliche Hologramme. "Holoactive Touch" nennt BMW diese Erfindung.

Auf der CES ließ sich die Sci-Fi-Taste in einer Sitzkiste im BMW-Zelt ausprobieren. Ungefähr dort, wo sich bei traditionellen Autos der Marke der Knüppel der Gangschaltung befindet, schweben in der Kiste zwei streichholzschachtelgroße Bedienoberflächen in der Luft, ein Schalter mit "Ja" und einer mit "Nein". Das Navigationssystem hat zuvor eine Route vorgeschlagen, die nun ausgewählt oder abgelehnt werden kann. Die Schalter sind da und gleichzeitig weg, denn mit der ganzen Hand lassen sie sich nicht greifen, sie sind ein Hologramm. Wenn man aber gezielt mit der Fingerspitze auf eine der virtuellen Bedienflächen tippt, hört man ein Tonsignal - und spürt einen leichten Widerstand. Aber wie ist das bei einem Hologramm möglich?

Die Hologramm-Bedienung im Video:

So funktioniert der Trick: In der Mittelkonsole sind rund 300 Ultraschalllautsprecher verbaut, die Schallwellen aussenden. Es handelt sich dabei um eine Technologie, die schon seit Längerem in der Serienproduktion für Parksensoren verwendet wird. Über eine Kamera wird zudem die Position des Fingers erkannt, diese Technik ist unter anderem für die Gestensteuerung in den aktuellen BMW 5er- und 7er-Modellen im Einsatz. Die Schallwellen werden dann exakt an der Fingerspitze gebündelt - so entsteht der leichte Gegendruck. Das Hologramm wird quasi über die Gestenerkennung und den Ultraschall gestülpt: Über ein Display in der Mittelkonsole werden die Bedienoberflächen in die Luft gespiegelt. Fertig ist die Fata Morgana.

Obwohl einige Bestandteile von "Holoactive Touch" bereits in Serie gebaut werden, befindet sich das noch in der Vorentwicklung, sagt Sonja Rümelin, die das Projektionsprojekt bei BMW betreut. Bleibt zu hoffen, dass der Hersteller auch nach der CES die Hologrammfunktion weiterverfolgt - eine elegantere Art, Schalter in Luft aufzulösen, muss man erst einmal finden.


Feine Geste

Demo-Sitzkiste von Bosch
Bosch

Demo-Sitzkiste von Bosch

Die Gestensteuerung im BMW 5er und 7er wurde oben bereits erwähnt, zum Beispiel kann man hier durch einen Fingerdreh die Lautstärke des Radios verändern. In der Praxis ist das bisweilen eine unvollkommene Spielerei: Man ist sich nämlich nie so richtig sicher, ob man die Geste auch wirklich im Erkennungsbereich ausführt. Damit bleibt das Rumfuchteln manchmal wirkungslos, und das hat den gleichen Effekt wie ein Knopf, auf den man zweimal drücken muss, damit sich was tut. Sowas verzeiht man vielleicht in einem gebrauchten Renault 5 für 700 Euro, aber nicht in einem neuen BMW 5er für 70.000 Euro.

Eine Neuheit des Zulieferers Bosch kann da Abhilfe schaffen: Es handelt sich dabei um eine ähnliche Technologie, wie sie BMW bei seiner Hologramm-Steuerung verwendet - nur ohne Hologramm. Bosch erweitert die Gestensteuerung um ein Ultraschallfeld: Der Fahrer kann den Bereich vor dem Cockpit, in dem seine Gesten erkannt werden, somit ertasten. Man kann also zum Beispiel einen bestimmten Song anhand Wischbewegungen durch die Luft auswählen, ohne dabei die Augen vom Verkehr abzuwenden. Die unsichtbaren Ultraschallwellen sind ganz schmeichelhaft, sie fühlen sich ungefähr so an, wie wenn man die Lüftung im Auto auf eine niedrige Stufe einstellt und die Hand vors Gebläse hält.

Laut Angaben eines Entwicklers des Zulieferers ist die Technik soweit ausgereift, dass sie den Autoherstellern präsentiert werden kann. BMW, bitte mal bei Bosch melden!


Rechtzeitig abgewürgt

Rinspeed "Oasis"
Rinspeed

Rinspeed "Oasis"

Manchmal ist es wichtig, zum richtigen Zeitpunkt einfach mal zu schweigen. Das gilt für Menschen wie für Autos.

Ein Beispiel: Sie rollen an eine vielbefahrene Kreuzung und wollen nach links abbiegen, müssen also darauf achten, dass von vorn und von links und von rechts keiner kommt. Das erfordert Konzentration, sie müssen genau hinsehen und hinhören, der Hintermann starrt sie schon über den Rückspiegel drängelnd an, und wenn ausgerechnet jetzt das Handy über die Freisprechpanlage klingelt, wird die Sache nicht gerade einfacher, entweder sie drücken den Anruf weg, dann können sie kurz nicht aufpassen, oder aber sie nehmen ihn an und sind völlig abgelenkt - also was nun?

In so einem Moment wünscht man sich doch nur eines: Dass der störende Anruf gar nicht erst durchgelassen wird. Genauso eine automatische Vorzimmerdame für Autos hat der Elektronikkonzern Harman auf der CES vorgestellt. Als Kulisse diente dabei eine Studie des Schweizer Konzeptautobastlers Frank M. Rinderknecht, der Rinspeed "Oasis". Im Cockpit des futuristischen Kompaktwagens ist eine Kamera mit Augenerkennung verbaut: Anhand der Abfolge der Pupillenerweiterungen kann das System beurteilen, ob der Fahrer gestresst ist. Sollte er also Ruhe brauchen, werden Anrufe automatisch abgeblockt.

Die Funktion mag ein bisschen bestimmerisch wirken, aber angesichts der vielen Unfälle, deren Ursache auf Ablenkung zurückzuführen ist, sollte sie eigentlich zur Vorschrift werden. Genau das zeichnet schließlich die besten Innovationen der CES aus: Sie machen unser Leben einfacher und sicherer - selbst wenn das bedeutet, dass eine Technologie die andere abwürgt.



insgesamt 80 Beiträge
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rjsedv 11.01.2017
1. Beste Innovation - den ganzen Quatisch in die Tonne treten
Das Lenkrad scheint ja noch ganz passabel zu sein, um diese störende und vollkommen überflüssige Technik im Auto in den Griff zu bekommen (im Sinn des Wortes). Aber noch einfacher - weg mit dem Zeug auf die Müllhalde. Autos des letzten Jahrtausends waren da viel weiter und damit besser zu warten, weniger gefährlich durch Ablenkung, billiger, ... - was braucht es denn noch?
nwz86 11.01.2017
2. Kundenbedürfnisse
Will überhaupt jemand diesen ganzen Krempel? Versuchen die Hersteller zwanghaft zu innovieren, ohne Rücksicht auf die tatsächlichen Bedürfnisse von Kunden? Vielleicht werde ich ja auf meine alten Tage technikfeindlich, aber wenn ich mir ein Oberklassemodell kaufe, dann will ich Laufruhe und ein edles Interieur, und keine Virtual-Reality-Spielekonsole, die Hologramme herumprojeziert, mir ins Gesicht pustet und in Stressituationen auch mit dem Lenkrad flackert. Wenn das die Innovation Made in Germany ist, dann sehe ich für Lada sowie indische und chinesische Hersteller eine echte Chance auf dem europäischen Markt.
MKAchter 11.01.2017
3. Einfach
In der Einfachheit liegt manchmal die Lösung. Man kann auch schlicht auf Fahrzeuge mit diesen überbordenden Funktionen verzichten. Das geht sehr gut.
vanilla2611 11.01.2017
4.
Zitat von rjsedvDas Lenkrad scheint ja noch ganz passabel zu sein, um diese störende und vollkommen überflüssige Technik im Auto in den Griff zu bekommen (im Sinn des Wortes). Aber noch einfacher - weg mit dem Zeug auf die Müllhalde. Autos des letzten Jahrtausends waren da viel weiter und damit besser zu warten, weniger gefährlich durch Ablenkung, billiger, ... - was braucht es denn noch?
Ja, früher war bekanntlich alles besser und genau zu Ihrer Jugend war die Automobilindustrie am Limit des Vernünftigen, was Technik anging. Leben Sie damit, dass die Anforderungen sich ändern - wenn auch nicht immer Ihre. Wenn Sie so genau wüssten, was die Kunden wollen und brauchen, würden sie im Vorstand bei Daimler sitzen und nicht am virtuellen Stammtisch.
_derhenne 11.01.2017
5.
Man merkt immer mehr, dass die "klassische" Autoindustrie mit ihrem Latein am Ende ist. Nur immer schneller und immer mehr Schnickschnack um die vier Räder ist kein sinnvolles Ziel und erst recht nicht innovativ. Die Wissen einfach nicht was die Zukunft bringen wird, und sind auch nicht in der Lage, diese zu gestalten. Wer sich mit jungen Städtern unterhält, bemerkt schnell, dass 2 Tonnen rollendes Blech nichtmehr den gleichen Stellenwert haben wie noch vor 20 Jahren. Wir haben ernsthafte Probleme auf der Welt, aber Buttern Milliarden Euro, gigantische Ressourcen und massenhaft Hirnschmalz in eine veraltete Technologie des Individualverkehrs. Was bringt uns z.B. autonomes Fahren wirklich?
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