Challenge Bibendum Im Erdgas-Caddy zum Umweltgipfel

Saubere und sparsame Fahrzeuge sind keine Utopie mehr: Während Audi, Ford & Co. kürzlich ihre Autos zur Challenge Bibendum nach Shanghai einfliegen ließen, reiste Rainer Zietlow auf eigener Achse an - per Erdgas-Caddy.


Die Fußmatten starren vor Dreck. Aus den Ablagen quellen Notizzettel, Landkarten, Reisesouvenirs. Spuren verschütteten Kaffees zieren die Sitze. "Tut mir leid", sagt Rainer Zietlow über den Saustall in seinem VW Caddy. "Ich habe extra aufgeräumt und den Wagen ausgesagt." Viel geholfen habe das aber nicht.

Über 60 Tage lebt Zietlow schon in dem kleinen Lieferwagen. 28.000 Kilometer weit trug der Wagen ihn von Berlin nach Osten. Mitte November erreichte er sein wichtigstes Zwischenziel: Die Challenge Bibendum in Shanghai.Bei dem vom Reifenhersteller Michelin organisierten Umweltgipfel für sparsame und saubere Fahrzeuge war Zietlows VW Caddy gut platziert. Schließlich tankt der Marathon-Fahrer Erdgas. Das löst zwar langfristig nicht das Problem schwindender Energiereserven, ist aber zumindest weniger klimaschädlich als Benzin oder Diesel, weil die Schadstoffemissionen geringer sind. Auf seiner bisherigen Strecke hat Zietlow im Vergleich zu einem konventionellen Benziner 1,1 Tonnen CO2 eingespart.

Außerdem bewies kein anderer der mehr als hundert Teilnehmer der Öko-Rallye glaubhafter, wie seriennah und produktionstauglich manche alternativer Antrieb mittlerweile ist. Denn Design- und Forschungsfahrzeuge wie der Mercedes F-600 oder der Citroen C-Metisse sehen zwar spektakulärer aus, und der VW Passat Blue Motion oder der Audi A5 TDI sind vielleicht gründlicher poliert - doch sie alle reisten per Flugzeug oder Schiff nach Shanghai. Zietlows Caddy ist das einzige Fahrzeug im Feld, das auf eigener Achse bis nach China fuhr. "Viel besser kann man Alltagstauglichkeit kaum beweisen", sagt der Abenteurer.

Der Weg nach Shanghai war durchaus eine Herausforderung. Immerhin gab es anfangs die unübersehbare Sojus-Erdgaspipeline als Orientierungshilfe. Zietlow uns sein Beifahrer nahmen den Weg des Erdgases - jedoch in umgekehrter Richtung. 2750 Kilometer reicht die Rohrleitung bis ins russische Orenburg, rund 2000 Kilometer südöstlich von Moskau. Dort, kurz vor der Grenze zu Kasachstan, liegt eines der größten Erdgasfelder Russlands. "Die Ankunft am späten Abend war atemberaubend", erzählt Zietlow. "Schon weit vor der Stadt haben turmhohe Erdgasfackeln die Nacht erhellt."

Gasknappheit am Rande des Gasvorkommens

Wer allerdings aus den Gasvorräten auf eine blühende Infrastruktur schließt, liegt falsch. Zietlow: "Weder in Russland, noch in der Ukraine gibt es Pkw mit Erdgasantrieb." An den oft wie Bunker oder Banken gesicherten Tankstellen steht ihr VW Caddy deshalb fast ausschließlich neben Bussen und Lastwagen. Mit frisch gefüllten Gastanks rollten Zietlow und sein Copilot Janusiewicz von Russland über die Ukraine nach Rumänien und Bulgarien. Auch hier war die Versorgung problematisch - und ohne die 13 Tanks im Laderaum des Kastenwagens, die eine Reichweite von 3000 Kilometern ermöglichen, wäre die Fahrt schon wieder zu Ende gewesen.

Einder dieser Tanks war übrigens gefüllt mit einem neuen Spezialgranulat der Chemiefirma BASF, das die Erdgasmoleküle besser binden und so eine bis 30 Prozent größere Füllmenge ermöglichen soll. Den Stoff in der Praxis zu testen, war einer der Gründe für die abenteuerliche Tour nach Fernost.

Die Route ging weiter durch die Türkei, Syrien und Jordanien nach Israel und Ägypten. Dort waren vor allem die Zollkontrollen ernste Hürden. Den israelischen Zöllner beispielsweise war das Auto suspekt. "Mit dem Laderaum voller Tanks wollten sie uns nicht ins Land lassen", erzählt Zietlow und machte sich auf den Rückweg in die Türkei. Während in Kleinasien und im Nahen Osten die Treibstoffrage am drängendsten ist, klappt ab Neu Delhi in dieser Hinsicht alles wie am Schnürchen. Seit die indische Regierung den gesamten öffentlichen Verkehr auf Erdgas umgestellt hat, findet sich der Treibstoff beinahe an jeder Straßenecke.

Sprünge im Glas und ein verlorenes Schutzblech

Von Delhi aus ging es weiter quer über den Subkontinent Richtung Himalaja. Die Straßen wurden schlechter, die Frontscheibe sprang und es gingen vier Reifen kaputt. Außerdem liegt jetzt irgendwo in Tibet ein Schutzblech vom Wagenboden des VW herrenlos herum. Aber der Caddy kam insgesamt munter voran bis zur Residenz des Dalai Lama in Lhasa. Mit Erdgas allerdings fuhr Zietlow da allerdings nicht mehr: In der indischen Millionenstadt Lucknow hatte er die Behälter zum letzten Mal füllen können. Seit diese Vorräte verbraucht waren, fuhr das Auto in Nepal und Tibet mit dem Sprit aus dem Reservetank. "Es zehrt ganz schön an den Nerven, wenn alle 100 Kilometer die rote Lampe leuchtet", sagt Zietlow über das geringe Fassungsvermögen es Notbehälters. Doch kaum in China, erfreute er sich wieder am typischen Rauschen der Zapfsäule. Das Zwischenziel in Shanghai erreichte er mit Gasantrieb.

Zwar war die Teilnahme an der Challenge Bibendum für Zietlow einer der Höhepunkte auf der ohnehin spektakulären Tour. Doch so ganz am Ziel ist er noch nicht: "Jetzt sind es noch gute 4000 Kilometer oder knapp zwei Wochen, erst dann haben wir in Bangkok wirklich das Ende der Reise erreicht." Sorgen hat er bei diesem Abschnitt kaum noch. "Das", sagt der Extremchauffeur, "fahren wir auf der rechten Po-Backe."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.