Mobilität

Anzeige

Start-up Chargery

Fahrradkuriere liefern Strom fürs E-Auto

Der Akku ist leer und keine Ladesäule in Sicht? Ein Berliner Start-up liefert Besitzern von Elektroautos Strom per Fahrrad. Kommt das an?

Von Steve Przybilla

Dienstag, 04.09.2018   04:21 Uhr

Anzeige

Der BMW i3 ist ausgepowert, er braucht neuen Strom. Doch Nachschub ist nicht verfügbar, denn das Elektroauto steht in einer normalen Parkbucht im Berliner Bezirk Friedrichshain. Weit und breit keine Ladesäule in Sicht.

Die Rettung kommt in Form eines E-Bikes. Maron Chatzifrantzis, 34, zieht einen Anhänger mit einer Metallbox hinter sich her, in der Batteriepakete stecken. 180 Kilo wiegt die Fracht, weshalb sich das E-Bike "wie ein Lkw fährt", wie Chatzifrantzis schnaufend bemerkt. Als er am Auto ankommt, geht alles ganz schnell: Anhänger abstellen, Ladekabel raus, Stromknopf an. Schon werden die Reserven wieder aufgefüllt.

Anzeige

Chatzifrantzis arbeitet als Stromkurier beim Berliner Start-up "Chargery". Die Firma will mit ihren mobilen Batterie-Anhängern eine Marktlücke im Bereich der E-Mobilität schließen: Wenn Ladesäulen belegt oder nicht verfügbar sind, springt Chargery ein. Das Geschäftsmodell ist nach Auskunft des Unternehmens einmalig in Deutschland.

Innerhalb von 30 Minuten - so das Versprechen - ist einer der Stromkuriere am Auto, um es mit neuer Energie zu versorgen. Derzeit sei die Kapazität des Gesamtsystems auf 24 kWh ausgelegt, genug für etwa 160 Kilometer Reichweite.

Anzeige

"Die Idee dazu kam uns, als wir von einem Benzin-Lieferdienst für Bentleys hörten", erzählt Christian Lang. Der 31-Jährige ist einer von drei jungen Männern, die Chargery im August 2017 gegründet haben. "Einen Benzindienst für Luxusautos braucht kein Mensch", meint Lang. "Aber Elektroautos? Das hat Zukunft."

Carsharing-Dienst DriveNow als Kunde

Ursprünglich hatten die Gründer eine geradezu futuristische Lösung im Sinn: Roboter sollten Elektroautos vollautomatisch mit Strom beliefern. Heute lacht Lang, der zuvor bei Audi gearbeitet hat, über die eigene Idee: "Wir haben uns für die Realität entschieden. In Großstädten kommt man mit dem Fahrrad einfach besser voran." Außerdem könne man direkt neben den Fahrzeugen parken.

Ein Ladenlokal in Berlin-Mitte dient Chargery als Büro und Werkstatt zugleich. Hier nehmen die Mitarbeiter ihre Aufträge entgegen, reparieren Fahrräder, laden die Lithium-Ionen-Akkus neu auf. Zehn Mitarbeiter hat das Start-up inzwischen, die Gründer mitgerechnet. Was die Firma mit ihrem Service verdient, will Lang nicht verraten. "Wir stehen ja erst ganz am Anfang."

Im Hinblick auf die Kunden zeigt er sich auskunftsfreudiger: Bislang arbeite man vor allem mit dem Carsharing-Dienst DriveNow zusammen. Pro Tag könne man etwa 25 Autos in Berlin aufladen, Tendenz steigend. Langfristig sollen weitere Städte und auch Privatkunden hinzukommen.

Nur knapp 54.000 E-Autos in Deutschland zugelassen

Dabei ist die Situation in Berlin im Vergleich zu anderen Städten geradezu komfortabel. Knapp über 2000 Elektroautos sind laut Kraftfahrtbundessamt in der Hauptstadt angemeldet. Ihnen stehen etwa 500 öffentliche Ladesäulen im Stadtgebiet gegenüber, die von unterschiedlichen Anbietern vorgehalten werden. Hinzu kommen private Ladestationen, etwa in Garagen oder Carports.

Momentan braucht Chargery vier Stunden, um ein Fahrzeug komplett aufzuladen. Vor Ort nutzen die Strom-Kuriere die Zeit, um die Carsharing-Autos zu warten: Die Fahrer füllen Wischwasser nach, saugen die Fußmatten ab, prüfen den Reifendruck. Der zusätzliche Service und Personalaufwand erklärt auch den Preis, der deutlich höher ist als die Ladung an einer regulären Stromtankstelle. Wie hoch dieser genau ist, sagt Lang nicht.

Noch ist Deutschland weit entfernt vom selbstgesteckten Ziel, bis 2020 eine Million Elektroautos auf der Straße zu haben: Am 1. Januar 2018 waren laut Kraftfahrtbundesamt nur 53.861 E-Autos angemeldet, aber im Vergleich zum Vorjahr entsprach dies einer Steigerung von über 58 Prozent. Dementsprechend optimistisch ist Lang, was das eigene Geschäftsmodell angeht: Viele Carsharing-Anbieter planten den Kauf von Elektroautos. Auch im Privatkundenbereich gebe es viel Potenzial.

"Die Leute bestellen auch für viel Geld eine Pizza"

Bleibt die Frage: Warum sollten Besitzer von Elektroautos überhaupt auf Dienste wie Chargery zurückgreifen? Immerhin wächst auch das Ladenetz ständig. Christian Lang lächelt. "Die Leute bestellen auch für viel Geld eine Pizza." Außerdem werde es noch lange dauern, bis flächendeckend genügend Ladesäulen verfügbar sind.

Der ADAC beurteilt die Lage ähnlich. Zwar sei die Situation inzwischen viel besser als noch vor einigen Jahren. "Ein solches Service-Angebot ist aber vielleicht eine Ergänzungslösung, die eine etwaige Lücke schließen kann", meint ADAC-Sprecher Christian Buric - "insofern das Angebot aus Verbraucherschutzsicht fair ist."

Patrick Jochem, Experte für Elektromobilität am Karlsruher Institut für Technologie, sieht die Sache skeptischer. Gerade in Großstädten könne man E-Autos nicht nur zu Hause, sondern auch beim Arbeitgeber oder während des Einkaufens laden. "Wenn überhaupt, dann sind solche Angebote auf dem Land interessant. Aber auch dann dürfte es sich für einen Fahrraddienst kaum lohnen, extra dort hinzufahren."

Weitere Artikel
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH