Autogramm Chevrolet Corvette Die Trompeten von Jericho

Europäische Sportwagenfans belächeln die Corvette, auch wenn Chevys Dampfhammer in Sachen Leistungsdaten die meisten Konkurrenten lahm aussehen lässt. Auch die neue, siebte Generation begeistert mit brachialer Fahrdynamik - und bietet gleichzeitig viel mehr als ihre Vorgänger.

General Motors

Der erste Eindruck: Die Trompeten von Jericho - das ist die erste Assoziation, wenn man sich der neuen Corvette von hinten nähert. Dann fällt der Blick nämlich sofort auf die vier Auspuff-Endrohre, die aus dem Heck hervorragen. Und wenn diese vier Trompeten in Aktion versetzt werden, ist endgültig klar, dass dieses Auto gern den Lauten macht. Optisch, und erst recht akustisch.

Das sagt der Hersteller: Chevrolet rühmt die Corvette als erfolgreichsten Sportwagen der Welt. Von den bislang sechs Modellgenerationen wurden in den vergangenen 60 Jahren mehr als 1,5 Millionen Autos verkauft. Eine Eigenschaft der Corvette sei dabei immer erhalten geblieben, sagt Chefingenieur Tadge Juechter. "Egal wie jung oder alt oder trainiert man ist, am Steuer einer Corvette fühlt man sich in jedem Fall wie ein Athlet bei Olympia: schneller, stärker und agiler als jeder andere."

Die von den Fans aufgrund der Generationenfolge schlicht C7 genannte Neuauflage solle dieses Erfahrung vertiefen, sagt Juechter und haut gleich noch ein paar Superlative raus. Nummer sieben sei die stärkste, schnellste, dynamischste und agilste, kurz: die beste Corvette.

Das ist uns aufgefallen: Ein Kickdown reicht - und schon glaubt man, gleich gegen den Horizont zu knallen. Die brachiale Beschleunigung und das infernalische Getöse des 6,2 Liter großen V8-Motors - das kennt man schon von der Corvette. Neu ist dagegen das gute Gefühl bei derlei Manövern. Früher zitterte zuerst das Auto, dann der Fahrer. Das ist vorüber. Eine elektrische Servolenkung, ein adaptives Fahrwerk mit rasend schnellen Magnetspulen in den Dämpfern und gleich fünf Fahrprogramme machen die Furie auf Knopfdruck kontrollierbar.

"Wir wollten, dass jeder Spaß in der Corvette haben und das Potential ausreizen kann, nicht nur der absolute Profi", sagt Testfahrer Patrick Hermann. Dann zeigt er auf die beiden Paddel hinterm Lenkrad. Das sind keine Wippen für irgendeine müde schaltende Automatik, sondern die Hebel für die Funktion "Rev Match", mit der Chevrolet auch Amateuren den perfekten Wechsel zwischen den sieben von Hand geschalteten Gängen ermöglicht. Statt in der Hektik einer scharfen Fahrt auch noch auf Zwischengas zu achten, gleicht die Elektronik die Drehzahlen während des Kuppelns präzise an, so dass keinerlei Schaltrucke mehr spürbar sind.

So ernst Chevrolet die neue Fahrbarkeit nimmt, so leicht lässt sich dennoch der alte Charakter der Corvette wieder herauskitzeln. Ein wenig feuchtes Herbstlaub, ein bisschen Übermut und ein kleiner Dreh der Schalters auf der Mittelkonsole auf die Stellung "Track-Modus" - schon wird der Donnerkeil zum Quertreiber.

Nicht nur beim Fahrverhalten, auch beim Interieur zeigt die Corvette eine neue Seite. War die US-Ikone stets so schlicht möbliert wie ein billiges Vorstadtmotel, sieht sie neuerdings richtig schmuck aus. Dazu tragen ein großer Bildschirm als Zentralinstrument mit vielen tollen Grafiken, ordentlich vernähte Lederbezüge und ansehnliche Kunststoffe in den Konsolen bei.

Das muss man wissen: Die C7 ist keine Weiterentwicklung, sondern nach Angaben des Herstellers ein völlig neues Auto, das vom Vorgänger als einziges Teil den Haltegriff für das herausnehmbare Dachteil übernommen hat. Die Karbonplatte ist mit drei Griffen demontiert, verschwindet in dem für einen Sportwagen riesigen Kofferraum (mit 425 Litern ist er sogar größer als beim VW Golf) und macht das Coupé im Handumdrehen zum Targa. Trotzdem wird es im Frühjahr noch ein echtes Cabrio mit Stoffdach geben. Nicht nur die Dachplatte, auch die riesige Motorhaube ist aus Karbon gebacken und der Rahmen besteht jetzt nicht mehr aus Stahl, sondern aus Aluminium und spart deshalb weitere 45 Kilogramm Gewicht.

Komplett neu ist auch der Motor mit 6,2 Liter Hubraum, der weiterhin den Namen Smallblock trägt, jedoch auf Direkteinspritzung umgestellt wurde. In der Basisversion leistet die Maschine 466 PS und geht mit 630 Nm Drehmoment zu Werke. Das reicht für den Sprint von 0 auf 100 in 4,3 Sekunden und ein Spitzentempo, das deutlich jenseits von 300 km/h liegen dürfte. "Offiziell hat das noch keiner gemessen", räumen die Amerikaner zähneknirschend ein. Auch der Normverbrauch taucht in den Datenblättern noch nicht auf. Es geht aber das Gerücht, dass man den Wagen im EcoModus mit Zylinderabschaltung und behutsamer Fahrweise mit weniger als acht Litern bewegen kann.

Anders als sonst oft bei US-Modellen, können Corvette-Fans in Europa den Wagen praktisch ab sofort kaufen - in den USA hingegen melden etliche Auto-Portale bereits mehr als ein Jahr Wartezeit. Der Preis für die hierzulande serienmäßig mit dem Performance-Paket ausgestattete Corvette liegt bei 69.990 Euro. Die ersten Autos sollen schon bald in Rotterdam anlanden.

Das werden wir nicht vergessen: Es gibt so viel, was von der Corvette in Erinnerung bleibt. Wenn der Blick vom Fahrersitz über die endlos lange Motorhaube schweift, wenn beim Kickdown ein feines Zittern durchs ganze Auto geht und über die Wirbelsäule direkt bis ins Kleinhirn übertragen wird, wenn die Autos im Spiegel plötzlich rückwärts zu fahren scheinen, nur weil man heruntergeschaltet und Gas gegeben hat. Oder wenn dank des Rev-Matchings mal wieder ein Gang so sanft und seidig einrastet, als wäre hier eine Doppelkupplung am Werk. Aber nichts ist markanter als eine Vollgas-Fanfare aus den vier Endtöpfen, wenn die Corvette mit geöffneten Schallklappen davon rauscht - selten war heiße Luft derart gehaltvoll.

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insgesamt 56 Beiträge
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rennflosse 23.10.2013
1. Stereotype
Zitat von sysopGeneral MotorsEuropäische Sportwagenfans belächeln die Corvette, auch wenn Chevys Dampfhammer in Sachen Leistungsdaten die meisten Konkurrenten lahm aussehen lässt. Auch die neue, siebte Generation begeistert mit brachialer Fahrdynamik - und bietet gleichzeitig viel mehr als ihre Vorgänger. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/chevrolet-corvette-die-siebte-generation-des-us-sportwagens-a-929082.html
Diese stereotype Aussage haben die Autotester für jede vorige Generation der Corvette auch getätigt. Genauso. Auch außerhalb Amerikas hat die Corvette viele Freunde. Auch solche, die selbst keine fahren.
schredder66 23.10.2013
2. Abwechslung
Die Corvette - eine immer gern gesehene Abwechslung und, mehr noch, eine echte Alternative im langweiligen Sportwagen-Einheitsbrei aus Zuffenhausen und Maranello. Und das zu Preisen ab knapp unter 70.000 Euro. Auch die Performance scheint zu stimmen - der Deutschen liebste Nordschleife bestätigt das. Was will man mehr? Weniger Verbrauch? Uninteressant, denn Vati´s Öko-Auto verbraucht über´s Jahr gesehen mehr als eine hin und wieder gefahrene Corvette.
Morrison 23.10.2013
3. Corvette rules
Zitat von sysopGeneral MotorsEuropäische Sportwagenfans belächeln die Corvette, auch wenn Chevys Dampfhammer in Sachen Leistungsdaten die meisten Konkurrenten lahm aussehen lässt. Auch die neue, siebte Generation begeistert mit brachialer Fahrdynamik - und bietet gleichzeitig viel mehr als ihre Vorgänger. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/chevrolet-corvette-die-siebte-generation-des-us-sportwagens-a-929082.html
Ich durfte bei der ersten Präsentation der neuen C7 im Rahmen der Louis Chevrolet Tour 2013 mit dabei sein und zumindest einmal "Probesitzen" und kann nur sagen, dass das neue Interieur wirklich kaum Wünsche offen läßt und entsprechend hochwertig wirkt. Im Gegensatz zum Vorgänger hat man hier kräftig zugelegt. Was Chevrolet da wieder auf die Beine gestellt hat und vor allem zu welchem Preis, sollte manchen europäischen Herstellern zu denken geben. Nicht umsonst fährt der Konkurrent Porsche mega Renditen ein. Was die Vette betrifft, so wünsche ich ihr einen erfolgreichen Start und freue mich schon auf die leistungsgesteigerten Varianten. Die ZR1 ist in fast allen Tests der großen Automobilzeitschriften in Deutschland den Konkurrenten von Porsche und Co um die Ohren gefahren.. Zum Teil für die Hälfte des Preises.
Mario V. 23.10.2013
4. Offiziell hat das noch keiner gemessen
Na irgendeiner muss mit dem Ding ja doch mal Höchstgeschwindigkeit gefahren sein, und wenn's nur auf dem Prüfstand war. Die können ja kein Auto verkaufen, bei dem der Kunde der erste ist, der es bis auf Höchstgeschwindigkeit bringt, und es dann vielleicht zu einem Motor- oder Getriebeschaden oder im schlimmsten Fall zu einem Unfall kommt, weil es vorher nie getestet wurde und irgendein Teil versagt.
assiwichtel 23.10.2013
5. Vette-Merkmal
Auch wenn mir die herumgezugene Heckscheibe aller Vorgängermodell nie so richtig gefallen wollte, war sie doch ein Erkennungsmerkmal der Corvette. Dieser neuen Generation fehlt nun gerade diese Heckscheibe. Irgendwie schade! Mal sehen, was mit der Z 01 dann so zu erwarten sein wird!?!
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