Autogramm Chevrolet Camaro ZL1: Wo bitte geht's zum Dragstrip?

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Vorlaut, bärenstark und spottbillig - ein Auto wie der Chevrolet Camaro ZL1 kann nur aus Amerika kommen. Leider kann man es auch nur dort fahren. Für deutsche Kunden ist der stärkste Camaro aller Zeiten nicht vorgesehen. Zeichen der Vernunft oder ärgerlicher Verzicht?

Chevrolet Camaro ZL1: Brennender Asphalt Fotos
Chevrolet

DER ERSTE EINDRUCK: Boah, ey! Angesichts des Camaro ZL1 wirkt selbst die aktuelle Corvette filigran und zivilisiert. Die Chevrolet-Haustuner haben den Wagen zum "stärksten Camaro aller Zeiten" aufgemotzt. Wenn man die lange Motorhaube mit der von vier riesigen Nüstern durchbrochene Hutze aus Karbon zum ersten Mal sieht, bekommt man es fast mit der Angst zu tun.

DAS SAGT DER HERSTELLER: Chevrolet knüpft mit dem ZL1 an eine alte Tradition an. Schon die erste Camaro-Generation war unter diesem Kürzel ab 1969 Dauergast auf den Dragstrips zwischen Miami und Santa Monica. Heute kontert der Bodybuilder unter den Muscle-Cars nicht nur direkte Konkurrenten wie den Ford Mustang Boss oder den Dodge Challenger SRT-8, sondern fährt mit 580 PS Leistung und 754 Nm Drehmoment durchaus auch Typen wie dem Audi R8 und dem Mercedes SLS in die Parade - nur dass diese Autos glatt doppelt so teuer sind. Obwohl sich der Preis für den Camaro mit dem Werkstuning fast verdoppelt, kostet der ZL1 in den USA 54.950 Dollar, umgerechnet weniger als 45.000 Euro.

Von diesem Schnäppchen profitieren die Europäer allerdings nicht. Weil Chevrolet den Camaro aufgrund des einfacheren Zulassungprocederes als Kleinseriemodell nach Europa importiert, dürfen nur tausend Autos eingeführt werden. "Dieses Kontingent reicht kaum für die normalen Coupés und Cabrios", sagt Chevrolet-Sprecher Rej Husetovic. Wer absolut will, kann den ZL1 bei einem freien Importeur kaufen - aber bei denen kostet der Wagen schnell mehr als 75.000 Euro.

DAS IST UNS AUFGEFALLEN: Dass man dieses Auto kaum normal und zivilisiert fahren kann. Fast automatisch spielt der rechte Fuß mit dem Gaspedal und lässt den Drehzahlmesser nach oben schnellen. Selbst im Stand klackert man ständig die Gänge durchs eng gestufte Getriebe. Und jede gewöhnliche Lichtzeichenanlage wird zur Startampel eines imaginären Dragstrips. Gang einlegen, Gas geben, Kupplung kommen lassen - und dann nichts als Vortrieb, Schall und Rauch. Mit so einem Fahrstil muss man die 305er Walzen auf der Hinterachse wahrscheinlich schon nach einer Woche wechseln, doch in diesem Auto kann man einfach nicht anders.

Der ZL1 beschleunigt nicht nur gut (in vier Sekunden von 0 auf 100), sondern das Teil versteht sich auch auf Kurven. Dank einer für US-Verhältnisse sehr direkten Lenkung, einem so genannten Magnetic-Ride-Fahrwerk (siehe TECHNIK ERKLÄRT) und Bremsen mit Scheiben in der Dimension einer Familienpizza ist der Wagen fahrerisch wirklich schwer in Ordnung. GM-Ingenieure melden für die Nürburgring-Nordschleife eine Rundenzeit von 7:41:27 Minuten für den Camaro ZL1.

Was bei aller Begeisterung allerdings auch auffällt: Innen ist der Wagen eine lieblose Plastikhütte. Auch schlecht vernähte Alcantara-Bezüge an Lenkrad und Armaturentafel oder rote Nähte an den Ledersitzen können nicht über die bescheidene Materialauswahl und die liederliche Verarbeitung hinwegtäuschen. Klappernde Konsolen, krumme Nähte im unmittelbaren Blickfeld und billige Plastikschalter hat dieses Auto nicht verdient.

DAS MUSS MAN WISSEN: Seine sportliche Schärfe verdankt der ZL1 der Corvette. Von ihr hat er nicht nur das adaptive Fahrwerk, sondern auch den Kompressor für den 6,2 Liter großen V8-Motor. Er macht dem Motor so viel Druck, dass die Leistung um beinahe 150 PS und das Drehmoment um fast 200 Nm steigt und der Camaro die Fahrleistung eines Supersportwagens erreicht.

Weil solche Autos zumindest in Amerika tatsächlich auf Rennstrecken und Dragstrips gefahren werden, kann man das Setup des ZL1 auf Knopfdruck verändern. Fahrwerk, Lenkung, Stabilitätssystem und Motorsteuerung lassen sich in fünf Stufen so variieren, dass man immer den perfekten Kavalierstart hinlegt. Außer um die Reifen muss man sich dabei um nichts sorgen. Das Hinterachsdifferential und die Kupplung sind so verstärkt, dass sie mindestens tausend Vollgasstarts aushalten.

DAS WERDEN WIR NICHT VERGESSEN: Den unbändigen Spaß bei jedem Ampelstart und das ebenfalls stets präsente, schlechte Gewissen. Außerdem ist da ja noch die Polizei; einem Cop möchte man mit diesem Wagen nun wirklich nicht vor die Radarpistole kommen.

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1. Nur kurz von hinten?
huettenfreak 04.06.2012
Ich glaube ja nicht das andere Verkehrsteilnehmer diesen Chevrolet nur ganz kurz von hinten sehen werden. Im Gegenteil, es ist genügend Zeit für den Hintermann sich das Heck gaaanz in Ruhe anzusehen. Warum? Weil dieser ZL1 wie jedes andere Auto auch einfach mit im Stau stehen muss. Aber zumindest kann man sich auf dem Papier über die enormen Leistungsdaten freuen.
2. Stau?
assiwichtel 04.06.2012
Zitat von huettenfreakIch glaube ja nicht das andere Verkehrsteilnehmer diesen Chevrolet nur ganz kurz von hinten sehen werden. Im Gegenteil, es ist genügend Zeit für den Hintermann sich das Heck gaaanz in Ruhe anzusehen. Warum? Weil dieser ZL1 wie jedes andere Auto auch einfach mit im Stau stehen muss. Aber zumindest kann man sich auf dem Papier über die enormen Leistungsdaten freuen.
Sie dürfen jetzt aber nicht den Parkstreifen vorm Haus mit Stau verwechseln. Also ich fahre eigentlich mehr, als daß ich stehe! Was anderes: ist der Camaro bei 290 abgeriegelt oder ist die Aerodynamik so schlecht, daß er trotz 580 PS nicht schneller fährt?
3. Und was wollen Sie uns damit sagen?
cor 04.06.2012
Zitat von huettenfreakIch glaube ja nicht das andere Verkehrsteilnehmer diesen Chevrolet nur ganz kurz von hinten sehen werden. Im Gegenteil, es ist genügend Zeit für den Hintermann sich das Heck gaaanz in Ruhe anzusehen. Warum? Weil dieser ZL1 wie jedes andere Auto auch einfach mit im Stau stehen muss. Aber zumindest kann man sich auf dem Papier über die enormen Leistungsdaten freuen.
Ein Auto mit über 100 PS macht also sowieso keinen Sinn oder was möchten Sie uns nun sagen? Eventuell fahren Sie einfach nur auf den falschen Strecken zur falschen Zeit und projizieren diese Erfahrung dann sofort auf alle anderen Verkehrsteilnehmer. Frei nach dem Motto: "Wenn ich nicht frei fahren kann, macht bei anderen ein schnelles Auto auch keinen Sinn".
4.
ctrlaltdel 04.06.2012
Zitat von corEin Auto mit über 100 PS macht also sowieso keinen Sinn oder was möchten Sie uns nun sagen? Eventuell fahren Sie einfach nur auf den falschen Strecken zur falschen Zeit und projizieren diese Erfahrung dann sofort auf alle anderen Verkehrsteilnehmer. Frei nach dem Motto: "Wenn ich nicht frei fahren kann, macht bei anderen ein schnelles Auto auch keinen Sinn".
nee ein Auto mit über 30 PS macht sowieso keinen Sinn ;-))
5. Ich denke mal das sogar 290 eine Überraschung..
thepunisher75 04.06.2012
Zitat von assiwichtelSie dürfen jetzt aber nicht den Parkstreifen vorm Haus mit Stau verwechseln. Also ich fahre eigentlich mehr, als daß ich stehe! Was anderes: ist der Camaro bei 290 abgeriegelt oder ist die Aerodynamik so schlecht, daß er trotz 580 PS nicht schneller fährt?
..ist bei 580 PS, werter Forist, denn erstens ist die Camaro ein ganz schön schwerer Brocken und zweitens ist sie kein Windei ! Übrigens, in Amerika legt man mehr wert auf die Beschleunigung (1/4 Meile !) als auf die Endgeschwindigkeit ! ;)
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Technik erklärt
Magnetic Ride...

ist eine Fahrwerkstechnologie, bei der das konventionelle Hydrauliköl in den Dämpfern durch eine Flüssigkeit mit mikroskopisch kleinen Metallpartikeln ersetzt wird. Diese Partikel lassen sich magnetisch anregen und von einer Elektronik so steuern, dass die Flüssigkeit mal mehr und mal weniger elastisch ist. Binnen Sekundenbruchteilen passt sich so das Federungsverhalten des Camaro dem Fahrstil und dem Fahrbahnbelag an.
Technik erklärt
Magnetic Ride...

ist eine Fahrwerkstechnologie, bei der das konventionelle Hydrauliköl in den Dämpfern durch eine Flüssigkeit mit mikroskopisch kleinen Metallpartikeln ersetzt wird. Diese Partikel lassen sich magnetisch anregen und von einer Elektronik so steuern, dass die Flüssigkeit mal mehr und mal weniger elastisch ist. Binnen Sekundenbruchteilen passt sich so das Federungsverhalten des Camaro dem Fahrstil und dem Fahrbahnbelag an.

Fahrzeugschein
Hersteller: Chevrolet
Typ: Camaro ZL1
Karosserie: Sportwagen/Coupé
Motor: V8-Benziner mit Kompressor
Getriebe: Sechsgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Heck
Hubraum: 6.162 ccm
Leistung: 580 PS (427 kW)
Drehmoment: 754 Nm
Von 0 auf 100: 4,0 s
Höchstgeschw.: 290 km/h
Verbrauch (ECE): 15,0 Liter
CO2-Ausstoß: 357 g/km
Kofferraum: 320 Liter
Maße: 4836 / 1918 / 1376
Preis: 75.000 EUR


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