Die Szenerie ist alles andere als einladend. Dunkle Straßen, Schlaglöcher so groß wie Bombenkrater, leerstehende Fabrikhallen mit eingestürzten Decken. Rund um die Clay Street in Detroit sieht es übel aus. Doch an diesem Abend erstrahlt die Industriebrache in Hochglanz: Hersteller Chevrolet enthüllt hier vor mehr als tausend Gästen die neue Corvette. Kein anderes Modell wurde mit mehr Spannung auf der Auto Show erwartet als die C7.
Der heruntergekommene Veranstaltungsort hat symbolischen Charakter. Denn so wie die Ruinen an diesem Abend leuchten, so hat sich die gesamte US-Autoindustrie nach der Krise vor fünf Jahren ins Rampenlicht zurückgekämpft. Und wenn es dafür neben den steigenden Verkaufszahlen noch eines Beweises bedurfte, dann liefert ihn nun diese PS-Party zur Premiere der neuen Corvette.
Für viele tausend Mitarbeiter beim Mutterkonzern General Motors sei dieses Auto der Grund, weshalb sie überhaupt zur Firma gekommen seien, sagt Mark Reuss, der US-Chef von GM. Und der Gedanke an die neue Corvette sei es gewesen, der vielen in der Krise den Rücken gestärkt habe.
Die vornehmlich amerikanischen Gäste der Veranstaltung sehen das offenbar genauso: Nach einem einpeitschenden Solo eines Rock-Gitarristen und einer knappen Video-Präsentation brandet tosender, lang anhaltender Applaus auf, als endlich die Corvette der Generation C7 auf die Bühne rollt. Unter den Blitzlichtern Hunderter Kameras funkelt das Auto in feurigem Rot.
Die Schnellste ihrer Art - und die Sparsamste
Beruhigt euch wieder, ist auch nur ein Auto, möchte man den Ausflippenden zurufen. Doch hey, für Amerikaner ist das hier die Mutter aller Sportwagen. Designchef Ed Welburn sagt sogar, das Auto sei "larger than life", ein überlebensgroßer Mythos. Da darf man schon mal ein bisschen aus dem Häuschen geraten.
Seit 60 Jahren baut Chevrolet dieses Auto, von den vorangegangenen sechs Generationen wurden mehr als 1,5 Millionen Exemplare verkauft. Und die neue Corvette reiht sich allem Anschein nach in diese Erfolgsgeschichte der Klassiker ein.
Zwar werden die vielen großen Worte bislang erst durch ein paar Daten untermauert, doch schon die haben es in sich. Unter der Haube steckt ein V8-Motor mit 6,2 Liter Hubraum, rund 450 PS und 610 Nm Drehmoment. Die Tachoskala reicht bis weit über 300 km/h. Chefingenieur Tadge Juechter sagt, die neue Corvette sei die stärkste und schärfste aller Zeiten.
Ein besonderer Name
Um das zu unterstreichen, kramten die Marketingleute tief in der Kiste mit den großen Erinnerungen - und fischten den seit mehr als 30 Jahre unbenutzten Beinamen Stingray wieder hervor. Die neue Corvette trägt also wieder das Logo eines Stachelrochen. "Der legendäre Name war in der Corvette-Geschichte für die ganz besonderen Autos reserviert. Mit der C7 kehrt er nun zurück", sagt Manager Reuss unter großem Applaus.
Der Name mag nostalgisch sein, aber die neue Corvette ist auf der Höhe ihrer Zeit. Aus dem brachialen Holzhammer für den Highway ist ein moderner Supersportwagen geworden, einer mit Benzindirekteinspritzung und Zylinderabschaltung zum Beispiel, wodurch das Coupé auch zur sparsamsten Corvette aller Zeiten werden soll. Neu sind auch die Sechsgang-Automatik und das Siebengang-Schaltgetriebe sowie die Drehzahlsteuerung. Und schließlich kommen bei der C7 Leichtbautechnologien wie ein Aluminiumrahmen sowie Motorhaube und Dachplatten aus Karbon zum Einsatz.
Dazu gibt es ein aufwendiges Fahrwerk und eine neue Fahrdynamikregelung, mit der sich in fünf Stufen der Charakter der Corvette verändern lässt. Das System greift in Motor- und Getriebesteuerung ein, verändert die Toleranz der elektronischen Assistenzsysteme und die Abstimmung des Fahrwerks.
Auch der Innenraum der Vette wurde komplett renoviert, nun ist endlich Schluss mit der schon traditionellen Lieblosigkeit der Einrichtung. Offenbar hat Chevrolet kapiert, dass der Fahrspaß noch größer wird, wenn man ihn nicht in einer grauen Plastikwüste erlebt. "Alles, was man hier sieht, ist echt", sagt Designer Welburn mit Blick auf das Interieur aus Karbon, Aluminium und handvernähtem Leder.
Spektakuläres Auspuff-Quartett
Auf den ersten Blick sieht das Cockpit jetzt richtig einladend aus. Und außen ist der Wagen geradezu sensationell geworden. Klar, das ist eine Frage des Geschmacks - aber wenn ein Sportwagen vor allem auffallen, aufreizen und provozieren soll, dann ist die C7 ein Meisterstück: Das Design mit der tiefen und extrem langen Haube, der schlanken Flanke mit den riesigen Kiemen und vor allem mit dem brachial breiten Heck und den vier riesigen, rotzfrech in die Mitte gerückten Endrohren ist spektakulär. Jeder Porsche sieht dagegen brav aus.
Aber solche Vergleiche sind für Corvette-Chefingenieur Tadge Juechter eher nebensächlich. "Eigentlich gibt es keinen Wettbewerber für uns. Die Corvette hat in den USA unter den Sportwagen einen Marktanteil von 30 Prozent, und die USA sind der wichtigste Markt für uns. Da müssen wir also vor allem auf uns selbst achten."
Im Herbst ist Verkaufsstart in Amerika, nach Europa soll der Stingray wenig später kommen. Zu den Preisen schweigt Chevrolet noch - billiger als der rund 80.000 Euro teure Vorgänger wird die neue C7 aber wohl kaum werden.
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