CES Shanghai Gentlemen, start your Betriebssystem

Bei der Suche nach dem Auto der Zukunft schaut die Branche hoffnungsvoll ins Silicon Valley. Das könnte ein Fehler sein: Denn auch in China programmieren IT-Konzerne an der digitalen Auto-Revolution - und bekommen reichlich Starthilfe.

GM

"Designed in California, assembled in China" steht es auf jedem iPhone, und bislang war die Aufgabenverteilung bei der digitalen Revolution klar: Das Hirn der IT-Welt lag im Silicon Valley, die Hand werkelte in China. Doch das könnte sich ändern - und damit auch die digitale Revolution des Automobils.

Eindeutiges Indiz: Die Consumer Electronics Show, kurz CES, hat als globale Plattform der Digitalindustrie jetzt von Las Vegas aus einen zweiten Branchengipfel in Shanghai organisiert. Genau wie in Amerika drängen am Pfingstwochenende auch in China die Autobosse mit in die erste Reihe und halten staatstragende Keynotes.

Auch in China fokussiert sich die Begeisterung für mobile Elektronik-Gerätschaften zunehmend auch auf das größte mobile Gerät, das die meisten je besitzen werden: ihr Auto. Das "Connected Car" und das "Internet of Vehicles" sind deshalb Schlagworte, die dort in aller Munde sind, sagt Mirjam Meissner von dem auf China-Studien spezialisierten Institut Merics in Berlin. "Es gibt dort eine Menge branchenfremder Unternehmen, die mit aller Macht ins Geschäft mit dem digitalen Auto drängen und eine Art iCar entwickeln."

Alles anders in China

Diese Entwicklung ist Audi, BMW oder Mercedes nicht verborgen geblieben, weswegen die Hersteller parallel zu ihren Tec-Offices in Sunnyvale, Palo Alto oder Mountain View auch Forschungszentren in Shanghai, Peking oder Shenzen unterhalten. Die Herausforderung besteht zur Zeit noch vor allem darin, ihre Produkte den lokalen Gegebenheiten und Vorlieben anzupassen. "Denn ein Chinese will seine digitale Lebenswelt genauso im Auto wiederfinden wie ein Amerikaner oder ein Europäer", sagt Peter Steiner, der bei Audi die "Electronic Ventures" leitet und für die Kooperationen mit IT-Firmen verantwortlich ist.

In einem Land, in dem Google blockiert ist, Twitter nicht funktioniert und selbst die Navigationskarten aus dem Westen nicht richtig funktionieren, muss man sich zudem mit den lokalen Stammspielern arrangieren: Baidu, Alibaba und Tencent sind darunter die wichtigsten und werden im Westen als BAT-Trio sehr genau beobachtet.

Aber wer nur über die Adaption bestehender Systeme und die Integration lokaler Partner nachdenkt, der denkt womöglich nicht weit genug, mahnt China-Expertin Meissner. Die BAT-Unternehmen seien auf den Geschmack gekommen. Meissner registriert eine ähnliche Dynamik wie im Silicon Valley. Alle drei chinesischen Digitalriesen haben Systeme am Start, die mit Silicon-Valley-Erfindungen wie Apple CarPlay oder Android Auto vergleichbar sind, schreibt Analystin Celina Li von IHS Automotive in ihrem Blog über das Connected Car in China:

Baidu hat dafür die Plattform CarLife entwickelt, die 95 Prozent aller Smartphones in China integrieren kann und auf den Internetdiensten des Unternehmens aufsetzt. Ihren Einstand gibt die Technik dieser Tage im Hyundai Sonata, aber IHS-Analystin Li berichtet auch von Partnerschaften mit BMW, Mercedes und Ford.

Alibaba hat sich mit der 1,5 Milliarden Dollar schweren Übernahme des chinesischen Navigationsanbeters AutoNavi ins Automobilgeschäft eingekauft und mit dem chinesischen Großkonzern Saic die Entwicklung einer gemeinsamen Infotainment-Plattform vereinbart.

Tencent, vor allem bekannt für den WhatsApp-Klon WeChat mit fast einer halben Milliarde Nutzern, hat ebenfalls eine eigene Plattform für das Auto entwickelt. Anders als Baidu und Alibaba drückt Tencent diese aber nicht über Partnerschaften in den Markt, sondern verkauft die "Lubao Box" als Nachrüstlösung über die Händler.

Aber eine Antwort auf Apple CarPlay und Co. reicht den chinesischen IT-Riesen offenbar nicht mehr. Genau wie die westlichen Internetgiganten wollen auch die Programmierer im Reich der Mitte im Geschäft mit Mobilität und mehr noch mit den Daten der Autofahrer mitmischen, schreibt Li. An Ambitionen und Selbstbewusstsein mangelt es den Chinesen dabei keineswegs. Jia Yueting, der Chairman des Internetunternehmens LeTV, das seine Technik gerade in einer spektakulären Elektroauto-Studie von BAIC verbaut hat, jedenfalls glaubt, dass die chinesische Autoindustrie die traditionellen Giganten aus Europa, Amerika, Japan oder Korea bei der Revolution des Autos durch das mobile Internet förmlich zersetzen kann.

Überholen im Elektroauto

Diese Hoffnung registriert Merics-Expertin Meisser bei vielen Unternehmen. "Nachdem die Chinesen mit konventionellen Fahrzeugen bisher nicht überzeugen konnten, versuchen sie nun, mit Elektrofahrzeugen und dem digitalen Auto die PS-Branche zu überholen", fasst sie die Motivation zusammen.

Dabei profitieren die Chinesen von Rahmenbedingungen, die sehr viel günstiger sind als anderswo, sagt Meissner. Weil die Regierung ihre eigene Industrie stärken wolle und im vernetzen Auto ein probates Mittel gegen Smog und Dauerstaus in chronisch überfüllten Millionenstädten sehe, tue sie alles dafür, die Entwicklung des iCar zu fördern. Hinderliche Themen wie Datenschutz oder dem Recht auf digitale Selbstbestimmung spielen in China zudem kaum eine Rolle. Im Gegenteil: "Dass die erhobenen Fahrzeugdaten vor allem dem Staat gehören, steht dort gar nicht zur Debatte", sagt Meissner.

Audi-Mann Steiner sieht darin den vielleicht größten Unterschied zwischen der IT-Entwicklung im Silicon Valley. "Wo sich Ideen im Westen erst einmal im Wettbewerb bewähren und am Markt durchsetzen müssen, wird in China oben beschlossen und dann unten konsequent umgesetzt." Dass viele digitale Trends dort schneller und stärker wachsen als im Rest der Welt, sei dann kein Wunder.

Angesichts dieser Dynamik ist das spannende Rennen um das vernetzte oder gar autonome Auto für China-Expertin Meissner noch lange nicht entschieden: "Ob das aus dem Kalifornien oder aus China kommt, ist noch nicht ausgemacht". Ein Mann wie Peter Steiner wird das so natürlich nicht unterschreiben. Er will alles dafür tun, dass die Zukunft des Autos weder in den Denkfabriken des Silicon Valley entschieden wird, noch in den Programmierstuben an der Seidenstraße. Sondern dort, wo seine Geschichte auch begonnen hat: in den Automobilwerken.



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Seite 1
felix-ferry 22.05.2015
1. Chancen nutzen
Unser Automobile Industrie ist ja ganz gut aufgestellt. Ob VW, Audi, BMW oder Mercedes, alle Manger haben erkannt, dass es hier um die Zukunft der ganzen Branche geht. Es stehen nicht nur viele Arbeitsplätze auf dem Spiel, sondern eine ganze Kernindustrie Deutschlands. Denn wenn wir dieses Spiel verlieren, verliert der ganze Wirtschaftsstandort, ein wichtiges Standbein. Die Politik muss die Automobil Industrie, hier mit allen Mitteln unterstützen. Es sollten nicht nur die Ressourcen der Autohersteller, sondern das ganze Wissenschaftliche Knowhow unsers Landes in diese Entwicklung fließen. So, dass wir diesen wichtigen Kampf um die Märkte der Zukunft gewinnen.
der_hojo 22.05.2015
2. Deutsche Autokonzerne
sind bereits meilenweit abgehängt, was die Entwicklung innovativer Fahrzeugkonzepte betrifft. Google, Tesla, Apple und etliche asiatische Firmen werden bald ganz vorne stehen. In Deutschland gehen bald die Lichtet aus. Der Untergang in der deutschen Elektronikbranche wird sich in der Autobranche wiederholen. Grundig, Telefunken, Schneider, Blaupunkt.... gibt's nur noch als Markenname für chinesische Elektronikartikel und sind bedeutungslos geworden. VW, BMW, Audi.... Sie alle werden das gleiche Schicksal erleiden.
vitalik 23.05.2015
3.
Zitat von der_hojosind bereits meilenweit abgehängt, was die Entwicklung innovativer Fahrzeugkonzepte betrifft. Google, Tesla, Apple und etliche asiatische Firmen werden bald ganz vorne stehen. In Deutschland gehen bald die Lichtet aus. Der Untergang in der deutschen Elektronikbranche wird sich in der Autobranche wiederholen. Grundig, Telefunken, Schneider, Blaupunkt.... gibt's nur noch als Markenname für chinesische Elektronikartikel und sind bedeutungslos geworden. VW, BMW, Audi.... Sie alle werden das gleiche Schicksal erleiden.
Ach, da ist wieder dieses Hightech Unternehmen Tesla. Was hat Tesla nochmal so inovatives hervorgebracht? Wann glauben Sie kann man in Europa ein selbstfahrendes Google Auto kaufen? Welche Entwicklung wollen Sie? Geht es wieder nur um Elektroautos und selbstfahrende Fahrzeuge?
vitalik 23.05.2015
4.
Zitat von der_hojosind bereits meilenweit abgehängt, was die Entwicklung innovativer Fahrzeugkonzepte betrifft. Google, Tesla, Apple und etliche asiatische Firmen werden bald ganz vorne stehen. In Deutschland gehen bald die Lichtet aus. Der Untergang in der deutschen Elektronikbranche wird sich in der Autobranche wiederholen. Grundig, Telefunken, Schneider, Blaupunkt.... gibt's nur noch als Markenname für chinesische Elektronikartikel und sind bedeutungslos geworden. VW, BMW, Audi.... Sie alle werden das gleiche Schicksal erleiden.
Ach, noch eine Ergänzung. Googlen Sie mal nach dem Google Auto bei Regen und Schnee.
manni.baum 23.05.2015
5. nächster Schritt
als nächsten Schritt bitte auch die Computer die Autos entwerfen lassen, die schaffen es auf 4m20 Länge fünf Erwachsene in ergonomischer Sitzposition unterzubringen und fabrizieren nicht so eine "psychedelische Deppen-Optik" wie beim gezeigten Chevy FNR.
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